Andrzej Szczypiorski – Die schöne Frau Seidenman

Ich liebe Flohmärkte! Nicht wegen dem Ramsch und dem vielen Schrott, sondern aufgrund der Bücherkisten, in denen man wühlt wie ein Maulwurf und aus denen man doch ziemlich häufig Goldfische für ’n Appel und ’n Ei freudig herauszieht. So mag es ausgesehen haben, als ob mein Rucksack einem Hinkelstein gleiche, als ich zurück auf meinem Drahtesel wieder in Richtung der heimischen vier Wände fuhr. Unter den neuen, staubigen Mitbewohnern war auch »Die schöne Frau Seidenman« vom polnischen Autor vertreten (bei der Aussprache des Namens vertändelt sich die Zunge), dessen Werke ich zwar irgendwo mal registriert, aber nicht intensiver verfolgt habe. Und siehe da, auf den Riecher ist Verlass. Mit Szczypiorski (*1928 – †2000) habe ich einen feinfühligen Beobachter entdeckt, der erstaunliche Portraits von Menschen zeichnet, die von der nationalsozialistischen Besatzung in Warschau betroffen sind.

Arztwitwe Irma Seidenman, die als Jüdin nur knapp durch ihre Kontakte und Glück der Deportation entkommt, ist nur bedingt die Hauptfigur, obwohl ihr Schicksal wohl am ausführlichsten thematisiert wird. Andrzej Szczypiorski - Die schöne Frau SeidenmanSzczypiorski versucht vielmehr, durch die Darstellung verschiedener Perspektiven und Verknüpfungen die Umstände zu erklären. Alle erwähnten Figuren haben Berührungspunkte mit dem Warschauer Getto, insofern sie sich nicht selbst schon ein Teil davon sind. Manche retten Unterdrückte, setzten sich heimlich für sie ein. Manche treten diese noch fester und versuchen sie weiter auszunehmen. Wieder andere agieren im Untergrund und Widerstand.

Aus den unterschiedlichen Blickwinkeln ragen drei zentrale Schwerpunkte heraus, die in fast allen Portraits zu finden sind. Zum einen drehen sich die Geschichten, wie erwähnt, um den Jüdischen Wohnbezirk, den die Nazis derartig hämisch nannten. Zum anderen sticht die immer wieder auftauchende Metaphysik hervor: Die Protagonisten hinterfragen in ihren schwierigen Situationen Gott oder seine Existenz und was er geschaffen hat: »Wenn es die Wahrheit ist, daß alles von Ihm kommt, dann hat er dem Menschengeschlecht auch den Krieg geboten. Also sind wir gute Krieger.«

Drittens, gelten Szczypiorskis Gedanken seinem arg gebeutelten Heimatland (»ein nicht zu verteidigendes Land, der Erniedrigung, dem Verbrechen und der Vernichtung anheimgebendes Land«), das regelmäßig ein Spielball der Großen, des Deutschen Reichs und der Sowjetunion oder der Preußen und Kosaken, war und sich stets untergliedern musste, statt sich entfalten zu können.

War dieses Land nur Durchmarschgelände für fremde Herre, Hinterland der Front, Vorfeld? Letzte Schanze des lateinischen Europa, die Stirn der Steppe zugekehrt, aber gleichzeitig Abwehrschanze angesichts der germanischen Lawine? Eingeklemmter Rand der freien Welt zwischen den Tyranneien? Schmaler Streifen der Hoffnung, der preußischen Hochmut von russischer Rückständigkeit trennte? Eigenständiger kleiner Fleiß zwischen Grausamkeit und Heuchelei, Bestialität und Hinterlist, Verachtung und Neid, Hoffart und Schmeichelei, Gebrüll und Gemurmel? Grenzrain, der die Schamlosigkeit des offenen Verbrechens von Zynismus des geheimen Verbrechens trennt? Nur ein Streifen, ein Rain, ein Rand? Und sonst nichts? (S. 173-174)

Zusätzlich zieht Szczypiorski den Faden noch weiter und beschränkt sich nicht nur auf das Jahr 1942. Er beschreibt das Warschau vor den Nazis und offenbart darüber hinaus, was aus all seinen vorgestellten Personen geworden ist. Seine besondere Gabe ist unverkennbar und ist vor allem an solchen Stellen gekennzeichnet:

Am Tage, als man Professor Winiar begrub, drehte sich das Karussell auf dem Krasinski-Platz weiter, die Pferdchen galoppierten, die Kutschen schwankten, die Schlitten glitten, die Gondeln glucksten, die Fähnchen flatterten, die Mädchen kreischten, die jungen Männer riefen, die Drehorgel quietschte, der Mechanismus des Karussells dröhnte, die MG-Schüsse erklangen immer lauter, Artilleriegeschosse explodierten, Flammen rauschten, und nur das Stöhnen der Juden war jenseits der Mauer nicht zu hören, weil die Juden schweigend starben; sie antworteten mit Handgranaten und Handfeuerwaffen, aber ihre Lippen schwiegen, denn sie waren schon gestorben, mehr als je zuvor, sie hatten mannhaft den Tod gewählt, noch ehe er gekommen, sie waren ihm entgegengegangen, in ihren stolzen Augen leuchtete die ganze Erhabenheit der menschlichen Geschichte, spiegelten sich die Brände des Gettos, die entsetzten Schnauzen der SS-Männer, die erstaunten Schnauzen der rund um das Karussell versammelten polnischen Gaffer, […], in ihren Augen spiegelten sich alle nahen und fernen Schicksale der Welt, alles Böse der Welt und die Krümel des Guten und das bedrückte und zornige, trauriger Gesicht des Schöpfers, denn der Schöpfer wandte seinen Augen anderen Milchstraßen zu, um nicht sehen zu müssen, was er nicht nur seinem geliebtem Volk, sondern allen geschändeten, mitschuldigen, gemeinen, ratlosen, beschämten Völkern der Erde angetan hatte […]. (S. 226-227)

Trotz der bedrückenden Atmosphäre erzählt Andrzej Szczypiorski in einem ruhigen, nie aufbrausenden und wertenden Ton. Zudem wählt er eine außergewöhnliche Struktur, die sich nach und nach entfaltet. Szczypiorski, der selbst das KZ Sachsenhausen überlebt und am Warschauer Aufstand teilgenommen hat, konstruiert damit einen klugen und gleichzeitig hervorragend komponierten Roman, den es aufgrund seiner besonderen Art unbedingt (wieder) zu entdecken gilt. Sei es durch einen Flohmarktbesuch oder sonst wie.

[Buchinformationen: Szczypiorski, Andrzej (1991): Die schöne Frau Seidenman. Diogenes Verlag. Aus dem Polnischen von Klaus Staemmler. Titel der Originalausgabe: Początek (1986). ISBN: 978-3-257-26109-7]

4 thoughts on “Andrzej Szczypiorski – Die schöne Frau Seidenman

  1. Na super – Rezension gelesen und gedacht – Mensch das hab ich das Buch und das kommt jetzt auf den SUB und nu – Buch wech und große Verzweiflung. Ich hatte das ! Wo isses hin? Ich bin mal am suchen und schicke liebe Grüße 😉

    • Ich hab es nicht, behaupte ich zu meiner Verteidigung 😀 Dann wünsche ich dir mal, dass du es schnellstmöglich findest und es anschließend genau wie ich zu schätzen lernst! 😉

      Liebe Grüße zurück!

  2. Pingback: Jahresabschluss und Top Ten | Muromez

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