Anatoli Rybakow – Die Kinder vom Arbat

Anatoli Rybakow - Die Kinder vom ArbatKaum ein Roman kann die Herrschaft Josef Stalins besser skizzieren als Anatoli Rybakows »Die Kinder vom Arbat«. Von 1966 bis 1983 schrieb der Autor daran, bis er 1987 endlich und während Michail Gorbatschows Amtszeit veröffentlicht werden durfte. Rybakow (*1911 – †1998) geniert sich nicht, macht reinen Tisch mit dem Stalinismus und zeigt die Quittungen der totalitären Diktatur auf, die jegliche Gesellschaftsschicht erhielt. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass »Die Kinder vom Arbat« stark autobiografisch geprägt ist. Rybakow selbst lebte einst im Moskauer Stadtteil Arbat, wurde wie die Hauptfigur nach Sibirien verbannt, war wehrlos und hatte sich zu fügen. Entsprechend kann das hochpolitische Buch als Abrechnung verstanden werden. Nein, muss es sogar. Außerdem steht es heute für ein Symbol der Glasnost-Politik.

Aus unterschiedlichen Perspektiven beschreibt Rybakow das Leben in der Sowjetunion in den Jahren 1933 bis ’34. Alexander Pawlowitsch Pankratow, kurz Sascha, wächst wohlbehütet auf und engagiert sich im Komsomol. Der Kommunist durch und durch wird dann zum Opfer, weil er sich auf der untersten Stufe der Hierarchie befindet. Vorgeworfen werden ihm zwar nur Bagatellen, er habe einige parteikritische Aussagen getroffen und Karikaturen verbreitet, doch alles nimmt ein viel größeres Ausmaß. Sascha weigert sich seine Fehler einzugestehen, wird von seiner Hochschule exmatrikuliert und wandert ins Gefängnis. Weil er kein Schuldgeständnis unterschreiben will, wird er dann für drei Jahre nach Sibirien verbannt. Weswegen? Der kleine Fisch kann es nur vermuten. Selbst sein Onkel Mark, der mit Stalin verkehrt und sich ganz oben auf der Karriereleiter befindet, und Diplomat Iwan Budjagin, Vater seiner Schulfreundin Lena, können ihn nicht aus der misslichen Lage befreien. Stehen sie wie Sascha doch selbst auf Stalins Abschussliste.

Das Gespräch gestaltete sich anders, als Sascha es sich vorgestellt hatte; darauf war er nicht vorbereitet. Er fühlte einen beklemmende Übelkeit erregenden Druck in der Magengrube – wie damals, wenn er als kleiner Junge auf der Feuerwehrleiter aufs Dach geklettert war. […] Das gleiche Gefühl, in ein tödliches, verhängnisvolles Spiel verwickelt zu sein, überwältigte ihn auch jetzt, da er vor dem Vernehmungsbeamten saß, sein Herz verkrampfte sich ebenso qualvoll wie damals in seiner Verlorenheit. Sein Fall war eine Lappalie, lächerlich, aber als politisches Verbrechen mit Verhaftung, Gefängnis und Vernehmung hochgespielt, wurde er zu einem unheimlichen Phantom. Vor ihm saß ein Kamerad und Genosse, ein Kommunist, aber für ihn war Sascha ein Feind. (S. 162)

Selbst im Exil muss Sascha aufpassen, nicht ins nächste Fettnäpfchen zu treten, denn dann ruft das Arbeitslager. In Mosgowa richtet sich Sascha ein, gerät allerdings mit dem Kolchosvorsitzenden aneinander. Trotz der verhängnisvollen Lage rückt Sascha nicht von seiner poltischen Einstellung ab.

»Ich habe begriffen, daß ich rechtlos bin, daß man mit mir machen kann, was man will, mich wegen Sabotage verurteilen, wegen Untergrabung der Autorität, man darf mich beleidigen und mir ins Gesicht spucken. […] Außerdem möchte ich Ihnen sagen«, fuhr Sascha fort, »daß ich ihre Ausführungen über die Manipulation des Begriffs Sabotage für amoralisch halte. Ich gebe zu, daß Fehler gemacht werden, sogar viele Fehler, das ich habe ich am eigenen Leib erfahren. Aber daß Sabotage als staatspolitisches Instrument gehandhabt wird, das kann ich nicht glauben. Eine solche Möglichkeit zuzulassen, hieße den Glauben an die Partei verlieren, ich aber glaube an die Partei, trotz allem, was mir widerfahren ist.« (S. 518)

Neben Saschas Schicksal werden auch die Werdegänge seiner (einstigen) Freunde aus dem Arbat thematisiert. Jurij Scharock, der streng genommen, überhaupt keinen Kommunisten darstellt, steigt, weil er sich unterordnen kann und keine kritische Denkweise pflegt, im Innenministerium und Geheimdienst ordentlich auf, wird zu Saschas Gegenspieler. Schönheit Warja, die sich vor Saschas Deportation in ihn verliebt hatte, verkehrt mit dem Spieler Kostja, der ihr Zugänge in noble Restaurants gewährt, und unterstützt Saschas Mutter. Wadim wird zum Theaterkritiker.

Auch, und das erscheint besonders interessant, wird die Karriere von Josef Stalin beleuchtet. Anatoli Rybakow war einer der ersten Schriftsteller, die Stalin namentlich nannten. Ständig blendet Rybakow Monologe von Stalin ein, der stets auf der Hut vor Oppositionellen ist und Gegenbewegungen im Keim ersticken will. Für die Abbildung dieses sturen und fanatischen Charakters hat der Autor eigens recherchiert, so u.a. mit Zeugen wie Stalins Zahnarzt gesprochen. Der Leser erfährt viel über Stalin, wie er aufwuchs, sich zum Priester ausbilden lassen wollte, dass er sogar selbst mal Gedichte schrieb, Alexander Puschkins Drama »Boris Godunow« liebte und unheimlich eifersüchtig war. Auch schildert Rybakow das Verhältnis zwischen Stalin und dem Leningrader Parteichef Sergej Kirow. Dieser sprach sich zwar immer für Stalin aus, wurde innerhalb der Partei immer beliebter und damit eine potentielle Gefahr für Stalin, ehe er dann von einem Attentäter erschossen wurde.

Trotzdem mußten und würden alle Gegner – die früheren, die jetzigen und die zukünftigen – vernichtet werden. Das einzige sozialistische Land auf der Welt konnte sich nur behaupten, wenn es im Inneren unerschüttlich stabil war, und das war zugleich die Gewähr seiner Stabilität gegenüber dem Ausland. Im Falle eines Krieges mußte der Staat eine unerschütterliche Macht darstellen, ebenso aber auch im Frieden; wollte sein Staat den Frieden, mußte ER im Ausland gefürchtet werden. Um aus dem Agrarstaat in kürzester Zeit einen Industriestaat zu machen, waren zahllose materielle und menschliche Opfer erforderlich. Das Volk mußte diese Opfer bringen. Allein mit Begeisterung war es jedoch nicht getan, man mußte das Volk zu diesen Opfern zwingen. Und das wiederum vermochte nur eine starke Regierung, die dem Volk Furcht einflößte. Die Furcht mußte mit allen Mitteln genährt werden, die Theorie des unaufhörlichen Klassenkampfes eröffnete dazu alle Möglichkeiten. Auch wenn das ein paar Millionen Menschenleben kostete – die Geschichte würde das dem Genossen Stalin verzeihen. Würde er den Staat jedoch ungeschützt seinem Schicksal überlassen – das würde ihm die Geschichte nie verzeihen. (S. 382)

Während Alexander Solschenizyn »Der Archipel Gulag« im Ausland und Paris herausbrachte, musste »Die Kinder vom Arbat« 20 Jahre auf eine Veröffentlichung warten. Rybakow wollte es so und sprach sich nur für eine Publikation in seinem Heimatland aus, was sich wegen der Zensur als schwierig erwies: »Aber es ist mein Volk, das dieses Buch braucht, und so habe ich gewartet, bis es hier erscheinen konnte.« Die Sonderauflage der Zeitschrift »Druschba narodow« mit dem Roman wurde 1987 fast eine Millionen Mal gedruckt. Ein Jahr später wurden dann 500.000 Bücher innerhalb von zwei Tagen verkauft. Die Zahlen sprechen für sich, wie die Aussagen, was Rybakow mit seinem Meisterwerk bewirken wollte:

Daß sich so etwas wie Stalin und seine Zeit niemals wiederholen darf und daß die höchsten Werte immer die allgemein menschlichen sind: Wahrheit, Liebe zum Nächsten, Achtung seiner Menschenwürde, Respektierung der Würde anderer Völker, Ehrlichkeit und Vertrauen. Es ist meine große Hoffnung, daß mein Roman in diesem Lande dazu beitragen kann, all das zurückzugewinnen.

»Die Kinder vom Arbat« ist ein wuchtiges Werk, das zeigt, wie sich junge Erwachsene im undurchsichtigen, stalinistischen System behaupten mussten. Die Angst vor Denunziationen und Repressalien war ubiquitär. Anatoli Rybakows hat mit seinem exzellent verfassten Epos Geschichte reproduziert, die zudem aufdeckt und sich lange hinter verschlossenen Türen befand. Wer den Stalinismus verstehen will, muss diese außerordentliche Niederschrift lesen!

[Buchinformationen: Rybakow, Anatoli (1990): Die Kinder vom Arbat. 2. Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag. Aus dem Russischen von Juri Elperin. Titel der Originalausgabe: Дети Арбата (1987). 760 Seiten. ISBN: 3-423-11315-4]

[Anmerkung: »Jahre des Terrors« und »Stadt der Angst« heißen die Fortsetzungen von »Die Kinder vom Arbat«. Alle Ausgaben sind nur noch antiquarisch erhältlich. Der vierte Teil »Staub und Asche« wurde bisher nicht ins Deutsche übersetzt.]

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