Herta Müller – Atemschaukel

Viele Bücher habe ich inzwischen über die Zwangsarbeit im Krieg gelesen. Manche sind von Zeitzeugen verfasst und besitzen mehr einen dokumentarischen, historischen Wert. Andere sind wesentlich literarischer; sie drücken in einer besonderen Form Ereignisse aus, für die eigentlich die Worte fehlen – die »Atemschaukel« ist solch ein Werk.

Herta Müller zeigt in kurzen Kapiteln, was Sprache und Literatur leisten können. Sie beschreibt die Deportation eines siebzehnjährigen Rumäniendeutschen. Er überlebt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein stalinistisches Arbeitslager in der Sowjet-Ukraine. Wir erfahren, wie der Junge abstumpft, wie er sich der Extremsituation anpasst. Wie er und die anderen Insassen an die körperlichen und psychischen Grenzen gelangen. Wie die Frauen und Männer –  Haut und Knochen – geschlechtlich nicht mehr zu unterscheiden sind: »ausgemustertes Arbeitsvieh«

Herta Müller zeigt aber auch, was Sprache nicht leisten kann: Sie kann den Hunger nicht stillen. Egal, ob der Junge Hungerwörter oder Esswörter ausspricht – sie stopfen den Magen nicht, füttern lediglich die Phantasie. Ein Mittel können sie trotzdem sein. »[Dadurch] hat [man] das Bild des Essens vor Augen und den Geschmack am Gaumen.« Denn das Fleisch verschwindet am Körper, das Tragen der Knochen wird zur Last. »Wenn es so viel Anschauungsmaterial von anderen gibt, die schneller abdanken als man selbst, wird die Angst mächtig.« Und dann zurück:  Die Freiheit erlebt der junge Mann nicht mehr als solche.

Auf einer Lesung, die ich besucht habe, meint Müller, dass der Gulag das ganze Leben über im Kopf bleibe. Die Erlebnisse seien nicht auszuradieren. Ihre Mutter war ebenfalls inhaftiert, wollte aber (oder konnte) nicht darüber sprechen. Nun ist sie an Alzheimer erkrankt und glaubt, dass sie deportiert ist – im Lager lebt. Auch Lyriker Oskar Pastior träumte bis zum Tod vom Lager. Müller hat übrigens aus den vielen Gesprächen mit ihm die »Atemschaukel« geformt.

Manche werfen Müller vor, sie komme mit ihrer poetischen Sprache und den Neuwortschöpfungen wie »Hungerengel« oder »Herzschaufel«  nicht auf den Punkt. Diese Nörgler begreifen nicht, dass dieses Werk ein schöpferischer Roman ist – kein Zeitzeugenbericht. Freilich verstehen wir nach der Lektüre nicht, was Hungern, Zwangsarbeit und Haft tatsächlich bedeuten. Aber wegen dem Erzählstil, der vielen Neologismen und Sprachbilder nähern wir uns der Haft. Wer sich darauf einlässt, fühlt auch mehr.

[Buchinformationen: Müller, Herta (2009): Atemschaukel. Hanser Verlag. 304 Seiten. ISBN 978-3-446-23391-1]

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