Auf Entdeckungstour in der Fremde

Etwas ganz anderes als das Geschrei, Zerren, die Feilscherei, der Stress und die aggressive Stimmung auf dem türkischen Basar, der für eine Reizüberflutung sorgt, erlebt mein Gemüt, als ich diese Türschwelle übertrete. Wenn ich an einer Buchhandlung vorbeigehe – egal an welcher –, muss sie betreten werden … ein innerlicher Zwang. Drinnen herrscht eine fast meditative Atmosphäre, während die Mittagssonne draußen Zwei Schritte in Herrn Türes Laden und Natur 1 immer noch knallt im September. Bücher über Bücher erhasche ich, ein Portrait von der Wand blickt mich an. Sieht aus wie Che. »English literature is outside«, erklingt eine Stimme aus der Ecke. Nach der Inspektion dieses Regals gehe ich noch einmal hinein und schaue voller Neugierde weiter.

Ich frage den Mann auf Englisch, ob er eben fünf Minuten übrig habe und mir türkische Literatur empfehlen könne. Wie denn mein Türkisch sei? »Nicht vorhanden«, antworte ich. Vielmehr möchte ich wissen, welche (klassische) Werke er mir empfehlen könne. Klar, Orhan Pamuk kenne ich, aber dann hört es auf. Eventuell sind sie ja dann auch noch ins Deutsche übersetzt – zurück in der Heimat würde ich das dann überprüfen wollen und diese Bücher dann mal näher betrachten. Der Herr lächelnd: »Ach, Sie sprechen Deutsch? Sehr gut!«

Es entwickelt sich ein Gespräch. Inhaber Mehmet Türe hat mal in Zwei Schritte in Herrn Türes Laden und Natur 2Hamburg das Übersetzen gelernt und betreibt seinen Laden in Fethiye, das sich in der Ägäisregion befindet, seit 15 Jahren. Seine Frau, Mine Türe, ebenfalls vor Ort, schreibt gerade an einem Kinderbuch. Er war der Erste in der Stadt, der eine Buchhandlung eröffnete, vor ihm habe es dort keine gegeben. Ursprünglich stammt Mehmet Türe aus Istanbul, wollte dann aber dem Trubel entfliehen und zog in die deutliche ruhigere Ecke, die zudem naturell mehr bieten könne. Daher auch der Name: »Natur Buchladen«.

Neben mir verirrt sich nur ein weiterer Tourist in die Buchhandlung, der nur Englisches sucht und schnell wieder geht. Von daher hat Herr Türe Zeit. Er empfiehlt mir Yaşar Kemal, der laut ihm den Nobelpreis viel mehr als Pamuk verdient hätte. Auch mit Zülfü Livaneli, Hamdi Koç, Sabahattin Ali oder Aziz Nesin sollte ich es mal versuchen. Ebenso erwähnt er Ahmet Ümit, mit dem er gar eine Freundschaft pflegt und politische Aktivitäten unternahm. Beide sind/waren linkspolitisch eingestellt und gehör(t)en der Türkischen Kommunistischen Partei an.

Ob die Türken viel lesen würden, interessiere ich mich. »Statistisch gesehen nur wenig«, erklärt Herr Türe. Auch eBooks haben den Markt wohl noch nicht erreicht. Überhaupt ist Herr Türe – wie Zwei Schritte in Herrn Türes Laden und Natur 3ich – ein Gegner des Digitalen. »Viele Kinder kommen zu mir – manchmal auch nur, um den Geruch der Bücher einzuatmen«, sagt Herr Türe. Er sei kein Verkäufer, betont er. Vielmehr ein Liebhaber, der seine Schätze voller Obhut lagert, um sie dann in die weite Welt zu lassen. Wieder tiefenentspannt trabe ich heraus. Dankbar für die gewonnenen Einblicke, für die Mehmet Türe und seine »Natur« verantwortlich waren.

14 thoughts on “Auf Entdeckungstour in der Fremde

  1. So eine Begegnung gehört bestimmt zu den Urlaubserlebnissen, die sich besonders einprägen. Ich gehe im Ausland auch gern in Buchhandlungen, auch wenn ich die Sprache nicht beherrsche. Es gibt doch immer wieder schöne Entdeckungen und von einem türkischen Buchhändler, die besten türkischen Autoren empfohlen zu bekommen, das hat schon was. Vielleicht sollte ich da meine Schüchternheit mal überwinden und auch im Ausland mal einen Buchhändler meines Vertrauens ansprechen ;-). Dass Türken eher weniger an Büchern interessiert sind, hatte ich auch schon gehört. Um so schöner ist es, auf einen Buchhändler zu treffen, der sich nicht als Verkäufer sieht. Aber von irgendetwas leben, muss er ja auch. – Ach, und Kinder, die in die Buchhandlung kommen wegen dem Geruch der Bücher, wie wunderbar! Viele Grüße und danke für diesen schönen Artikel, Claudia

    • Jedes Gespräch, auch wenn es Überwindung kostet, es zu beginnen, kann eine Bereicherung sein. In solchen Fällen lohnt es sich immer, aus sich herauszukommen und fragen kostet ja bekanntlich nichts. 🙂 Freut mich, dass der Artikel Anklang findet. Viele Grüße zurück!

  2. Was für eine schöne Idee, auch im Urlaubsort Buchläden aufzusuchen – selbst dann, wenn man die Landessprache nicht spricht. Und noch schöner ist es, dass du das Gespräch für deine Leser festgehalten hast. Herr Türe scheint ein extrem spannender Mensch zu sein, nicht nur wegen seiner Leidenschaft für das gedruckte Wort. Danke, dass du uns daran teilhaben lässt.

    • Was sich so alles ergibt, wenn Madame beim Friseur sitzt und man(n) 30 Minuten „Freigang“ hat … da kommen schon Ideen zusammen 🙂 und es sind ja gerade solche Zufälle, die das Leben unerwartet spannender machen.

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