Karl Ove Knausgård – Sterben

Kein Ebola, BSE, keine Schweine- oder Vogelgrippe. Nein, etwas anderes hat mich angesteckt, das sich unaufhaltsam verbreitet, große Ausmaße annimmt und hinter dem sich eine hohe Ansteckungsgefahr verbirgt: der Knausgård-Virus. Sechs Bände umfasst das autobiografische Romanprojekt des Norwegers, der in den Staaten unheimlich gehypt wird, und hört auf den strittigen Titel »Mein Kampf«. Rasch wird nach dem ersten Teil, »Sterben«, deutlich, warum die Werke so von Erfolg gekrönt sind: Karl Ove Knausgård trifft den Nerv der Zeit.

Wahrlich ist es nichts Weltbewegendes, was Knausgård produziert. Er erfindet das Rad keineswegs neu oder bringt die Sprache auf ein neues Level, sondern schreibt sich einfach die Gedanken von der Seele. Karl Ove Knausgård - SterbenIrgendwie wirkt alles unheimlich, verdammt ehrlich, wenn er Lesern an seinem Leben teilhaben lässt, Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend preisgibt und dabei den Bogen zur Gegenwart hinbekommt. Alltägliches trifft auf Vergangenes, Schmerzliches auf Hoffnungsvolles. Und was vielen Autoren nicht gelingen mag, – Knausgårds Feder bringt etwas in höchstem Maße Touchiges hervor.

»Sterben« widmet sich vor allem seinem Vater, der sich zu Tode soff und kümmerlich ablebte. Knausgård denkt zurück an die Pubertät, die ersten Küsse, Alkoholeskapaden, Freunde und die Musik. Es manifestiert sich ein aufbegehrendes, teils anarchistisches Gemüt, das durch den autoritären Papa ausgelöst wird: »Mein Vater füllte die Räume mit Unruhe, meine Mutter füllte sie mit Sanftmut, Geduld, Melancholie […].« Daneben finden sich auch essayistische Passagen, die allesamt großes Tennis sind. Knausgård verdeutlicht darin z.B. die Schreibprozesse, die ständigen Zweifel, ob er überhaupt Talent besitze, oder den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod.

Die immerwährende Sehnsucht, die an manchen Tagen so groß war, dass sie sich kaum kontrollieren ließ, ergab sich hieraus. Nicht zuletzt um sie zu lindern, schrieb ich, durch das Schreiben wollte ich die Welt für mich öffnen, gleichzeitig führte dies aber auch dazu, dass ich scheiterte. Mein Gefühl, dass keine Zukunft existiert und sie nur aus immer mehr von immer Gleichen besteht, lässt jede Utopie sinnlos erscheinen. (S. 289)

In diesem Licht muss man die seltsam zweideutige Rolle betrachten, die der Tod übernommen hat. Einerseits ist er überall präsent, wir werden von Nachrichten über Todesfälle und Bildern von Toten überschwemmt; für den Tod gibt es in dieser Hinsicht keine Grenzen, er ist massiv, allgegenwärtig, unerschöpflich. Doch das ist der Tod als Vorstellung, der Tod als Gedanke und Bild, der Tod als Geist. Dieser Tod ist genauso wie der Tod des Namens, das Körperlose, auf das man verweist, wenn man den Namen eines toten Menschen ausspricht. Denn während der Name zu Lebzeiten eines Menschen auf den Körper verweist, wo er sich aufhält, was er tut, löst der Name sich im Tode vom Körper und verweilt wieder bei den Lebenden, die mit dem Namen stets meinen, was der Mensch war, und nie, was er jetzt ist, ein Körper, der irgendwo liegt und verwest. (S. 294)

Man hat das Gefühl, dass Knausgård bei seiner Verarbeitung gerade das macht, worauf er Lust hat, respektive was ihm auf dem Herzen liegt oder er bemerkt. Anhand von Besuchern eines Sexkinos, das er aus seiner Schreibstube sieht, betrachtet er ein ungewöhnliches sexuelles Verhalten und versucht, Gründe für diese Stippvisiten zu finden. Lapidare Beschreibungen, eine Frau zieht einen Kinderwagen über die Straße, lassen sich zwar nicht immer kontextuell einordnen, passen aber, warum auch immer.

So liest man »Sterben«, als ob man von einem großen Fluss mitgerissen wird, keine Argumente allerdings dafür findet, warum die Strömung derartig stark ist. Gut möglich, dass Knausgård unsere Gesellschaft durch die eigenen Erfahrungen und Beobachtungen wie kein Zweiter abbilden kann. En bloc erzielt Knausgård eine fesselnde Wirkung, seiner Anziehungskraft lässt sich nur schwer entweichen.

[Buchinformationen: Knausgård, Karl Ove (2013): Sterben. btb Verlag. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Titel der Originalausgabe: Min Kamp (2009). 576 Seiten. ISBN: 978-3-442-74519-7]

[Weitere Rezensionen zum Buch bei aus.gelesen, Bibliophilin, Feiner reiner Buchstoff, geistrecht, marieganglion und Lesezeichenblog.]

3 thoughts on “Karl Ove Knausgård – Sterben

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