Piotr Paziński – Die Pension

In »Die Pension« unternimmt der Protagonist den Versuch, jüdische Lebenswelten wieder ins Gedächtnis zu rufen und sie kurzzeitig auferstehen zu lassen. Unterschiedliche Blickwinkel verdeutlichen die jüdische Kultur samt den ganzen Zweifeln, die sie beherbergt. Welche Erinnerungen werden andauern, wenn die Zeitzeugengeneration der Holocaust-Überlebenden ausstirbt und was alles wird sie unausgesprochen mit in ihr Grab nehmen? Autor Piotr Paziński, Chefredakteur der polnisch-jüdischen Zeitschrift »Midrasz«, hat für seinen ersten und kleinen aber feinen Roman unter anderem 2012 den Literaturpreis der Europäischen Union erhalten. Zu Recht, denn die »Die Pension« ist ein Kleinod, das stilistisch samt den wunderbaren Beschreibungen, Nachbildungen und den jüdischen Schwänken großartig konzipiert wurde.

Ein Mann ist auf der Durchreise und möchte in der Nähe von Warschau einen Abstecher zu einemPiotr Paziński – Die Pension Ferienhaus machen. Er selbst war einmal Teil dieses Heimes, in dem sich ausschließlich Juden aufhielten. Gemeinsam mit seiner Großmutter und anderen Gästen verbrachte er stets seine Ferien dort, wo reges Treiben herrschte und stets diskutiert wurde. So lauschte er Gesprächen über die jüdische Tradition, bekam Streitereien oder Reflektionen mit. All das hat stets Eindruck bei ihm hinterlassen, er kann diese Andenken nicht einfach so ausradieren. Sie sind wie seine jüdische Identität ein Teil von ihm.

Von dem einstigen Schein ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Die Anlage, die auch als Arche und »zweifelhafter Zufluchtsort in der Wüste« bezeichnet wird, wirkt marode und verlassen. Auch Gäste sind rar gesät. Neben dem Chef und einigen wenigen anderen sind nur noch der Ehrengast Jakob anzutreffen. Dennoch rekonstruiert der Wiederkehrende all die Charaktere von früher, zu denen er stets aufgeschaut hat und von denen er lernte. Das Anwesen hilft ihm bei den Reminiszenzen.

An viel mehr erinnerte ich mich nicht. Manchmal war es so gut wie nichts. Meine Vergangenheit steckte tief in mir, doch wenn ich mich bemühte, zu ihr vorzudringen, stieß ich auf eine Leere, als wäre ich gestern geboren worden und als wäre alles, was früher einmal war, ein Durcheinander schemenhafter Bilder, verkohlt und zerfallen in die Teilchen der Atome, von denen Leon erzählte. Die Fülle dieser Bilder erzeugte eine Illusion von Erinnerung, und ähnlich wie die Vielzahl der Fotografien wurde sie zu einem Ersatz für das Leben. Ich folgte ihnen, suchte sie im Staub zwischen den Pflastersteinen auf einer vertrauten Straße und in den Ritzen im Boden. (S. 107)

Es folgen Rückblicke, die durch die vielen Andenken und Konversationen, die in der Pension an der Tagesordnung waren, entstehen. Der »Jüdische Bolschewismus« oder der Holocaust, der das jüdische Volk auszulöschen drohte, werden wie die israelische Unabhängigkeit thematisiert und der Aufbau des Staates (»Gibt es denn einen Ort, an den man die Juden von einem Tag auf den anderen wie einen Baum verpflanzen kann?«). Wie Juden gezwungen wurden, zu konvertieren und Widerstand geleistet haben, nicht ungläubig geworden sind oder wie es um die neue Generation steht (»Das jüdische Schicksal ist schwer wie ein Fels.«).

Wer von ihnen hat überlebt, in der Obhut von guten Menschen oder aus dem Grund, dass kein Platz mehr im Transport war. Oder aus irgendeinem anderen unverständlichen Grund, zum Beispiel dank der Intervention des säumigen Schöpfers, der dem Gemetzel nicht mehr länger zusehen konnte und der sich dafür entschied zu handeln. Oder durch einen Verzicht des Teufels, der aus Spaß oder in Sorge um sein Wohlergehen ein paar Seelen auf der Welt übrig ließ? Aber vielleicht machte es auch nur eine zufällige Koinzidenz möglich zu überleben, ein Zeugnis abzulegen, zu schreien, zu lamentieren und nie zu vergessen oder für immer zu vergessen, und sich trotzdem zu erinnern – von Generation zu Generation, bis zum Ende, dem letzten Atemzug und sogar noch einen Tag länger. (S. 53)

Piotr Paziński hat seinen Erinnerungsroman clever angelegt. Der Rückkehrer wühlt im Gedächtnis und deswegen dürfen die sprunghaften Blicke in die Vergangenheit auf unterschiedliche Zeitebenen zurückgreifen, was voller Facettenreichtum passiert. Nicht zu verachten sind ebenso die Darstellungen des Gasthauses und der Umgebung: »Der Nebel hing über den Bäumen und umfing alles ringsum mit der kühlen Berührung seiner unsichtbaren Tropfen.« Poesie pur!

»Die Pension« ist ein feingliedriges Schmuckstück, das sich vor allem mit der jüdischen Erinnerungskultur beschäftigt. Die Charaktere aus früheren Tagen blühen wieder auf und werden mit all ihren Macken und Sorgen liebe- sowie detailvoll nachgezeichnet. Setzt man die Bruchstücke zusammen, entsteht ein Gefüge, das unheimlich faszinierend sein kann.

[Buchinformationen: Paziński, Piotr (Juni 2014): Die Pension. edition.fotoTAPETA. Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel. Titel der Originalausgabe: Pensjonat (2009). 144 Seiten. ISBN: 978-3-940524-25-6]

2 thoughts on “Piotr Paziński – Die Pension

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