Gay Talese – Der Voyeur

Er sieht alles: homosexuelle Pärchen, Seitensprünge, Junge und Alte, Schwarze und Weiße, Masturbation mit und ohne Spielzeugen, Inzest. Anders als in Pornos ist der Sex aber »echt«. In seinem Motel observiert Gerald Foos über mehrere Jahrzehnte Menschen im Naturzustand – ohne dass sie es merken oder erfahren. Der US-Amerikaner blickt hinter verschlossene Schlafzimmertüren und notiert seine Beobachtungen. Diese hat New-Journalism-Vertreter Gay Talese ausgewertet.

Foos betrachtet sich als Pionier der Sexualforscher, der in Colorados Provinz ein Labor zur Erforschung der menschlichen Intimsphäre erschafft. Zusammen mit seiner Ehefrau entwickelt er Gucklöcher, die er in die Motelzimmer einbaut und die wie Lüftungsschächte wirken. Auf seinem Dachboden kann er in die unterschiedlichsten Räume blicken. Den Voyeur selbst entdeckt aber niemand. Und natürlich ist Foos auch ein durchtriebener Spanner, der an sich rumspielt, wenn ihn gewisse Szenen erregen.

Seine subjektiven Notizen enden mit Resümees. Mal kritisiert er den Sex, mal beschreibt er, wie geil er das Gesehene oder eine Frau findet. Foos hält soziale Verhaltensmuster fest, demographische und gesellschaftliche Veränderungen, wenn zum Beispiel plötzlich Schwarze mit Weißen Sex haben. Er bemitleidet beinamputierte Soldaten, die zu Opfern im Vietnamkrieg wurden und keine Lust mehr verspüren können. Eine Prämisse und Grundvoraussetzung seines Handelns: Keiner kommt wegen seiner Beobachtung zu Schaden. Aber der Voyeur interveniert trotzdem – ein Mord hätte vermutlich verhindert werden können.

Was treibt einen Mann an, sich stundenlang auf die Lauer zu legen, ohne dass etwas passiert? Bekanntlich haben Menschen nicht die ganze Zeit über Sex, sie gucken auch Fernsehen, schlafen oder popeln in der Nase. Die Motivation ist die Erwartung, das Lebenselixier die Vorfreude. Und es handelt sich um eine Sucht, die ein Autor mit dem Pseudonym Walter in einem Buch namens »Mein geheimes Leben« bereits festhielt. Walter schaute damals ebenfalls heimlich zu und schilderte das Liebesleben im Viktorianischen England. Bei unserem »Voyeur« darf man sich aber durchaus die Frage stellen, was eigentlich die Eigenleistung von Gay Talese darstellt. Schließlich besteht das Werk zum größten Teil aus Foos schlüpfrigen Tagebucheinträgen.

Jede Wette, viele hätten Unsummen hingelegt, um das ungefiltert zu sehen, was Gerald Foos gesehen haben will. Das Buch ist nichts für Verklemmte oder strenge Katholiken. Aufzeichnungen eines Perversen? Kann sein. Der Clou? Der Leser verwandelt sich bei genauerer Betrachtung selbst zu einem Voyeur.  Ob sie/er nun will oder nicht.

[Buchinformationen: Talese, Gay (April 2017): Der Voyeur. Tempo Verlag. Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Weber. Titel der Originalausgabe: The Voyeur’s Motel (2016). 272 Seiten. ISBN: 978-3-455-00099-3]

[Diese Reportage von Talese über den Voyeur erschien noch vor dem eigentlichen Buch im New Yorker.]

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