Christoph Hein – Trutz

Absoluter Wahnsinn, wie viele unzählige Talente, ja Genies, Stalin und Hitler eliminiert haben. Beide paranoide Diktatoren pfiffen auf all die klugen Köpfe, als sie diese beseitigten. Sie hätte ihnen nützlich sein können. Das zeigen auch die Lebensläufe in diesem Roman, der das Potential zwar nicht immer ausschöpft, dennoch lesenswert ist.

Denn »Trutz« ist auch eine Chronik. Hein beschreibt die Zeit unter Stalin und Hitler. Wie die NSDAP in den 30ern die Macht ergreift, die Konsequenzen. Wie in der Sowjetunion Stalin als großer Herrscher auf den Thron gelangt. Wie jedes Wort im Mund umgedreht werden kann. Wer sich ein wenig mit Geschichte auskennt, weiß, wie das alles (ungefähr) gelaufen ist. Ihn könnten solche historischen Notizen womöglich langweiligen.

Zu den verwobenen Biografien im Buch: Der deutsche Schriftsteller Rainer Trutz flieht in die Sowjetunion und begegnet Wissenschaftler Waldemar Gejm. Beide bekommen Probleme mit dem Regime, ihre beiden Söhne überleben, bleiben Freunde. Interessant ist vor allem Gejm: Er erforscht die Mnemonik, will Gedächtnisse trainieren, Funktionen und Fähigkeiten des Hirns verbessern. »Wir lernen und wir vergessen, aber warum? Warum vergisst der Gehirnspeicher plötzlich etwas, was ich gar nicht vergessen will? Wieso verlerne ich eine zuvor erlernte Sprache?« Die beiden Söhne werden zu Versuchskaninchen – später zu hoch intelligenten Wesen, die sich alles merken und über einen enormen Speicher im Kopf verfügen. Was nicht immer Vorteile bedeutet.

All diese Protagonisten dürfen sich – aus politischen Gründen – nicht entfalten. Ihre Karrieren stocken, werden unterbunden. Deswegen handelt »Trutz« von Opfern und verschenktem Vermögen. Von Menschen, denen Steine in den Weg gelegt werden, die sie nicht beiseiteschaffen können. Der Autor erzählt diese Tragödien unaufgeregt, ohne Hektik. Schade, dass gewisse Passagen, etwas von Geschichtsunterricht haben – sie berühren nicht. Dann folgen zu große Sprünge. Als ob der Autor dachte: »Ich hab bereits so viele Seiten, dicker darf das Teil nicht werden.« Ebenso bedauerlich: Vielen Figuren fehlen die Konturen, sie bleiben Schatten. Deswegen, sicher kein »Jahrhundertroman«, wie auf dem Schutzumschlag geschrieben steht. Mehr ein Roman über ein Jahrhundert voller Grauen.

[Buchinformationen: Hein, Christoph (März 2017): Trutz. Suhrkamp Verlag. 477 Seiten. ISBN: 978-3-518-42585-5]

2 thoughts on “Christoph Hein – Trutz

  1. Pingback: Sortiert & selektiert – Frühjahrsvorschau 2017 | Muromez

  2. Ja, es ist ein Wahnsinn. Ein Wahnsinn der sich vorher und nachher wiederholt hat.
    Darum sind solche Artikel so wichtig.

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