Andrej Platonow – Die Baugrube

Etwas zwischen Roman, Erzählung und Dokument hat Andrej Platonow (*1899 – †1951) mit der »Baugrube« geschaffen. Das hochkomplexe, mehrdeutige und verdichtete Werk enthält Anspielungen auf Politik, Philosophie, Religion und Zeitgeist. Vor allem widmet sich Platonow der Sowjetunion in den Jahren 1929/1930, als Stalin die revolutionäre Industrialisierung plant und weiter gegen die kapitalistischen Elemente vorgeht. Was bedeutet die Kollektivierung für die Individuen? Eine Lektüre mit sprachlichen Hürden und inhaltlichen Irrpfaden. Gabriele Leupold hat ein wichtiges Buch neuübersetzt.

Wie bei so vielen systemkritischen russischen Autoren musste auch Platonow vergeblich warten: »Die Baugrube« war zu seinen Lebzeiten verboten, verbreitete sich trotzallem als Untergrundliteratur und Samisdat. Das verwundert nicht – durch den ganzen Text von Platonow schwingt ein Unterton mit, der all die Skepsis an Stalins Vorhaben und Idee äußert. Platonow weiß diesen geschickt zu kaschieren, ohne dass dieser offensichtlich wirkt.

Gefühlt zwei Dutzend Figuren hat Platonow eingewoben: Arbeiter, Funktionäre, Bauern (Kulaken vs. Kolchos), ein Mädchen (verdeutlicht im Laufe den Untergang der sozialistischen Generation) – und einen Bären (surrealistisch dargestellt als Hammerschmied und Kulakenjäger). Ziemlich viele für ein dermaßen kurzes Stück, da gibt es (k)ein Vertun.

Im Wesentlichen dreht sich die Geschichte um ein Bauprojekt am Rande irgendeiner Stadt. Ein riesiges, gemeinproletarisches Haus soll entstehen. Die Arbeitsmoral gilt als sozialistische Funktion, die Aktivität jedes einzelnen, fleißigen Proletariers formt das kommunistische Bewusstsein – alle anpacken! Hinterfragen wozu? Hauptsache graben, schaufeln, von Nutzen sein. Die Wahrheit wird als Klassenfeind bewertet. Woschtschew, ein Held dieser Geschichte, denkt aber nach …

Im zweiten Teil befinden wir uns auf einem Kolchos. Einige wohlhabende Bauern, Subkulaken, sind dem Kolchos noch nicht beigetreten. Sie werden auf ein Floß gesetzt und ins Meer gespült. Die Industrialisierung der Landwirtschaft mithilfe der Kollektivierung, ein Punkt in Stalins erstem Fünfjahresplans, wird in diesen Momenten verdeutlicht – sie werden skurril dargestellt und zwischen den Zeilen hinterfragt.

Ein ungewöhnliches Stück entsteht auch wie in diesem Fall durch ausgefallene Sprache. Hier ist sie arg befremdlich, zerbröselt und abgehackt gewählt. Platonow formt um, experimentiert mit der Grammatik. Das fordert den Leser natürlich. Wer eine eskapistische Lektüre erwartet, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Platonows Werk besteht aus tragischem Stoff, der sich aus abgestumpften Protagonisten und infiltrierten Untertanen zusammensetzt. Kluge, schwierige Literatur, an der man sich durchaus die Zähne ausbeißen kann. Bedeutsam, weil sie auch an die Verbrechen erinnert – die Opfer der Kollektivierung und Entkulakisierung. Wie viele Menschen mussten später bei der schweren Hungersnot (Holodomor) sterben …

[Buchinformationen: Platonow, Andrej (Dezember 2016): Die Baugrube. Suhrkamp Verlag. Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Titel der Originalausgabe: Котлован (1930). 240 Seiten. ISBN: 978-3-518-42561-9]

Übersetzerin Gabriele Leupold über das Buch:

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6 thoughts on “Andrej Platonow – Die Baugrube

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  4. Mich hat das Buch und auch diese wunderbar gestaltete Ausgabe sehr beeindruckt. Allerdings muss ich gestehen, dass ich womöglich nicht alles zur Gänze verstanden habe. Somit ist es auch ein Roman, mit dem man wachsen kann und den man, nunmehr älter geworden, noch einmal lesen sollte. Große Literatur eben. Viele Grüße

    • Ich habe beileibe auch nicht alles verstanden, die Anmerkungen der Übersetzerin haben mir geholfen. Und ja, ich muss dir zustimmen: Sollte man irgendwann erneut lesen. 🙂 Viele Grüße zurück

      • Selbst mit den Anmerkungen sperrt sich die Sprache, obwohl sie hilfreich sind. Es ist so verdichtet und leicht verdreht wie ein kubistisches Werk. Aber so, als künstlerisches Gebilde konnte ich es besser genießen. Noch nie Ulysses von Joyce gelesen, aber das muss ein ähnliches Erlebnis sein. Das Bild auf dem Cover passt also wirklich gut dazu.

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