Anatolij Kusnezow – Babij Jar – Die Schlucht des Leids

Anlässlich des 75. Jahrestages von Babij Jar besichtigte ich im Rahmen einer deutsch-ukrainischen Jugendbegegnung den ehemaligen Ort des Verbrechens in Kiew. Sprach mit Zeitzeugen wie Vasyl Mychailovsky, der den Nazis durch Glück und Zufall als Kind entkam. Und ich muss zugeben: Auch mir war die Geschichte zu dieser Schlucht im Vorfeld nicht bekannt. Als vorbereitende Maßnahme legte ich mir deswegen Kusnezows Roman-Dokument zu.

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Nachdem die Deutschen im September 1941 Kiew einnahmen, widmeten sie sich den »bolschewistischen Juden« und lockten sie in einen Hinterhalt. Innerhalb von 36 Stunden metzelten die Nazis 33.771 Juden mit Maschinengewehren in der Weiberschlucht (übersetzt für: Babij Jar) nieder und veranstalteten ein Massaker. Flugzeuge kreisten während dieser Massenmorde über der Schlucht, ein Orchester spielte – die Schüsse sollten übertönt werden.

Anatolij Kusnezow (*1929 – †1979), unweit von Babij Jar aufgewachsen, bekam alles mit und schreibt dazu: »Aus der Schlucht ertönte regelmäßiges, deutliches MG-Feuer: ta-ta-ta, ta-ta … Die Schüsse hörten sich ruhig und planmäßig an, wie bei einer Schießübung.« Sein Buch ist mehr als trockene Schulbuchlektüre. Immer wieder betont er, dass sich alles genauso abspielte, nichts erdacht oder erlogen sei. Er beschreibt das/sein Leben in Kiew vor und während der Okkupation und endet mit der Rückeroberung durch die Rote Armee.

Dazwischen siedelt er weitere Zeitzeugen-Berichte ein: Erzählt wird zum Beispiel von Dina Pronitschewa, die Babij Jar wie durch ein Wunder überlebte (SPON hat ihre Geschichte ebenso aufgegriffen). Erzählt wird von den Vertuschungsmethoden der Nazis, die alle Beweise bei ihrem Rückzug 1943 vernichten und alle Leichen zwei Jahre später verbrennen lassen wollten. Erzählt wird auch von Kusnezows Kriegsschicksal in kleinen Episoden, die sich wiederum manchmal in die Länge ziehen.

Sein Buch hat Kusnezow damals in den Sechzigern nicht durch die Zensur bekommen. Zu heikel, denn Kusnezow vergisst nicht zu erwähnen, dass auch Ukrainer den Nazis bei ihren Morden unterstützten. In der mir vorliegenden Fassung markierte Kusnezow, was die Zensoren damals strichen. Das verdeutlicht, wie in der Sowjetunion mit Babij Jar umgegangen wurde: Der Holocaust war ein Tabuthema, erklärten mir Überlebende bei verschiedenen Veranstaltungen wie einem gemeinsamen Essen in Kiew. Bis jetzt wüssten viele Ukrainer nicht, was der Holocaust sei. Juden als Opfer einer einzelnen Gruppe sollten während der Sowjetunion nicht genannt werden, das Kollektiv stand im Vordergrund – eine fragwürdige Erinnerungspolitik. Heute ist die Schlucht keine Schlucht mehr und gleicht mehr einem (grünen) Park – nur einige Denkmäler deuten darauf, was sich dort ereignete. Zu wenig, wie ich finde, im Vergleich zu anderen Gedenk- oder Mahnstätten. Seit Jahren fordern viele aus der jüdischen Gemeinde, dass dort ein Museum als Andenken gebaut werden soll, aber die kriselnde Ukraine hat derzeit ganz andere Sorgen. Ein Blick in Richtung Ostukraine genügt.

Kusnezows (etwas zu ausführliches) Roman-Dokument ist keine leichte Kost. Er hält brutale Szenen fest, die kaum zu ertragen sind. Der Leser muss schlucken und Halt finden, wenn er zum Beispiel von einem Baby liest: Es wurde einem jüdischen Erwachsenen aus den Armen gerissen. Der Nazi spießte es vor seinen Augen mit dem Bajonette auf. Die Schlucht des Leids? Die Schlucht des Wahnsinns!

[Buchinformationen: Kusnezow, Anatolij (2001): Babij Jar. Die Schlucht des Leids. Verlag Matthes & Seitz Berlin. Aus dem Russischen von Irina Nowak. 520 Seiten. ISBN: 978-3-88221-295-2]

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Links:

  • Initiiert und ermöglicht wurde mir diese Reise von der humanitären Hilfsorganisation Maximilian-Kolbe-Werk.
  • Zum wurde ein Blog, bestehend aus einem Online-Tagebuch, gestartet: www.vergesseneopfer.wordpress.com
  • Im Mindener Tageblatt sind zwei Texte von mir erschienen. In dem längeren geht es um das Leben eines Zeitzeugen und Überlebenden, im kürzeren um den heutigen Babij-Jar-Park. In diesem Blog-Post habe ich über weitere Eindrücke geschrieben.

3 thoughts on “Anatolij Kusnezow – Babij Jar – Die Schlucht des Leids

  1. Die Geschehnisse um Babij Jar sind nicht so offen und geläufig – auch hier nicht. Ich selbst habe das erste Mal bei Katja Pertowskaja (bei Vielleicht Esther) darüber gelesen. Wie immer ist es sehr schmerzhaft hinzuschauen und sich mit solchen Dingen, die die Grenzen des Grauens so überschreiten, zu beschäftigen. Danke, dass du die Kraft gefunden hast. Die Erinnerungspolitik, bei der ein Kollektiv im Vordergrund steht, versteh ich irgendwie nicht.

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