Charles Jackson – Das verlorene Wochenende

Fünf Tage und ein langes Wochenende stehen ihm zu, ohne dass ihn jemand ermahnen, rüffeln, noch ihm auf die Finger hauen kann. In dieser Zeit steigert sich der Alkoholmissbrauch der Hauptfigur in »Das verlorene Wochenende« ins Unermessliche, dramatisch spitzt sich die Situation zu und wird immer gefährlicher. Die gleichnamige Verfilmung von Charles Jacksons Werk, das 1944 erschien, erhielt vier Oscars, auch so wurde sein autobiografisch gefärbter Suchtroman ein Bestseller, der irgendwann allerdings vollkommen vergessen wurde. In einer ansehnlichen Neuausgabe hat der Dörlemann Verlag den Klassiker nun noch einmal veröffentlicht – einen schockierenden Eindruck hinterlässt er noch immer.

Charles Jackson - Das verlorene WochenendeFreude bei Don Birnam: seine Aufsichtspersonen fahren aufs Land, er hat sie abgehängt und kann sich nun in Ruhe einen hinter die Binde kippen. Der über 30-jährige, aus dessen Sicht die fünf Tage erzählt werden, trinkt nicht wegen des Geschmacks willens, sondern weil ihn das Wirken des Stoffs zwischenzeitlich beflügelt. Breitet sich die Droge aus, fühlt er eine gottähnliche Souveränität, Sicherheit, sich unantastbar – wie ein Superheld. Es kommen plötzlich geniale Ideen für einen Roman, seine Ausstrahlung verändert sich und Birnam bemerkt, wie anders ihn die Leute plötzlich behandeln. So wird das Trinken der Modus Operandi seines Lebens, auch Gewissensbisse lassen sich nur noch vereinzelt finden, selbst als er sich mit einer Schädelfraktur in einer Alkoholstation wiederfindet.

So eine Kreatur war er – keinen Deut heroischer, wich er Fallstricken aus und landete am Ende einer waghalsigen kleinen Tour immer wieder sicher zu Hause, ohne Übleres fürchten zu müssen als dieses unsinnige, nicht abzuschüttelnde schlechte Gewissen – obwohl es gar nichts Schlimmeres gemacht hatte als auszugehen. […] Nur er selbst kannte die Bedeutung seiner Schuldgefühle. Es hatte sich zu oft wiederholt, um belanglos zu sein. (S. 63)

Ein Wandel vollzieht sich allerdings, sobald der Rausch verflogen ist, sich Filmrisse, Psychosen und Gedächtnislücken herauskristallisieren. Manien und Phobien machen sich während des Katers breit. Die Medizin muss zu ihm gelangen, damit die Nervosität verfliegt, um ihn wieder vollständig herzustellen. Das Höchste der Gefühle? Genug zu trinken zu haben! Anders als ein Heroinsüchtiger würde Birnam beim Beschaffen des Nachschubs allerdings nie töten. Vielmehr findet er andere Wege, durch die er an Geld für den Suff kommt: Er stiehlt und geht zum Pfandverleih oder lügt, betrügt. Birnams besorgniserregender Zustand verdeutlicht sich, sobald er wieder halbwegs nüchtern ist, alles leer ist und er die Flaschenböden sieht. Es entwickelt sich eine Tour de Force, der Lärm und die Geräusche, die ihm auf den Straßen Manhattans begegnen, machen ihn verrückt, treiben kalten Schweiß aus allen Poren.

Ursachen für sein Verhalten kann Birnam nicht finden, fasst allerdings zusammen, dass er wohl nie mehr geheilt werden kann, der Alkohol ihn nicht mehr loslassen wird. Die gereichten Hände der Personen, die sich wie sein Bruder Wick oder seine Freundin Helen noch um ihn bemühen und denen er etwas bedeutet, nimmt er nicht an. Versucht sich viel mehr herauszuwinden, Ausreden zu finden, damit sie ihn endlich gewähren lassen.

Warum sind Trinker fast immer Menschen mit Begabung, Persönlichkeit, liebenswerten Eigenschaften, Talenten, Verstand, allen möglichen Qualitäten (warum sonst würde es irgendwen kümmern?); warum sind so viele brillante Männer Alkoholiker? Und dann die nächste Frage: Warum trinkst du? […] Es war viel zu spät, um eine solche Frage auch nur mit die leiseste begründete Hoffnung auf eine Antwort zu stellen – und wenn doch eine käme, auch nur die leisesten begründeten Hoffnung zu hegen, dass sie lohnend wäre oder irgendetwas erklären könnte. Warum er trank, war längst gleichgültig geworden. Du bist ein Trinker, mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Du trinkst, Punkt. […] Zum Teufel mit den Ursachen – abwesender Vater, Kappa-U-Desaster, zu viel Mutter, zu viel Geld oder die zig anderen Gründe, auf die du dich zu deiner Rechtfertigung berufst. Sie zählen nichts angesichts der einen Tatsache: Du trinkst, und es bringt dich um. Warum? Weil du mit Alkohol nicht umgehen kannst, er hat dich im Griff. Warum? Weil du den Punkt erreicht hast, an dem ein Drink zu viel ist und Hunderte nicht genügen. (S. 310/311)

Charles Jackson (*1903 – †1968) ist ein wiederentdeckter Autor, sein Debüt »Das verlorene Wochenende« wurde zwar schon in den 40ern ins Deutsche übertragen, doch zwischenzeitlich war er in Vergessenheit geraten, auch weil seine anderen Werke nie einen so durchschlagenden Erfolg hatten. Charles Jackson - Das verlorene Wochenende - FilmIn seinem Trinkerroman verarbeitet Jackson auch eigene Erfahrungen, da er stets bis zu seinem Suizid selbst Probleme mit dem Alkohol und seiner Bisexualität hatte. Auch lobte Thomas Mann Jacksons Roman in vollen Tönen, beide verband eine Brieffreundschaft.

Wahrhaftig enthält der Roman zahlreiche geniale Passagen. Als sich Birnam geistesgegenwärtig mit einer Schreibmaschine in der Hand zu Pfandhäusern schleppt und dabei feststellt, dass Jom Kippur, ein jüdischer Feiertag, ist und alle geschlossen haben, merkt der Leser, dass alles aus den Fugen geraten ist. Der angeschlagene Birnam weiß nicht, wie er es geschafft hat, die zahlreichen Läden abzuklappern, die weit entfernt voneinander liegen. Sein Antrieb ist die Sucht. An jeder Ecke droht er auseinanderzufallen wie ein Kartenhaus, kriecht aber dennoch weiter, obwohl die Realität ihn bei seinem Entzug stranguliert. Derartige Szenen samt der psychologischen Betrachtungsweise, darunter auch andere Wahrnehmungen, Träume oder Wahnvorstellungen, sind unheimlich fesselnd, ausgezeichnet formuliert.

Die Wahl der Figur Birnam ist außerdem ebenso interessant. Birnam gehört keiner unteren sozialen Schicht an. Er ist kein Obdachloser in der Nachkriegszeit, der sich mit anderen an einer brennenden Mülltonne versammelt, um offensichtlich zu saufen. Vielmehr verkörpert er bis zu einem gewissen Promillewert – und nur dann – vermeintliche Eleganz, kommt bei Frauen an, hört klassische Musik und beschäftigt sich mit anspruchsvoller Literatur. Das ist ein Gegenentwurf zum klassischen Bild des verwahrlosten Alkoholikers, der zwischen Abfall und Schmutz haust, keinen Wert auf das Äußerliche mehr legt.

Effektvoll skizziert Charles Jackson ein Leben voller Lügen und eine Sucht, die sich ausbreitet, ganz langsam den Menschen innerlich zerfrisst und über ihn bestimmt. Die Klinke der Tür, über der ein hoffnungsvolles Exit-Schild hängt, funktioniert nicht, klemmt noch nicht einmal mehr. Auch so schafft es der getrübte Kranke nicht durch Eigeninitiative, sie zu reparieren und damit durch diesen Ausgang zu gehen. Bestürzend!

[Buchinformationen: Jackson, Charles (2014): Das verlorene Wochenende. Dörlemann Verlag. Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarbanell. Titel der Originalausgabe: The Lost Weekend (1944). 352 Seiten. ISBN 9783038200079]

[Anmerkung: Eine weitere Rezension findet sich bei Literaturen.]

8 thoughts on “Charles Jackson – Das verlorene Wochenende

  1. Ich kenne nur die Verfilmung von Billy Wilder und die ging mir damals richtig unter die Haut. Ein nüchterner Film (trauriger Wortwitz), aber als der Protagonist einen psychotischen Schub hat und halluziniert, war das Grauen pur.

    • Den muss ich mir noch ansehen. Rainer Moritz erwähnt aber im Nachwort, dass der Film ein wenig von dem Buch abweicht. Nicht ganz so verstörend vielleicht.

  2. Lieber Ilja,
    das klingt nach einem sehr bedrückenden, oder wie Du mit Deinem letzten Wort schreibst, bestürzenden Buch. Sehr intensiv, so wie Deine äusserst gelungene Besprechung – und so, wie diese schlimme Krankheit nun einmal ist. Interessant auch die Brieffreundschaft des Autors mit Thomas Mann, wobei, wenn man mal beider Bi-Sexualität nimmt, das sicher nicht von ungefähr kommt.
    Was mich besonders freut bei diesem Buch von den Dörlemännern ist, dass dieser Verlag nicht nur sehr gute und besonders schön gestaltete Bücher macht, sondern auch die Arbeit der Übersetzerin mit einer Erwähnung auf dem Buchcover würdigt. Die Übersetzer und -innen werden oft zu wenig beachtet. Dabei handelt es sich dabei um eine wirklich literarische und je nach Text äusserst anspruchsvolle und i.d.R. mehr als bescheiden bezahlte Arbeit. Bloss, wenn es sich um eine offensichtlich schlechte Ü. handelt, dann wird gemeckert (wobei es sich dann nur allzu oft um sogenannte Gruppenübersetzungen handelt, die von grossen Verlagen durch grosse Übersetzer-Agenturen veranlasst wurden).
    Danke für Deinen Post und liebe Grüsse
    Kai

    • Hallo Kai,

      da muss ich dir zustimmen. Die Arbeit der Übersetzer gerät leider oft in den Hintergrund, obwohl sie meist Großartiges leisten. Verdient haben sie es allemal, auch ruhig auf dem Cover erwähnt zu werden!

      Liebe Grüße zurück.

  3. Hallo Ilja,
    spät, aber nicht zu spät bin ich auf deinen blog „gestossen“. Bin ja noch Anfänger in der Bloggerei und habe etwas beschämt gesehen, dass du bereits im Oktober diese ausführliche und persönlich bewegte Besprechung von „The Lost Weekend“ veröffentlicht hast. Beschämt nicht wegen dem Zeitpunkt, sondern weil dein Beitrag einfach besser und gründlicher ist und sprachlich flüssig und mit Esprit daherkommt. Bin auch sonst von deinen Beiträgen sehr angetan, das ist die Linie, die ich mir vorstelle von einem guten Literaturblog. Das war ein schönes „Fundstück“ heute. Danke dafür.

    Viele Grüße Herbert

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