Swetlana Alexijewitsch – Zinkjungen

Glück hatte mein Vater: Er diente in der Sowjetunion nur wenige Jahre vor dem Krieg in Afghanistan. Kam für einen Einsatz noch nicht in Frage. Pech hatten Nachbarn meiner Großeltern. Die Eltern bekamen Zinksärge geliefert. Darin lagen ihre jungen Söhne. Die Intervention in Afghanistan (1979 bis 1989) bildet ein (weiteres) dunkles Kapitel der Sowjetunion. Swetlana Alexijewitsch hat die Folgen für Traumatisierte und Eltern erfasst.

Zersplitternde Schädel. Gedärme, die an Felsen hängen. Amputierte Beine. Das Geräusch – »wie feuchtes Schmatzen« –, wenn die Kugel sich in das Fleisch eines Menschen bohrt. Das gemeinsame »aufregende Töten«. Diebstahl und Drogen. Trauer und Tod. Alexijewitsch bricht die Geschichte auf den Menschen herunter. Was bedeutet solch ein Krieg? Sie lässt Angehörige, Opfer und Täter erzählen.

Wie ihre anderen Werke handelt auch dieses von einem verpfuschten System: Befiehlt der sowjetische Staat, dann gehorche! Nachdenken und Hinterfragen ist nicht. Zahlreiche Milchbubis ziehen los, um »ihre Pflicht gegenüber der Heimat« zu erfüllen. Zahlreiche Milchbubis werden fallen. Von Romantik und Abenteuer keine Spur. Das ist nicht der Große Vaterländische Krieg, um als gefeierter Held wiederzukommen.  Du hilfst den befreundeten Afghanen nicht dabei, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Nein, du wirst auf Bauern und Kinder schießen. Im Gebirge zur Zielscheibe von Mudschaheddin werden. Du begreifst, spätestens im Lazarett, wie sinnlos dieser Krieg ist und welchen Fehler die Breschnew-Regierung begangen hat.

Die Bücher von Alexijewitsch sind schwer zu ertragen. Eine Zumutung, weil voller Schandtaten. Sie helfen mir aber, die Sowjetunion zu begreifen, ihre Politik und das Bewusstsein ihrer Menschen zu verstehen. Die Zungen in diesen Werken sprechen Klartext – sie verdeutlichen die »Rote Utopie«.

[Buchinformationen: Alexijewitsch, Swetlana (2014): Zinkjungen. Hanser Berlin. Aus dem Russischen von Ingeborg Kolinko und Ganna-Maria Braungardt. Titel der Originalausgabe: Цинковые мальчики (1989). 320 Seiten. ISBN: 978-3-446-24528-0]

Empfehle (vor dem Buch) diese ARTE-Doku über die Sowjetische Intervention in Afghanistan:

One thought on “Swetlana Alexijewitsch – Zinkjungen

  1. Sie mögen nicht leicht zu ertragen sein, ihre Bücher, aber sie verlassen die Sieger-Hurra-Position, das Polit-PR, das ebenfalls schwer zu ertragen weil es so einseitig ist. Sie zeigen die Menschen hinter dem Krieg und das ist eine großartige Leistung…
    Danke, dass du dich da durchgewagt hast. Ich habe mich das bei diesem Buch noch nicht getraut.

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