Nabokov überrasche mit jedem Satz – Dieter E. Zimmer im Interview

Autor, Journalist und Übersetzer Dieter E. Zimmer ist verantwortlich für die deutsche Nabokov-Werkausgabe bei Rowohlt, die weltweit in ihrer Form einzigartig sein soll. Leider gäbe er schon seit Jahren keine Interviews mehr, schrieb mir der fast 82-Jährige auf meine Anfrage zurück. Er müsse die Reste seiner Arbeitskraft auf den Abschluss der Nabokov-Gesamtausgabe verwenden. Und dann kamen doch Antworten und Zimmer erzählte, wie er zu Vladimir Nabokov gekommen ist, was den Großmeister ausmacht und wie es war, als sie sich trafen.

Dieter E. Zimmer 1999 im Nabokov Museum, St. Petersburg. Foto: Olga Voronina

Dieter E. Zimmer 1999 im Nabokov Museum, St. Petersburg. Foto: Olga Voronina

Sie sind für die deutsche Nabokov-Gesamtausgabe verantwortlich und der Nabokov-Experte. Können Sie bitte noch einmal skizzieren, was Nabokov so besonders macht und warum viele seiner Werke zeitlos erscheinen?

»Zeitlos«? In einer Zeit der schnellen, radikalen Veränderungen in der Medienlandschaft ist kein Werk mehr zeitlos. Niemand kann sicher sein, dass Nabokov in zwanzig oder fünfzig Jahren noch gelesen wird, dass dann überhaupt noch Bücher gelesen werden. Selbst ihre digitalen Äquivalente sind zwar in ihrer Immaterialität beständiger, weniger der Obsoleszenz ausgesetzt, aber Zeitlosigkeit ist keinem garantiert. Aber wenn ich die unaufhörliche Folge der ›Lolita‹ Neuauflagen auf meinem Regal jetzt wachsen und wachsen sehe, über jetzt 67 Jahre hin, die mediengeschichtlich auch nicht ohne waren, bin ich doch einigermaßen zuversichtlich. Viele der Autoren, die in meiner Jugend als ewig galten, Teil eines unvergänglichen Kanons, sind spurlos verschwunden. Aber Nabokov nicht, obwohl er erst mit fast 60 überhaupt über den engen Kreis der russischen Revolutionsflüchtlinge bekannt und damals zunächst für eine skandalöse Eintagsfliege gehalten wurde. Er hat sich ziemlich gut gehalten, international. Darum traue ich persönlich und traut auch sein deutscher Verlag etlichen seiner Werke zu, dass sie noch eine ganze Weile zum literarischen Präsenzbestand gehören werden.

Was Nabokov »besonders macht«, möchte ich nicht sagen. Er hasste diese flotten journalistischen Formeln, mit denen wir ein Werk abfertigen und abtun, und ich möchte ihm dergleichen nicht zumuten.

Was haben Sie empfunden, als sie zum ersten Mal ein Werk von Nabokov lasen? Welches und wann geschah dies?

Statt solcher Formeln will ich kurz erzählen, wie ich zu Nabokov gekommen bin. Das war im Herbst 1958, und ich war gerade als Sprachassistent und Literaturstudent nach Genf gekommen. Dort las ich wie gewohnt unter anderem regelmäßig »Time«, und Mitte August 1958 stand in »Time« ein ausführlicher Artikel über die gerade in den USA erschienene »Lolita«. Den las ich – und verliebte mich sozusagen auf der Stelle und ohne es gelesen zu haben dermaßen in dieses Buch, dass ich es mir in einer Buchhandlung sofort aus Amerika bestellte, obwohl ich mir von meinem mageren Gehalt damals eigentlich keine gebundenen Bücher leisten konnte. Und als ich »Lolita« las, war ich noch mehr hingerissen als nach jenem »Time«-Artikel. Was mich besonders packte, war der Eindruck: Das sei nun endlich einmal ein heutiger Roman, der nicht angestrengt avantgardistisch, aber auch nicht konventionell altmodisch ist, ein originelles Zwischending, modern, aber kein asketisches intellektuelles Exerzitium, sondern darauf aus, dem Leser zu bereiten, was sein Autor »ästhetisches Vergnügen« nannte. Eins, das einen mit jedem Satz überraschte. Selbst heute, nach 56 Jahren mit Nabokovs Werken, wäre ich außerstande, bei einem mir neuen Text an irgendeiner Stelle vorauszusagen, wie wohl der nächste Satz lauten würde. Jeder Satz, jede Formulierung ist imprägniert mit Nabokovs speziellem Bewusstsein, seiner individuellen Sensorik. Dazu kam, dass Nabokov zwar keineswegs so unpolitisch ist, wie ihm oft nachgesagt wurde, Elfenbeinturmliteratur, dass er aber alle expliziten gesellschaftspolitischen Botschaften scheute, die heutzutage der Hauptdaseinsgrund für jedwede Literatur zu sein scheinen. Das Fehlen aktuellen politischen Nachhilfeunterrichts macht seine Werke anscheinend weniger verderblich.

Die Nabokov-Gesamtausgabe in der Paderborner Universitätsbibliothek.

Die Nabokov-Gesamtausgabe in der Paderborner Universitätsbibliothek.

Wie standen Sie als Übersetzer mit dem Großmeister in Kontakt? Gibt es da vielleicht Anekdoten von besonderen Treffen oder Gesprächen, die erzählt werden müssten?

Das kam so. 1959 war ich aus Genf zurück und als eine Art Praktikant in der Feuilletonredaktion der Zeit. Die ließ mich erstaunlicherweise die gerade auf Deutsch erscheinende »Lolita« rezensieren, wahrscheinlich weil ich weit und breit der Einzige war, der das Buch schon seit einem Jahr kannte. Es war einer meiner allerersten Zeitungsartikel, von mir mit Zittern und Zagen geschrieben, denn dem Buch ging ein solcher Ruf voraus, dass ich fürchtete, nun werde mich ein Shitstorm sondergleichen aus meinem neuen Job verjagen. Dieses Shitstorm blieb aus. Stattdessen rief mich ein paar Wochen später der Verleger Heinz Ledig-Rowohlt an, der sich inzwischen mit Nabokov persönlich angefreundet hatte, bestellte mir Grüße aus Montreux, sagte, Nabokov habe meine Rezension gelesen, und sie habe ihm gefallen (wenn ich mir mein damaliges Machwerk heute durchlese, kann ich Nabokovs wohlwollendes Urteil kaum begreifen) – ob ich nicht einmal etwas von ihm ins Deutsche übersetzen würde? Versuchsweise? Und sofort drückte mir Ledig-Rowohlt ein Exemplar von »Das wahre Leben des Sebastian Knight« in die Hand. Unter erheblichen Skrupeln übersetzte ich den Roman. Was mich bei der Stange hielt, war sehr oft das sichere Gefühl: Dieser oder jener Satz kann auf Deutsch gar nicht anders lauten als so und so. Ich scheine also ein gewisses Einfühlungsvermögen für Nabokovs Stil besessen zu haben. Deswegen habe ich ihn dann auch weiterübersetzt. Er hat alle meine Übersetzungen geprüft beziehungsweise von seiner Frau Véra prüfen lassen, deren Deutsch besser war als seins. Ich habe von ihr und von ihm Seiten auf Seiten aus dünnem Schreibmaschinenpapier mit Vorschlägen zu einzelnen Wörtern oder Sätzen erhalten – Vorschlägen, nicht Vorschriften, die ich nicht als Bevormundung, sondern als Hilfe empfand und die mich mit der Zeit immer sicherer machten, weil sie mir zeigten, dass dieser notorisch heikle, von Übersetzern und Verlegern gefürchtete Autor sich von mir im Großen und Ganzen richtig übersetzt empfand.

Persönlich getroffen habe ich Nabokov nur zwei Mal Mitte der 1960er Jahre, als ich ihn für zwei Fernsehinterviews im Hotel Palace Montreux besuchte und er mir seine vorbereiteten Antworten in die in einem Salon aufgebaute Filmkamera las. Ein jovialer älterer Herr, dem seine Frau gewissenhaft die Fusseln von seinem dunklen Anzug las. Unsere Beziehung war also im Wesentlichen eine Postbeziehung, über mehr als fünfzehn Jahre hin. Trotzdem war sie offenbar intensiv genug, dass er einmal einem anderen Interviewer sagte: Er habe nur drei deutsche Freunde: seinen Verleger Ledig-Rowohlt, den Fotografen Horst Tappe (der in seiner Nähe wohnte) und seinen Übersetzer Zimmer.

Von 1973 bis 1977 waren Sie Feuilletonchef bei der ZEIT. Wie hat sich die Literaturkritik seit dem verändert?

Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Ich bin 1977 zu meinem Glück aus dem Feuilleton- und Literaturbetrieb ausgeschieden. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Literaturkritik heute nicht mehr so bitter, fast tödlich ernst genommen wird, wie wir sie in den 1960er und 1970er Jahren genommen haben.

Auf meine Anfrage antworteten Sie, dass Sie seit Jahren keine Interviews mehr geben, »aus Gesundheits- und Altersgründen« und weil Sie die Reste Ihrer Arbeitskraft auf den Abschluss der Nabokov-Gesamtausgabe verwenden müssten. Welche Werke fehlen Ihnen noch? Woran arbeiten Sie?

Vor ein paar Wochen ist der vorletzte Band der Werkausgabe erschienen, die »Vorlesungen über Don Quijote«. Zur Zeit wird der letzte Band produziert, die »Briefe an Véra«, an dem ich selber nur tangential beteiligt bin. Er ist ziemlich kompliziert und soll im Herbst 2017 herauskommen. Dann ist Schluss, 24 beziehungsweise 25 Bände in achtundzwanzig Jahren. Das heißt, Schluss ist noch nicht. Seit Anfang des Jahres bin ich dabei, die erzählenden Werke der Gesamtausgabe so umzuarbeiten, dass sie sich als Taschenbücher und E-Books veröffentlichen lassen. Das heißt, sie aus dem Luxusgrab der Werkausgabe herauszuholen, die vor allem eine Sache für Sammler ist. Dass der Rowohlt Verlag so lange durchgehalten hat (immer noch sind sämtliche Bände in gleicher Ausstattung verfügbar), über mehrere Verlagsleitungen, zwei Rechtschreibreformen, einen Paradigmenwechsel (analog zu digital, Blei zu Bytes) und mehreren Zeitströmungen hinweg, kommt mir wie ein Wunder vor. Irgendeinen Rekord haben wir damit bestimmt aufgestellt. 1989 dachten wir, es wäre in fünf, sechs Jahren zu schaffen. Das war mehr als naiv. Manche haben gemeint, es wäre rascher gegangen, wenn der Rowohlt Verlag damals nicht einen einzelnen Herausgeber, sondern ein ganzes Herausgeberkomitee eingesetzt hätte. Das aber ging von vornherein nicht, denn dafür wären die Mittel nicht dagewesen. Ich habe jedoch den Verdacht: Wäre damals ein Herausgeberausschuss eingesetzt worden, so käme das Unternehmen nicht jetzt zu Ende, sondern wir säßen immer noch da und diskutierten über die Probleme der vertrackten Bände 10 oder 11.

2 thoughts on “Nabokov überrasche mit jedem Satz – Dieter E. Zimmer im Interview

  1. Das ist für mich persönlich einer der faszinierendsten Beiträge, die ich seit langem in einem Blog gelesen habe. Genau, die Fragen, deren Antworten ich immer schon gern gewusst hätte. Perfekt! Es hat etwas Gespenstisches, dass die Beendigung dieser Werkausgabe eventuell die höchste Priorität in seinem Leben hat. Danke für diesen fesselnden Beitrag.

  2. Ein wirklich spannendes Interview, vielen Dank dafür! Es ist interessant zu erfahren, wie sich ein Leben so mit einem Werk verknüpfen kann, und dass Beständigkeit immer noch gefragt ist.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s