Robert Prosser – Phantome

Wie das so ist. Wir hingen nach der Schule ab. Guckten den Mädels hinterher. Redeten über Frauen, Probleme, Fußball, Gott, die Welt – und unsere Wurzeln. Er erzählte von »seinem« Land im ehemaligen Jugoslawien, ich von »meinem«. Und im Laufe der Zeit habe ich die Kultur meines Freundes schätzen gelernt. Mag die Mentalität und Gastfreundschaft, mag Cevapcici. Aber eins versteh ich als Außenstehender bis heute nicht ganz. Begreife nur die Oberfläche. Auch er konnte mir das trotz vielen Anläufen nicht plausibel erklären: Was waren das für Konflikte im Balkan Anfang der Neunziger? Wer hat gegen wen in den Jugoslawienkriegen gekämpft – und vor allem warum?

Robert Prosser gelingt das in seinem Roman, der in Wien und Bosnien spielt, auch nicht. Er deutet die politischen und kulturellen Gründe nur an, weil es sonst den Rahmen sprengt, und hält an einer Stelle treffend fest: »Heillos kompliziert sind die Verbindungen und Feindschaften, die ein verworrenes Netzwerk […] spannen.« Dafür erzählt der Österreicher von Schicksalen, Gewalt und Verlusten. Einige Protagonisten siedelt er in der Gegenwart an, andere in der Vergangenheit. Ein Sprayer erkundet mit seiner Freundin Bosnien und fängt die heutige Stimmung ein: »Erwähn nicht den Krieg, der ist vorbei, bedeutungslos Andere flüchten im Jahr 1992, werden vertrieben, in die Armee eingezogen oder landen als Asylanten in einer tristen Wiener Turnhalle – im Auffangbecken. Doch Bosnien lässt sich nie ganz abschütteln.

Mitunter wechselt Prosser den Stil: Die Sprache klingt anfangs abgehackt, modern, hektisch, nach Straße und Jugendjargon. Er mischt einige Vergleiche ein (üblich im Rap), die leider eher whack sind. Zum Beispiel: »Ein bemalter Ort, von dem es kein Foto gibt, ist wie Heath Ledger: Er spielt keine Rolle.«

Ernster und seriöser wird Prosser, wenn es um Kriegsverbrechen geht. Oder wenn er im Wechselspiel die jeweiligen Situationen von Jovan und Anisa, einem entzweiten Paar, beschreibt. Er weiß, wie man Spannung aufbaut. Mir stockte besonders in den Extremsituationen der Atem – gerade diese beschreibt er verdammt stark. Kleine Minuspunkte bekommt Prosser, weil die einzelnen Kapitel auch alleine stehen könnten. Die Hauptfiguren aus dem ersten Teil, der Sprayer und Freundin, verschwinden nach den 86 Seiten, tauchen nicht wieder auf.

Deswegen ist »Phantome« kein sehr gutes Buch, aber ein nach wie vor gutes. Für mehr wirkt die Story etwas unrund. Dem Autor merkt man an, dass er zu dem – leider mittlerweile etwas vergessenen – Thema ausgiebig recherchiert hat. Dass er viel Herzblut investierte, was mit einem Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2017 belohnt wurde. Das ist nachzuvollziehen.

[Buchinformationen: Prosser, Robert (August 2017): Phantome. Ullstein fünf. 336 Seiten. ISBN: 9783961010097]

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