Verdrängt und vergessen

Klar, jedes Kind weiß, dass Harry Potter von J.K. Rowling und »Herr der Ringe« von Tolkien stammen. Gerade stürmen ja alle in diesen »Fifty Shades of Grey«-Streifen und haben natürlich auch schon von der schlüpfrigen Roman-Trilogie gehört, insofern sie diese nicht selbst mit Sabbermäulern gelesen haben. Drei Beispiele für Literaturverfilmungen, bei denen sich die Waage noch gerade hält: Man erinnert sich noch an die ursprünglichen Ideengeber. Anders sieht es bei den von mir fünf ausgewählten Büchern aus (und sicherlich lassen sich noch mehr finden). Während die Adaptionen extrem erfolgreich waren, stellten sie die (durchaus passablen) Romanvorlagen ins Abseits. Schneid abgekauft, aber interessant ist diese Prozedere dennoch. Manchmal auch symptomatisch, wenn die Filmindustrie agiert. Wer liest schon so genau den Abspann, um zu erfahren, wer den Anstoß gab?

Alfred Hitchcock - PsychoPsycho: Norman Bates gespaltene Persönlichkeit hat Robert Bloch in seinem gleichnamigen Roman 1959 erfunden, bevor Alfred Hitchcock ein Jahr später die Rechte für läppische $9,500 erlangte und den Stoff schließlich zum Klassiker machte. Brisant dabei ist, dass Peggy Robertson, Hitchcocks Assistentin, den Auftrag hatte, alle gedruckten Bücher von Bloch aufzukaufen, damit den Zuschauern die Überraschungsmomente blieben und sie die Story nicht vor dem Film bereits komplett kannten. Übrigens, im Roman wird Marion Crane nicht wie in der berühmten Dusch-Szene erstochen, sondern – minimal brutaler – sogar enthauptet.

Winston Groom - Forrest GumpForrest Gump: „Life is like a box of chocolates – you never know what you’re gonna get.“ So ist es und wird es immer sein. Sechs Oscars heimste Robert Zemeckis Film ein, der auf Winston Grooms Roman beruht. Laut Groom kaufte Warner Brothers die Rechte bereits, als erst das Manuskript stand und nicht mal eine Endfassung. Auch soll Groom am Drehbuch mitgewirkt haben, wurde allerdings durch Eric Roth ersetzt. Wie so häufig hielt sich Zemecki nicht genau an die Vorlage. Im Buch war z.B. Forrest sogar mal Astronaut und ein weltbester Schachspieler, der beste gute Freund Bubba war weiß und kein Afroamerikaner.

Fantomas: Denkt man an Fantomas, denkt man vor allem an den Schurken in der blauen Maske, dem Louis de Funès als Kommissar Juve das Handwerk legen will. Tatsächlich beruht die französische Kriminalkomödie des Regisseurs André Hunebelle, der noch zwei Nachfolger anfertigte, auf den 31-bändigen Serienroman des Autorenduos Pierre Souvestre und Marcel Allai. Fantomas»Fantomas« sorgte im Ernscheinungsjahr 1911 in Frankreich für eine Sensation und wurde neben der Hunebelle-Adaption häufig Gegenstand von Verfilmungen. Ein Erzschurke ohne Geschichte und Motive treibt sein Unwesen, mordet und vergewaltigt im (nächtlichen) Paris, während der minder erfolgreiche Kommissar Juve ihm auf der Spur ist. Die von Gewalt triefende und unheimliche Reihe beschäftigte auch die Dadaisten und Surrealisten.

Full Metal Jacket: Eines der letzten Werke von Stanley Kubrick. Das oscarnominierte Antikriegsdrama basiert auf den autobiografischen Roman »The Short-Timers«, den Vietnam-Veteran Gustav Hasford 1979 herausbrachte. Gustav Hasford - The Short-TimersDie Bootcamp-Szenen, in denen Private Paula (wortwörtlich) seinen Kopf verliert, wurden wohl fast eins zu eins übernommen. Hasford selbst arbeitete am Drehbuch mit, verkrachte sich allerdings etwas mit Kubrick. So blieb er der Oscar-Zeremonie fern. Die Romanvorlage »Höllenfeuer« (so der deutsche Titel) sollte nur noch antiquarisch erhältlich sein.

Tarzan bei den Affen: »Ich Tarzan, du Jane.« Über 100 Tarzan-Filme sind bisher entstanden, die Zeichentrick-Adaptionen von Disney dürften wohl am ehesten im Hinterkopf schwirren, wenngleich wohl kaum noch jemand die Romane von Edgar Rice Burroughs liest, der die Tarzan-Figur eigentlich ausgedacht hat. Die Story um den weißen Jungen, der von Affen aufgezogen wird, sollte bekannt sein. Burroughs, dessen Tarzan-Erstausgabe 1914 erschien und der danach noch 23 Fortsetzungen anfertigte, kann heute allerdings reichlich Rassismus, Sexismus und Imperialismus vorgeworfen werden. Zudem untermalt er die Vormachtstellung des weißen Mannes, der den Schwarzen überlegen sei. (Eine Rezension zu dem relativ unbekannten Werk lässt sich bei Ein Jahrhundert lesen finden.)

5 thoughts on “Verdrängt und vergessen

  1. man so alles nicht weiß… obwohl mir ja sowieso vorkommt dass die Filmindustrie eigentlich keine Geschichte wirklich „erfunden“ hat (erstens wahrscheinlich weil sie ein bisschen spät bei der Party war und man das Rad nicht neu erfinden kann und zweitens lasse ich mich da auch gerne korrigieren). wenn man z. b. die Bücher von Jane Austen gelesen hat (oder die Verfilmungen ihrer Bücher gesehen hat), merkt man dass sich viele moderne Liebesfilme ihrer Geschichten bedienen und fröhlich adaptieren.
    Jedenfalls schöner Beitrag – lohnt es sich die Bücher zu lesen?
    LG, Antonia

    • Ehrlich gesagt, habe ich noch nicht mal alle davon gelesen. Mir ist nur immer wieder aufgefallen, dass ich oder überhaupt viele die jeweiligen Filme kennen, aber überhaupt nicht wissen, wer die Initialzündung dafür gab – und gerade das ist traurig, bzw. wird häufig unter den Teppich gekehrt. Deswegen diese (repräsentative) Auswahl. Hätte durchaus noch mehr nennen können, das hätte aber den Rahmen gesprengt.

      Vermutlich wird auch überhaupt nicht klar, wie sehr die Literatur die Medien (nicht nur Filmemacher) und uns inspiriert und zu was sie im Stande ist. Alleine die ganzen Redewendungen, die auf Shakespeare beruhen und die im Alltag auftauchen …

      Dass die Filmindustrie keine Geschichten „erfindet“, würde ich aber so nicht unterschreiben, das würde ihr wohl nicht gerecht werden. Da gibt es, aufgrund der Breite, sicherlich kreative Köpfe, die nicht nur adaptieren und lediglich für eine filmische Umsetzung etwas umdichten. Kommt sicherlich auch auf das Gerne an und wie man Drehbücher definiert, ob man sie als Teil der Literatur anerkennt.

      LG zurück 🙂

  2. Ápropos Kubrick: er hat weitere große Literaturverfilmungen geliefert, ob besser als die Vorlage, mag dahingestellt sein. Auf alle Fälle eigenwillig, brilliant und gültig: Shining (Stephen King), Clockwork Orange (Anthony Burgess), Eyes Wide Shut (Arthur Schnitzler) und ein besonderer Fall, weil Buch und Film parallel/ineinander verwoben entstanden, 2001-Odyssee im Weltall (Stanley C. Clarke). Kubrick, wenn ich einen Lieblings-regisseur nennen müsste, wäre es er. lg_jochen
    P.S.: Sehr interessant, Deine Fundstücke. Der Beitrag hat mich erfreut.

    • Hallo Jochen,

      stimmt, bei Kubrick, den ich übrigens ebenso schätze wie du, fällt es besonders auf und das wäre wohl überhaupt einen eigenen Artikel wert 🙂 Der Großteil seiner Filme beruht auf Romane. Neben den von dir Genannten reihen sich da auch z.B. „Lolita“ (Nabokov), „Paths of Glory“ oder „Spartacus“ ein.

      LG zurück
      Muromez

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