Quer durch Moskau

Wer Moskau besucht, muss unbedingt den Kreml und Roten Platz sehen. Schaschlik und Kaviar essen, ein bisschen Vodka trinken. Nachdem das auf der Liste abgehakt ist, kann der Tourist sich auf die Spuren von großen Literaten begeben. So habe ich es zumindest gemacht. Was dabei rausgekommen ist? Lest selbst!

Wo »Doktor Schiwago« entstand

Das muss ein buntes Treiben früher in Peredelkino gewesen sein… In den 50 Datschen wohnen Ende der dreißiger Jahre die unterschiedlichsten Schriftsteller, unter anderem Isaak Babel (»Die Reiterarmee«), Ilja Ilf (»Zwölf Stühle«) – und eben Boris Pasternak (1890 – 1960). Maxim Gorki macht den Vorschlag, im Anschluss entsteht in diesem ländlichen Moskauer Vorort ein Künstlerdorf, unterstützt von Stalin. Heute noch zugänglich: Pasternaks ehemalige Datscha, in der er ab 1939 wohnt und »Doktor Schiwago« schreibt. Und Pasternak lebt eigentlich recht bescheiden. Er steht morgens früh auf, liebt die Gartenarbeit, seine Spaziergänge, die festen Schreibrituale, die Ruhe und den Abstand zu Moskau. Mit seinen Kollegen im Dorf spricht er wenig – aus Angst. Viele von ihnen wie Babel verschwinden über Nacht, werden Opfer der Stalinschen Säuberungen. Pasternak stirbt 1960 in seiner Datscha und wird auch in Peredelkino beerdigt. Sein Grab auf dem Friedhof habe ich natürlich ebenfalls gefunden und besucht.

[Adresse: Павленко, 3, пос.Переделкино, Moskovskaya oblast // Website: http://www.pasternakmuseum.ru/]

Durchlauchtige Hütte

Ganz bestimmt war der adelige Lew Tolstoi (1828 – 1910) keine arme Kirchenmaus. Um das festzustellen, genügt der Blick auf sein Haus mit einigen prunkvollen Zimmern und riesigem Garten in Khamovniki. Tolstoi wohnt dort von 1882 bis 1901 (immer von Herbst bis Frühling) mit mehreren Bediensteten, seinen vielen Kindern und der Frau Sofja. Er arbeitet hier an über hundert Werken, zum Beispiel an der »Auferstehung«. Mit der Zeit entwickelt sich dieses Anwesen zu einem der kulturellen Zentren Moskaus. Hochbegabte wie Anton Tschechow, Iwan Bunin, Sergei Rachmaninow oder Ilja Repin treffen sich bei Lew. Was diesen Ort besonders macht: die vielen Originalexponate wie ein Rad, auf dem Tolstoi fahren lernt und anschließend durch Moskau brettert. Wer sich für Literatur interessiert und gerade in Moskau ist, muss zu diesem Ort pilgern. Denn die Besucher bekommen einen Eindruck davon, wie der Verfasser von »Krieg und Frieden« gelebt und getickt hat.

[Adresse: ul. Lva Tolstogo, 21 (gegenüber: ein Café mit leckeren Pfannkuchen) // Website: http://tolstoymuseum.ru/]

Bulgakows und Volands Butze

Der Teufel zieht mit seinen Dienern genau in diese Wohnung (Nummer 50) – sie hat es in den Roman »Meister und Margarita« geschafft. In der Nähe der Metrostation Majakowskaja schrieb und wohnte Michail Bulgakow von 1921 bis 1924. Inzwischen befindet sich im vierten Stock ein Museum, das bei meinem Besuch leider renoviert wurde. Ich bin trotzdem hochgestiefelt, denn das Treppenhaus ist adrett anzuschauen. Alle Wände sind bemalt, voller Graffiti und Figuren aus Bulgakows Büchern. Im Eingang daneben befindet sich ein weiteres, kleines Museum (kostenloser Eintritt) mit einigen Exponaten samt Café. Wenige Meter entfernt ist der Eingang zum Bulgakow-Theater.

[Adresse: Bolshaya Sadovaya ulitsa no. 10, apartment №50 // Website: http://bulgakovmuseum.ru/ // Wer Kiew besucht, sollte sich außerdem dieses Bulgakow-Museum anschauen.]

Noch nicht genug?

Okay, dann zieht es uns zum Abschluss noch weiter zu Anton Tschechow. Von 1886 bis 1990 mietet sich Tschechow in der Sadovaya-Kudrinskaya ul., 6 ein. Der Arzt schreibt dort Texte und empfängt Patienten. In der Ausstellung erfahren wir vor allem mehr über seine ersten Werke, die er noch unter dem Pseudonym Antosha Chekhonte verfasst.

Statten wir zum Abschluss noch kurz Fjodor Dostojewski einen Besuch ab: Der große Literat wächst in der (heutigen) ul. Dostoyevskogo, 2 von 1823 bis 1837 auf und macht sich mit den Werken von Pushkin vertraut. Sein Vater ist Arzt im Krankenhaus nebenan – nach dem Tod der Mutter zieht es Fjodor weg.

14 thoughts on “Quer durch Moskau

  1. Die Bilder im Treppenhaus sind ja schön und auch der Briefkasten, ob die Briefe mit dem Vermerk: An den Meister, Moskau… überhaupt ankommen? Eine wundervolle literarische Reise! Ich habe nur etwas zu meckern. Nämlich, dass du Sofia Andrejewna Tolstaja einfach als ‚Tolstojs Frau‘ titulierst. Frauen im Schatten berühmter Männer. Immer wieder schmerzhaft. Sie und eine der Töchter waren es doch, die seine handgeschriebenen Texte immer wieder korrigiert, redaktiert und sauber abgeschrieben haben. Wer weiß, ob er ohne ihr Mittun seine Karriere überhaupt hinbekommen hätte.

  2. Ein wunderbarer Bericht, der hoffentlich ganz viele Leser findet und mir zeigt, dass ich mich mal wieder den russischen Klassiker zuwenden sollte. Da habe ich noch einige erhebliche Lektüre-Lücken. 1000 Dank für diesen Anstupser von Dir. Viele Grüße

  3. Pingback: Leseprojekt Tragödie eines Volkes | Kaffeehaussitzer

  4. Pingback: (Die Sonntagsleserin) Alles Jahre wieder: Der Kampf gegen den Winter-Blues… | Ein eigenes Zimmer.

  5. Ein ganz toller Bericht, der mich an meine 10000 Jahre zurückliegende Reise nach Moskau und St. Petersburg erinnert hat und mich ähnlich ebenfalls animiert hat mich mal wieder mit „meinen Russen“ im Bücherregal zu beschäftigen.
    Hat großen Spaß gemacht der Text 🙂 Ganz liebe Grüße …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s