Viktor Jerofejew – Die Akimuden

Viktor Jerofejew - Die AkimudenDie juckenden Finger sollte man in Russland bekanntlich still halten. Gegen-den-Strom-schwimmen wird nicht so besonders gerne toleriert und kann, wie einige Fälle zeigen, manchmal tragisch enden. Der russische Autor Viktor Jerofejew macht sich nichts daraus und kritisiert trotzallem. Er lehnt die Regierung samt des Mannes an der Spitze, Vladimir Putin, öffentlich ab. Vor allem ist Jerofejew aber auch jemand, der die Gesellschaft seines Heimatlandes porträtiert wie kaum ein anderer. »Die Akimuden« heißt das neue Stück von ihm, in dem er weiter ordentlich austeilt.

Die Akimuden fallen im heißen Sommer ins Land ein. Auferstandene Tote mit »herabhängenden fauligen Fleischstücken«, teils Skelette, teils noch nicht komplett verweste Leichen reißen alles ein. Zerfetzen die defensiven Stellungen, übernehmen und grillen danach die männlichen Geschlechtsteile ihrer Gegner wie Würste. Was los ist, weiß niemand richtig. Soll der Angriff als Strafe für die Stagnation des Landes gesehen werden? Sogar der ›Chef‹, der mit den Jahren immer weniger Haarwuchs trägt, kapituliert. Mittendrin ein Schriftsteller, den die Zombies glücklicherweise am Leben lassen. Ansonsten breiten sich die Auferstandenen in Moskau aus. Besetzen Wohnungen von Lebenden und betrinken sich. Stellt sich nur die viel wichtigere Frage: Was sind überhaupt die Akimuden? Sind sie doch auf keinem Globus zu finden.

Es folgt die Vorgeschichte, die das Rätsel lösen soll. Definitiv sind die Akimuden außerirdische Kreaturen, die jedoch in Menschenform auftauchen. Sie sehen in Russland das Zentrum des Universums. Diesen Status habe es zu verteidigen. Bei dem ›Chef‹ und seinen Untertanen klingelt es: Spionage womöglich. Schließlich besitzen sie eine Botschaft, im Fokus: der Botschafter, drei Berater, Referent Gennadi Jerschow und die halbwüchsige Konsulin des Todes, Klara Karlowna, die einzige Frau. Diese Botschaft sorgt schnell für Aufsehen, denn ihre Mitglieder scheinen magische Kräfte zu haben. Folglich wird insbesondere der Botschafter zu einem geschätzten Mann, der überall eingeladen wird. Agenten wie Katja, genannt Fink, sollen aufdecken, um mehr über die Akimuden und ihre Absichten zu erfahren. Nicht, dass die konkurrierenden Amerikaner sie geschickt hätten. Und so langsam durchschlägt es den gordischen Knoten.

Nikolai Iwanowitsch Akimud besaß die Verfügungsgewalt über drei Dinge: Liebe, Geld und Kreativität. So kontrollieren Präsidenten ihre drei wichtigsten Ministerien. […] Erfolg war nur über die drei oben genannten Positionen anwendbar. […] Akimud war Herr über alle irdischen Wesen, den Menschen eingeschlossen. Er verfügte dazu noch über fliegende Untertassen, grüne Männchen, hungrige und kalte Geister, kurzum, über den ganzen Laden, ob in der Luft, auf der Erde, im Wasser oder unter der Erde. Auch war er teilweise Herrscher über den Tod, doch da verhielt er sich flatterhaft und pochte nicht auf seine Rechte, wohl wissend, dass der Tod so oder so einen jeden holt. (S. 138)

Über Akimud stehen aber wie sein Vater noch andere. »Das Ziel allen Strebens der Menschen auf der Erde unterlag nicht seiner Kompetenz.« Die Höhergestellten haben ihm aber nicht alles über das Projekt Mensch verraten. Dafür darf er unter anderem Einfluss auf den Glauben nehmen, dennoch sieht er die Menschheit als gescheitert an, obwohl der Mensch aus Liebe erschaffen wurde, sei er ein Fehler der Natur.

Er war außerdem verantwortlich für die Existenz der Seele nach dem Tod, doch hier traten unüberwindbare Widersprüche auf. Der Mensch konnte sie nicht auflösen. Sie lagen jenseits der Vernunft. Nikolai Iwanowitsch war bereit, äußerst behutsam mit Seelen umzugehen und sie zu sich zu nehmen, um seinen Ruhm zu mehren, aber der Aufrechterhaltung der Ordnung auf der Erde zuliebe musste er doch die Umsiedlung der Seelen vornehmen, was die Idee der Unantastbarkeit der Persönlichkeit verletzte. Die Persönlichkeit hatte durch den Verlust von zeitlichen und körperlichen Koordinaten furchtbaren Schaden genommen, und man musste sie notgedrungen zu anderen Körpern verpflanzen. (S. 139)

Da Akimud zu ziemlich allem fähig ist und mit dem Schreiberling als Teil der Intelligenzija ein freundschaftliches Verhältnis führt, erfüllt er ihm ab und an einige Wünsche. So darf dieser an einem abendlichen Teetrinken mit u.a. Michail Bulgakow, Boris Pasternak, Anna Achmatowa, Nikolai Gogol, Franz Kafka und Vladimir Nabokov beiwohnen. Streit keimt beim geistigen Kräftemessen auf, wessen Fähigkeiten überragen. Auch darf der Freund Akimuds mit Kleopatra in die Kiste steigen, die ihm wie eine Hure vorkommt: »Im Bett ist jede Moskauer Nutte besser als Kleopatra.«

Derweil versucht Akimud, Bedingungen zu finden, damit das menschliche Leben fortgeführt werden kann: »Man muss dem Menschen Leidenschaftlichkeit einflößen. Sonst wird die Welt schlaff wie die Prostata eines alten Mannes, dem eine rabiate Urologin mit Dragonergesicht ihren mit Vaseline eingeschmierten Finger in den Anus steckt, mitleidig und angewidert zugleich.«

Doch den Russen macht es sauer. Sauer, dass der Feind imaginär ist. Sie rufen einen Krieg aus, bombardieren ihr Sotschi und Meere, um Effekthascherei zu betreiben. Der Angriff, den sie verdeckt auf eigenem Territorium durchführen, soll das Böse der Akimuder verdeutlichen, da er ihnen in die Schuhe geschoben wird – womit wir wieder am Anfang und beim Akimuder Gegenschlag wären. Irgendwann wird Akimud auf dem Roten Platz gekreuzigt, kann aber dank seiner gottähnlichen Gestalt, die zudem befähigt ist, Tote auferstehen zu lassen, in seiner Art und Weise weiterleben. Ein neuer Tyrann – der ›Chef‹ hat mittlerweile Suizid begannen und ist als Zombie unterwegs – sorgt für eine erneute starke Staatsmacht, lässt Schwule, Luden, Lustmolche und Prostituierte umlegen.

Akimud bietet dem Autor Reisen in seine Heimat, die Akimuden, gleichzusetzen mit einem Paradies, in dem Geld, Drogen und Sex trotzallem vorhanden sind, an. Er reist daraufhin in die Nord- und Süd-Akimuden. Berichtet davon und trifft sogar Josef Stalin, der behauptet: »Der Mensch hat sich mit Schmutz umgeben. Man muss ihn reinigen.«

Es kommt, wie es kommen muss. Akimud verzieht sich mit seinen Gehilfen. Die Toten kehren in ihre Gräber zurück – außer der ›Chef‹. Er darf die dritte Hochzeit mit seinem Land eingehen.

Zweifelsohne meine Inhaltsangabe hätte größere Maße annehmen können, denn ich habe längst nicht alles wiedergegeben. Soll zeigen: Dieses Buch ist aus vielem Verschiedenem zusammengesetzt und extrem heterogen. Alles in allem erschafft Viktor Jerofejew nicht nur höhere Kreaturen, sondern auch Science-Fiction, die überwiegend satirische Elemente enthält. Hört sich etwas nach einem Billigstreifen an (Zombies, Erlöser, Unsterblichkeit) – was es allerdings nur vermuten lässt.

Manchmal verliert sich Jerofejew auch in essayistischen Abschnitten, die nicht wesentlich zum eigentlichen Plot beitragen, der unabhängig davon sowieso keineswegs als linear betrachtet werden kann. Deswegen geht manchmal auch die eigentliche Nachricht unter, weswegen die Akimuden aufgetaucht sind und warum Tote zwischenzeitlich an die Spitze gelangen.

Ansonsten ist die Figur des Schriftstellers mit Jerofejew selbst zu vergleichen: In Abschnitten, in denen er seinen Vater erwähnt, der sich mit Stalin verstand und ein Botschafter in Paris war oder in denen er auf seine aktuelle Beziehung zum Frischfleisch verweist: Jerofejew ist 66 Jahre, seine vierte Ehefrau knapp 40 Jahre jünger. Auch ein Vergleich mit Vladimir Sorokin, der ähnliche fantastische Szenarien wie Jerofejew entwirft und mich etwas an Jerofejew erinnerte, wird gezogen: »Aber als Schriftsteller mag ich Sie nicht. Weder Sie noch Sorokin. Alles nur aufs Verkaufen aus. Sie haben zu viele westliche Literatur gelesen und wollen sie bei uns in Ihrer eigenen Interpretationen aufdrücken.«

Natürlich thematisiert Jerofejew nicht von ungefähr in seinem entwickelten, manchmal urkomischen Absurdistan Russland. Der ›Chef‹ kann niemand anderes sein als Vladimir Putin und da die Lage sowieso prekär erscheint, versucht er eine Formel zu entwickeln, die der großen Macht dabei helfen soll, vorwärts zu kommen. Er verweist auf das Innenleben Russlands, verdeutlich es und schreibt infolgedessen ein Gutachten der etwas anderen Art: Mögen die Götter mit uns sein.

»Die Akimuden« ist ein wirres, verdrehtes Buch, das ein grundsätzliches Interesse an Russland samt der Kultur, Historie und Politik erfordert, um es zu durchblicken. Wenn das gegeben ist, steigt der Lesespaß ins Unermessliche. Viktor Jerofejew pointiert, akzentuiert und nimmt kein Blatt vor den Mund. Dabei richtet er sein Fernglas auf die Zukunft – auf die Zukunft Russlands, des wahrscheinlich am schwierigsten zu regierenden Landes dieses Planeten.

[Buchinformationen: Jerofejew, Viktor (August 2013): Die Akimuden. Hanser Berlin. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Titel der Originalausgabe: Акимуды (2012). 464 Seiten. ISBN: 978-3-446-24370-5]

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