Igort – Berichte aus der Ukraine

Zwei Jahre, von 2008 bis ’09, war der italienische Comiczeichner Igort in der Ukraine unterwegs, wollte sie und das Postsowjetische dadurch näher verstehen sowie die Folgen des Kommunismus aufspüren. Daraus resultierte das Graphic-Novel-Produkt »Berichte aus der Ukraine«, das sich einerseits mit der Gegenwart beschäftigt, andererseits die Vergangenheit des arg gebeutelten Landes aufgreift. Igort hält die Stimmen der Stalinismus-Opfer bildhaft fest – ihre eidetischen Erzählungen bringen aus der Ruhe – und gibt ihnen damit eine Plattform. Herausgekommen ist ein ausdruckvolles und einprägsames Werk.

Igort - Berichte aus der UkraineAusgangspunkt seiner Reise ist Dnipropetrowsk, zur Zeit des Kalten Krieges auch Rocket City genannt, weil dort so gut wie alle Raketen der Sowjetunion hergestellt wurden. Dabei trifft Igort unterschiedliche Menschen, die von der Finanzkrise und der Korruption betroffen sind, darunter leiden, aber auch auf welche, die weitaus ältere Narben besitzen.

Ich habe mir die Geschichten mit gespitzten Ohren angehört und beschlossen, sie zu zeichnen. Ich konnte sie einfach nicht für mich behalten. Die Geschichten sind wahr und handeln von Menschen, die ich zufällig auf der Straße getroffen habe und denen das Schicksal zuteilwurde, in den Fängen des Eisernen Vorhangs geboren worden zu sein. (S. 20)

Da wäre die Geschichte von Pensionärin Serafima Andrejewna, die sich an den Holodomor und den Hunger erinnert, als die Ablehnung der Kollektivierung, die Absonderungsversuche und die Unabhängigkeitsbestreben der Ukraine systematisch von Stalin bekämpft werden. Als Menschen im Rahmen der Entkulakisierung 1932 zu Kannibalen wurden, ihre Haustiere kochten und ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung verhungerte oder deportiert wurde. Innerhalb von sechs Jahren schrumpfte dabei die Zahl der Kulaken-Bauern von 5,6 Millionen auf 149.000.

Oder die von Nikolai Wassiljewitsch, der kein Glück im Leben findet, zwar die einmarschierten Nazis und schwerwiegenden Krankheiten überstand, aber stets alleine gelassen blieb, sodass ihn gar die eigenen Söhne grundlos abstoßen. Dann folgt ein Link in die Gegenwart, die für die provinzielle Jugend perspektivlos ist: »Sie träumen nicht einmal, niemand hat es ihnen beigegebracht. Es gibt keine Hoffnung, nur Benommenheit und Desorientierung.«

„Das Land wurde im Stich gelassen.“ Dieser Satz hallt tage- und wochenlang in meinem Kopf nach. Ein reiches Land, fruchtbar, unabhängig, einst die Kornkammer Europas, ist heute verelendet. Mit dem Fall des Kommunismus ist die sowjetische Mystik der Mechanisierung der Landwirtschaft gestorben. Der Fünfjahresplan, die Kolchosen – nur noch Erinnerungen. Heute lebt man aus Gewohnheit. Der ukrainische Homo sovieticus ist ein verlorenes Wesen, ohne Bestimmung. (S. 163)

Igorts Zeichnungen sind voller Nuancen und zeigen Bilder, die die westliche Welt höchstens von befreiten KZ-Häftlingen kennt. Igort - Berichte aus der UkraineEingefallene Geschöpfe, die nicht mehr viel mit Menschen gemeinsam haben, sondern nur noch klapperdürre Gerüste sind. Die aufgrund der Hungersnot gar Kadaver ausbuddeln, um sie zu verspeisen. Igort experimentiert viel, seine Bilder haben manchmal kubistische Züge, sind hin und wieder der Modernen Kunst zuzuordnen. Daneben lassen sich einige Portraits finden oder schwarz-weiß Karikaturen.

Mögen die historischen Elemente nicht immer hieb- und stichfest sein. Igort geht weniger wie ein Journalist vor, der zwischen zwei Stühlen sitzen sollte und aus dieser Position eine Reportage formt, sondern gibt meist lediglich das Gesagte wieder. Sind die vier dargestellten Hauptgeschichten dafür tragisch und entsetzlich zugleich. Dem Künstler gelingt es nachhaltig, die Schrecken des vergangenen Jahrhunderts, denen u.a. die Ukraine ausgesetzt war, abzulichten.

In den Reflexionen der Zeitzeugen stößt man selten auf Selbstbestimmung, waren sie doch Pogrome, einer Freiheitsberaubung und Willkürherrschaft ausgesetzt. Obwohl sie all das überlebten, müssen sie im Hier und Jetzt dennoch in einem unterentwickelten Land weiter um ihre Existenz kämpfen. Es gelingt Igort, dieses Gegeneinander wohl überlegt zu vereinen.

[Buchinformationen: Igort (2011): Berichte aus der Ukraine (Erinnerungen an die Zeit der UdSSR). Reprodukt. Aus dem Italienischen von Giovanni Peduto. Handlettering von Céline Merrien. 180 Seiten. ISBN: 978-3-941099-61-6]

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