Ruhe vor dem Sturm

Ruhe vor dem SturmOhren. Sie sind unterschätzt. Dabei verantwortlich für das wohl geschulteste Sinnesorgan, das wir besitzen, für die auditive Wahrnehmung. Durch sie können wir durch Wände hören, Geräusche, die manchmal kilometerweit passieren, bemerken. Sehen, riechen, schmecken, ertasten dagegen nicht. Es ist etwas, was mich schon länger tangiert… Nachts, suche ich manchmal den Kurs nach draußen. Schließe meine Augen. Versuche die anderen vier Sinne auszublenden – insbesondere nach warmen Sonnentagen – und lausche einfach. Selbst zu den »unmenschlichsten« Zeiten – es erklingen Laute. Flugzeuge, Gütertransporte, Autobahnen, Kanalisation. Hier und da das Geräusch der Natur. »Je früher du aufstehst, desto mehr siehst du, je später du zu Bett gehst, desto mehr hörst du«, heißt ein mongolisches Stichwort. Komplette Stille zu erzwingen? Nicht machbar. Bei Tagesanbruch sich dieser Herausforderung zu stellen – einfach mal nichts zu horchen –, (bei der Informationsflut) sowieso ausgeschlossen. Zeichen der Dynamik unserer Welt.

Früher diskutierte ich gerne mal frei heraus, was denn nun schlimmer sei: Blindheit oder Gehörlosigkeit. Das Wunderbare auf diesem Planeten nie gesehen zu haben. Nur ertasten zu können, zu welchen Zügen das eigene Angesicht denn fähig ist. Nicht auszudenken! Neulich in der Bahn bekam ich Gesprächsfetzen zweier jungen Männern ohne Sehvermögen mit. »Ich bin daran gewöhnt und kenne es nicht anders. Alles, was ich mir wünsche wäre ein Auto steuern zu dürfen, alternativ ein Motorrad«, sagte einer. Flexibilitätshalber, der Rest sei piepegal, Gewohnheitssache. Beindruckend!

Ein wichtiger Aspekt, der sich bemerkbar machte – die Kommunikation. Die nicht nur fähig ist, mit Menschen gleicher Missbildung oder Krankheit sondern mit jedermann. Anders als bei den Tauben (respektive Stummen), die ohne ihre Gebärdensprache dazu nicht in der Lage waren. Mittlerweile, es dank der Technik aber vielleicht sind. Ein Leben ohne Kommunikation, für mich ein Akt des Bodenlosen.

Worauf ich hinaus will… Ich, bei dem, soweit ich weiß, alle Sinne einwandfrei funktionieren, möchte das Geschehen um mich herum auf lautlos stellen. Keineswegs für immer, nur in kurzen Momenten. Einfach taub sein, um dann die Lautstärke zwischenzeitlich wieder gewähren lassen. Meditation? Dafür ein zu großer Unruheherd. Hummeln im Hintern. Schlafen? Da ist ja sowieso alles auf off. Gilt nicht. Fakt ist, dass wir die stimulierten Schwingungen eigentlich nur in unseren vier Wänden ausblenden können. Wenn niemand um dich herum ist. Ab und zu. Einsamkeit. Bunkermäßig. Ablenkung! Gutes Stichwort. Sich so den Kopf über irgendetwas zu zerbrechen, dass man akustisch nichts mehr wahrnimmt. Schon gehabt.

Bisweilen gelingt es. Ob im sternklaren Draußen oder drinnen. Schlage den Deckel auf. Blende alles aus. Wende sie in einer Regelmäßigkeit um. Fast mechanisch. Alles schläft. Mein Gehör auch. Falle in sie. In das Szenario. Den Buchstabensalat. Reise in fremde Länder. Erkunde Gegenden, in die ich sonst nie gelangen würde. Sie schaffen Atmosphären. In meinem Bewusstsein finden Unterhaltungen statt. Gespräche. Nur dort. Kein Drang ins Ohr. Ich entwische. Entwische vor dem Eindringen. Dem bald auftauchenden akustischen Sturm.

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