Gerd Ruge – Unterwegs: Politische Erinnerungen (Gespräch)

Gerd RugeVieles hat der Journalist Gerd Ruge in seinem Leben erlebt. Als Martin Luther King und Robert F. Kennedy ermordet wurden oder als 1991 in Moskau die Panzer einfuhren, stand er in den vordersten Reihen und berichtete. Er sendete von Schauplätzen des Verbrechens, stets bedacht, genauso die Reaktionen von Menschen, die sich in der Hierachie weiter unten befanden, einzufangen und wurde als Pionier der Auslandsreportage mit u.a. dem Adolf-Grimme-Preis und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im vergangenen Jahr (2013) hat der 85-jährige Ruge sein Buch »Unterwegs: Politische Erinnerungen« veröffentlicht, in dem er über seine Korrespondenzen und Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Willy Brandt oder Michail Gorbatschow schreibt.

Zu Beginn der Veranstaltung in der Schützenhalle Borgentreich wird ein Beitrag von ›ttt – titel, thesen, temperamente‹ eingeblendet. Dieter Moor beschreibt Ruge in seiner Anmoderation als einen »von Neugierde Getriebenen«. Reporterlegende, Jahrhundertzeuge, deutscher Fernsehreporter erste Stunde, erster deutscher Auslandskorrespondent in Moskau und Freund von Boris Pasternak heißt es in dem Bericht weiter.

Danach führt Sabine Stamer, Frau von WDR-Intendant Tom Buhrow und selbst Journalistin, das Gespräch. Anfangs geht es um Aktuelles und die Proteste in der Ukraine. Wer das Land denn überhaupt führe, Wiktor Janukowytsch oder gar Wladimir Putin selbst? Ruge sieht in Janukowytsch noch den Machtinhaber, obwohl Putin viel in die Ukraine investiert habe. Er verweist auf die gegensätzlichen Meinungen im Land und dass die EU sich bisher noch nicht klar positioniert habe, was passiere, wenn es zu einer Teilung des Landes käme. Auch Deutschland halte sich da noch bedeckt. Vitali Klitschko verkörpere die Opposition, obwohl er von den Medien zu Beginn stark überzeichnet worden sei. Trotzallem bemängelt Ruge, dass er über keine außenpolitische Erfahrung verfüge und das als Nachteil gesehen werden kann.

Ruge_24369_MR1.inddSpäter erzählt Ruge, wie es gewesen ist, als er als einziger Deutscher in Vietnam weilte, dort der Krieg ausbrach und er in die Tet-Offensive geriet. Er stand mittendrin, wurde »von vorne und hinten beschossen« – außer einigen Löchern in der Karosserie des Fahrers und Dolmetschers stieß ihm aber nichts zu. Ruge erklärt, dass er stets bei solchen Risiken vorher überlegt habe, wie er da herauskomme, das geschah meist aber auch situationsabhängig. »Meistens habe ich Glück gehabt«, sagt Ruge.

Zum Journalismus ist Ruge zufällig gekommen und hatte eigentlich ganz andere Ansprüche. Mit 16 wurde er noch eingezogen, nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geriert er aber dank seines jungen Alters nicht in Kriegsgefangenschaft. Dafür bekam er das Abitur nachgeschmissen, aber keinen Studienplatz. So besuchte er eine Dolmetscherschule, eignete sich Russisch- und Englisch-Kenntnisse an, obwohl er lieber Kunst, Geschichte oder Volkswirtschaftslehre studiert hätte.

Ruge reiste in die Sowjetunion, was damals für Journalisten zu unheimlich war. Die Vorstellung was ihn dort erwartete, sei ungenau gewesen. Aber er wollte aus der Nähe sehen, wie über das besiegte Deutschland entschieden wird. Er besuchte auch das sibirische Werchojansk, das einst als Verbannungsort für politisch Verfolgte diente und damals für sehr wenige zugänglich war. Der angetrunkene Nikita Chruschtschow empfahl ihm diesen Ort, um mehr von der Sowjetunion als nur Moskau zu sehen. Ruge behauptete dann trickreich, dass er im Auftrag von Chruschtschow dorthin musste und bekam deswegen vom KGB die Zusage. Ruge denkt ebenso an die Spaltung der Sowjetunion zurück, als man kein Ansatzpunkt für ein geeignetes System hatte.

Der Gründer der deutschen Sektion von Amnesty International betont, dass man besonders in China keine Möglichkeit hatte, mit Politikern in Kontakt zu kommen. Anders war es da in den USA, wo dagegen er stets Chancen hatte, mit Regierungsmitgliedern zu sprechen. Konstant haben Zufälle wie bei seiner ermöglichten Einreise ins abgedichtete Jugoslawien eine große Rolle gespielt und seine Laufbahn geprägt. Zufälle, die sich dadurch ergaben, weil Ruge stets Wissbegierde in sich trug, auch mit dem einfachen Menschen sprach und sich ein immer größeres Netzwerk aufbaute.

Gerd Ruge 1Sabine Stamer fasst zum Abschluss des Gesprächs ihre Eindrücke von Ruges Buch zusammen. Sie sieht in ihrem journalistischen Kollegen einen Pionier in vielen Schritten. Er schildere aus verschiedenen Blickwinkeln, nie schwarz-weiß. Es sei Entspannung und Bildung in einem. »Und deswegen das perfekte Buch für mich«, so Stamer.

Unter den etwa 150 versammelten Zuhörern gehöre ich zu den jüngsten. Manchmal kann ich dem rüstigen Gerd Ruge nicht ganz folgen. Schalte zwischendurch ab, wenn er ausschweifend über Zusammenkünfte und Politikgeschichte erzählt. Freilich ist Ruge aufgrund seines fortgestrittenen Alters – verständlicherweise – nicht mehr ganz der große Erzähler, der lebhaft samt seiner Rhetorik fesselt. Das hat man jedoch zu akzeptieren und sollte stattdessen zu schätzen wissen, einen derart großen Journalisten sowie Zeitzeugen noch erleben zu können. Ruge ist während seiner Karriere jemand gewesen, der für objektive Berichterstattung stand und sich nicht zu schade war, großen, brenzligen Ereignissen beizuwohnen. Der ein Gespür hatte für Geschehnisse, die die Welt veränderten. Gesunde Beine und Neugierde mehr bräuchte es dafür nicht, meint Ruge.

[Buchinformationen: Ruge, Gerd (Juli 2013): Unterwegs. Politische Erinnerungen. Hanser Berlin. 328 Seiten. ISBN: 978-3-446-24369-9]
[Anmerkung: Rezensionen zu »Unterwegs: Politische Erinnerungen« sind bei aus.gelesen oder Helga König zu finden.]

5 thoughts on “Gerd Ruge – Unterwegs: Politische Erinnerungen (Gespräch)

  1. Ich war dabei, als Gerd Ruge sein Buch auf der Buchmesse vorgestellt hat. Leider nuschelt er etwas, so dass ich vieles nicht verstanden habe. Wahrscheinlich ein Grund mehr, das Buch zu lesen 😉

    • Wohl war, das Nuscheln ist mir auch aufgefallen. Bei uns hatte Herr Ruge zudem am Anfang einen kleinen Frosch im Hals und räusperte sich entsprechend mehrmals doch zu arg in Richtung seines Mikros, was nicht besonders angenehm war. Aber dieses Problem wurde durch einige Schlückchen Wasser dann letztlich doch noch gelöst 😉

  2. Pingback: Buchempfehlungen #1: Ruge, Coelho, Munro | Ein Journalistenblog

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