Jack London – König Alkohol

Jack London – König AlkoholTrinken, um zu vergessen. Trinken, um zu vergessen, dass man trinkt. Trinken aus Frustration. Trinken aus Langeweile, dem Alltag zu entfliehen. Trinken, um aus sich herauszukommen. Trinken, um zu feiern. Trinken, um sich zu belohnen. Trinken, um des Geschmacks willen. Trinken, um die Sucht zu füttern – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, kann klein sein.

Dass große Literaten wie Edgar Allan Poe, Hans Fallada, Klaus Mann, Georg Trakl – und, und, und – der Sucht verfallen waren, scheint nichts Neues. Viele hochgeschätzte Künstler experimentierten mit Drogen. Wurden von diesen schließlich gar abhängig. Auch Jack London, Verfasser von Abenteuerromanen wie »Wolfsblut« oder »Seewolf« (sicherlich der eine oder andere in der Jugend konsumiert) war süchtig. Zwar kein Säufer, wie er es definiert, allerdings ein Gewohnheitstrinker, dessen Mengen an Hochprozentigem stets größer wurden und er sich zum Schutz für die Gesellschaft für die Prohibition einsetzte. Der Roman »König Alkohol« schildert, wie und aus welchem Grunde London dem Alkohol begegnete, welche Entwicklung dieses Verhältnis einnahm und warum er denn doch dieses Mittelchen ablehnte (»Er ist der Feind des Lebens und der Lehrer der Weisheit jenseits der Weisheit des Lebens. Er ist ein blutiger Mörder und er tötet die Jugend.«) – stark autobiografisch gefärbt, versteht sich.

Denn so weiß König Alkohol zu verführen und auch zu schmeicheln, indem er die Würmer des Verstandes wühlen lässt, verhängnisvolle Wahrheitsoffenbarungen einflüstert und Purpur über die Monotonie des Alltags wirft. (S. 6)

Krug Bier mit fünf Jahren – London muss diesen seinem ackernden Vater bringen, bemerkt allerdings, dass er es verschüttet und nimmt ein paar Züge, ums nicht zu vergeuden. Mehrere Gläser Wein mit sieben Jahren. Seine Mutter erklärt ihm, dass südländische Menschen »einen hinterrücks erdolchen würden«, sobald man sie erzürne. Von einem Italiener bekommt er mehrmals einen prozentigen Traubensaft eingeschüttet und hat Angst, dass dieser ihn bei Ablehnung töte. Folgen: Delirium und tatsächlicher Kampf mit dem Leben. Die Entdeckung von geheimnisvollen Kneipen mit zehn Jahren. Doch London lehnt den Geschmack ab, liebt mehr die Bonbons, die es in den Ausschänken gibt, bis der Drang nach Abenteuern und Romantik sich ausweitet, die verschmolzen mit dem Alkohol sind.

Wir waren keine gewöhnlichen Sterblichen. Wir waren drei berauschte junge Götter, unglaublich weise, herrlich, genial, und unsere Macht hatte keine Grenzen. Ach – ich sage es jetzt nach Jahren –, könnte König Alkohol einen immer auf dieser Höhe halten, dann würde ich nie mehr einen schüchternen Atemzug tun. Aber diese Welt verschenkt nichts. Man bezahlt nach eisernen Regeln – für jede Stärke, die man gewinnt, die entsprechende Schwäche; für jede Höhe eine angemessene Tiefe; für jeden Augenblick eingebildeter Gottähnlichkeit eine entsprechende Stunde im Schleim der Kriechtiere. Jede Heldentat der langen Reihe von Tagen und Wochen, in strahlend tollen Augenblicken verlebt, muss man mit einer Verkürzung des Lebens bezahlen, und oft dazu noch mit blutigen Wucherzinsen. Intensität und Dauer sind ebenso alte Feinde wie Feuer und Wasser. Sie vernichten sich gegenseitig. Sie können nicht zusammen bestehen. Und ein wie großer Zauberer König Alkohol auch ist, so ist er doch ebenso gut ein Sklave des Organismus wie wir Sterblichen selber. Wir bezahlen für jeden Marathonlauf, und auch König Alkohol kann nicht dazwischentreten und uns von der Steuer befreien. Es kann uns auf die Höhe führen, aber er kann uns nicht oben halten, sonst würden wir alle seine Untertanen sein. Und es gibt keinen Untertan König Alkohols, der nicht bezahlen muss für den wahnsinnigen Tanz, den er nach der Pfeife seines Herrschers tanzt. (S. 29/30)

London kauft sich mit 15 eine Schaluppe, sticht in See, wird zu einem Austernräuber, einer Ausübung, die mit Romantik verbunden ist, lernt die Szene, die Regeln der Bars und Whiskey kennen. Der Autor wird vom Jungen zum akzeptierten Mann unter den Freibeutern, betont aber stets, dass er weiterhin den Alkoholgeschmack nicht ausstehen kann, dafür die Wirkung der auslösenden Geselligkeit und Kameradschaft schätzt.

Alles nimmt ein vorzeitiges Ende, als das lyrische Ich eines Tages zugesoffen ins Wasser fällt. Der Rausch flüstert ihm zu, den Heldentod gewähren zu lassen. Doch der Erzähler befreit sich aus der prekären Lage, entscheidet danach, nicht enden zu wollen wie ein melancholischer Trunkenbold und heuert bei einem Schoner an, der nach Japan fährt. Aber auch dort begegnet er wieder seinem Freund und Feind, freut sich, wenn »die Würmer durch sein Gehirn kriechen«, spielt mit dem Feuer und schwört ihm dennoch ab.

Ich war wie ein Kind, das am offenen Brunnen spielt. Es hat wenig Zweck, dem braven, kleinen Jungen zu sagen, dass er nicht in der Nähe des offenen Brunnens spielen dürfe. Er tut es doch. Und alle tun es. Und so fallen viele in den Brunnen, die Kühnsten und Besten. Aber was soll man tun? Nun, wir wissen es schon – man soll den Brunnen zudecken! Das ist die einzige Maßregel, die die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts ergreifen können, um eben dies zwanzigste Jahrhundert wirklich zu heller Gegenwart zu machen und alle Barbarei in das verdiente Dunkel der Vergangenheit zu verweisen, nicht nur die Hexenverbrennungen, die Intoleranz und den Fetischismus, sondern auch den Herrn der Hölle: König Alkohol! (S. 78)

Nach dieser Reise versucht London trockener zu werden, wird es dank der Geldknappheit auch. Er setzt die einstige stupide handwerkliche Schinderei fort, schreibt sich kurz an einer Universität ein – doch König Alkohol kommt auf Umwegen immer wieder wie ein Bumerang zu ihm zurück. Sei es bei geistiger Überreizung, um mal die Festplatte gehörig zu formatieren, oder aufgrund der »dumpfen Gefühlslosigkeit eines arbeitslosen Hirns«: »Das Verlangen nach Alkohol hatte in meiner Seele Wurzeln gefasst.«

Dann widmet sich London dem Schreiben und verfällt irgendwann in einen nicht intensiv beschriebenen Weltschmerz, eine Krankheit, die er nicht durch den König überwindet, danach allerdings vielem Alltäglichen mit Abscheu begegnet. Unterhaltungen rufen Desinteresse hervor, Cocktails helfen dabei, über »die Dinge zu lachen, die aufgehört hatten, lachenswert zu sein.« Gründe für einen Verzicht? Keine! Stattdessen regelmäßige Cocktails. Gerne mal alleine. Immer mehr. Mal früher und eher. Doch hat London stets eine interne Regelung mit sich beschlossen: nie zu trinken bevor hundert geschriebene Zeilen auf dem Papier sind. Erst dann die Belohnung, die seinen Kopf immer weiter abstumpfen lässt, der ohne Zusätze gar nicht mehr richtig funktionieren möchte.

Und dennoch ist die Frage noch ungelöst, die ich mir tausendmal stellte: Warum trank ich eigentlich? Was zwang mich dazu? Ich war glücklich. War ich denn zu glücklich? Ich war stark. War ich zu stark? Besaß ich zu viel Lebenskraft? Ich weiß nicht, warum ich trank. Ich kann nicht antworten, wenn ich auch einen Verdacht aussprechen kann, der immer stärker in mir wurde: Ich hatte jahrelang in zu enger Verbindung mit König Alkohol gestanden. Ein Linkshänder kann durch lange Gewohnheit zum Rechtshänder werden. War ich der, Antialkoholiker, durch lange Gewohnheit zum Alkoholiker geworden? Ich war so glücklich. (S. 128)

Mehr, mehr, mehr… Londons Begierde nimmt zu. Schon morgens kommt der Zwang hoch. Nervenstärke. »Schlangengift gegen den Schlangenbiss«. Selbst die angepeilten hundert Zeilen, selbst zu denen ist er nicht mehr fähig ohne einen Schluck. Im Bewusstsein redet ihm die »weiße Logik« zu, stachelt seine Gier an. Lobpreist den Weingeist. »Das Verlangen nach Alkohol ist einzig und allein geistigen Ursprungs«, meint London und schließt sein Werk mit einem eindeutigen Plädoyer ab:

Ich wünschte, meine Vorfahren hätten König Alkohol lange vor meiner Zeit in Bann getan. Ich bedaure es, dass er in der Gemeinschaft blüht und gedeiht, in der ich geboren bin, so dass ich seine Bekanntschaft machen musste und lange innig mit ihm verkehrt habe. (S. 157)

»König Alkohol« ein Tatsachenbericht?

Alex Kershaw - Jack London - A LifeWie viel Wahrheit steckt tatsächlich in »König Alkohol«? War Jack London tatsächlich so ein starker Trinker und vom Alk befallen? Warum rankt der Zusatz »Roman« auf dem Cover? Man muss sich auf seine Fußspuren bewegen. Alex Kershaw („Jack London. A Life“. HarperCollins Publishers. London: 1997) verfasste eine Biografie über London. Tatsächlich predigte ihm seine Mutter ein: »dark-skinned races are not to be trusted«. Tatsächlich war London von der schwarzen Amme Mammie Jennie mit aufgezogen, von der er sich im Roman das Geld für sein erstes Schiff lieh. Kershaw schreibt, dass behauptet wurde, dass die Alkoholbeichten doch aufgebauscht seien. In Wahrheit sollen die Orgien indes deutlich abgeschwächt verfasst worden sein, aus Angst vor der Zurückweisung der Verleger und Leser.

Ungeachtet dessen, ob Kershaw nun »John Barleycorn«, so der Originaltitel von »König Alkohol«, uneingeschränkt als autobiografisch ansieht, finden sich etwaige Situationen, die parallel zu einander stehen. Wäre da zum Beispiel die Beschreibung des Bootskaufs der  »Razzle Dazzle«, der erwähnten Schaluppe – als man sich nach dem Deal ordentlich betrank. Dass London Austernräuber gewesen sein soll, stimmt ebenfalls überein, was übrigens eine höchstgefährliche, kriminelle Tätigkeit in einem gewaltbereiten Umfeld war. Auch von den japanischen Bonininseln erzählt Kershaw und den dortigen Exzessen. Charmian, Jacks Ehefrau, die während einer Reise, Tagebuch hielt, verfasste zu »John Barleycorn« folgendes:

The object of his book, more or less autobiographical (with the artist touch of exaggeration of his own case in order to point his moral) is to make the world a better place for YOUTH. (S. 241)

Ob »König Alkohol« fiktiver Natur sei, das beantwortete London schließlich selbst und lies jegliche Diskussionen im Keim ersticken:

John Barleycorn is frankly and truthfully autobiographical. There is no poetic license in it. It is straight, true narrative of my personal experiences, and is toned won, not up. (S. 254)

Professor John Sutherland nannte Londons Werk einen Klassiker der amerikanischen autobiografischen Literatur. Vertrat die Position, dass es gar die gedankenvollsten Schriften Londons sein würden. »John Barleycorn« war 1913 das meistdiskutierteste Buch, soll die Prohibition gar voran gebracht haben. Die New York Times bezeichnete es als die impulsivste und überwältigste Narration, die er schrieb.

Gegenwartsbezogenheit

Genau 100 Jahre sind nun vergangen, seit »John Barleycorn« veröffentlicht wurde – »König Alkohol« ist erhalten geblieben. Für immer bleiben, wird auch Jack Londons Abrechnung mit dem falschen, unterschätzten, inbrünstigen Freund. Sie zeigt, wie klein der Schritt in den Abgrund ist. Zu welchen Konsequenzen das »zu tief ins Glas schauen« führen kann. Unter keinen Umständen hat es den Aktualitätsbezug verloren.

»König Alkohol« hat nicht nur mit dem Erheben des Zeigefingers zu tun, sondern beschreibt eben auch ausdrücklich, inwiefern Alkohol doch einen Lockruf hinausschreien kann und welche »positiven« Seiten es (anfangs) mit sich bringt. Letztendlich, was passiert, sobald sich das Blatt wendet. Darüber hinaus kann es ebenso vereinzelt als Abenteuerroman gelesen werden,  diese Gattung macht im Wesentlichen Jack Londons Popularität aus.

Noch nie nahm ich ein solches Exemplar der Suchtliteratur in die Hand. Von J. R. Moehringers »Tender Bar« und seinen saufenden Figuren war ich schwer enttäuscht damals, der im Prinzip etwas ähnliches wie London aufgreift – vielleicht, weil ich mit Kneipenkultur weniger anfangen kann als mit Abenteuern im Exotischen.

Alles umfassend betreibt Jack London Seelenstriptease auf höchstem Niveau und schwört infolgedessen vom flüssigen Teufel ab. »König Alkohol« kann insofern möglicherweise als Ratgeber fungieren, zumindest das eigene Trinkverhalten zu untersuchen. Seine Mustergültigkeit mit der London diesem schweren Gegenstand begegnet, bessere Umsetzungen sucht man vergebens – ein apartes Stück Weltliteratur!

5 thoughts on “Jack London – König Alkohol

  1. Guten Morgen Muromez! Ein sehr interessanter Titel, ich hatte bisher noch nicht die Ehre mit Jack London. Letztes Jahr las ich „Der Trinker“ von Fallada und ließ mich von ihm in die Abgründe des Alkohols ziehen, die bei Fallada die „Königin Alkohol“ genannt wird. Hier ist Alkohol der Anker in der Lebenskrise … Ich finde es sehr interessant, wie Fallada, der selbst die Verlockung der Sucht kennt, diese Verführung des Alkohols beschreibt.
    Wer nur einmal einen richtigen Kater hatte von einer durchzechten Nacht, kann dies nachvollziehen … Alkohol ist wirklich gefährlich und vor allem dann, wenn man aus bestimmten Gründen trinkt, labil ist und anfängt, allein zu trinken. Während des Studiums, das noch gar nicht lange her ist, gehörte bei uns die flasche Rotwein und der Martini einfach dazu, aber das Gefühl am nächsten Morgen, ja, darauf kann ich verzichten … Die durchtanzten und durchdiskutierten Nächte hatten etwas für sich, wenn es auch böse Grenzüberschreitungen gab. Solange man irgendwann merkt, dass dauerhafter und übermäßiger Alkoholgenuß nicht zuträglich ist… Nicht umsonst waren die größten Künstler der Sucht zugeneigt, es ist verlockend, zu trinken um dem grauen Alltag zu entfliehen, vor allem wenn die Zeiten grau, rauh und hart sind …
    Mir fällt auf, dass du mehrere Titel rezensiert hast, die sich mit Suchtverhalten beschäftigen – gehst du dieser Thematik gerade nach? Sehr spannend.

    • Interessanter Tipp mit Fallada – danke! Zwar schon von gehört, aber jedoch noch nicht mit auseinandergesetzt…

      Alkohol wird mittlerweile in unserer Leistungsgesellschaft zwar verpönt, genießt jedoch trotzallem Akzeptanz! Ich denke da an Karneval, Schützenfeste, Studentenpartys, Fußball etc. Sicherlich herrscht eine große Industrie wie mit beim Tabak, vergessen wird allerdings oft, dass es trotzallem Drogen sind. Wie ich finde, schaut man hierzulande gerne immer z.B. auf England oder Russland – diese, überspitzt gesagt, Säuferstaaten, und nicht auf sich selbst. Irgendwelche Eckkneipen sind in einzelnen Regionen schon zu Mittagszeiten voll, Treffpunkte für Abhängige finden sich in jeder größeren Stadt.

      Da ich selbst kein Kind von Traurigkeit bin und aus einem kulturellen Umkreis komme, wo Alkohol seine Berechtigung hat und als Kulturgut wahrgenommen wird, möchte ich ihm auch nicht abschwören. Solange alles im Rahmen bleibt, okay…

      Ob ich der Thematik gerade intensiver nachgehe? Glaube eher nicht. Dachte mir nur, dass ich nach „Roman mit Kokain“ endlich mal Londons Suchtliteratur lesen sollte, die schon länger im Schrank wartete… Insofern Zufall. Aber es ist wirklich interessant dieser Gegenstand! 🙂

  2. Pingback: Tomasz Różycki – Bestiarium | Muromez

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