Kürze und Würze #6

Wer die Romane von Tolstoi schätzt, wird auch mit diesem italienischen Klassiker viel anfangen können. Luigi Capuana (*1839 – †1915) entwirft eine Geschichte voller feiner Damen und Herren und Intrigen in der Provinz Italiens. Giacinta ist die zentrale Figur, die als Kind missbraucht wird und die sich als erwachsene, bildhübsche Frau anschließend rächen will. Sie bricht mit den Konventionen, beginnt moralische Schlachten und wischt der Gesellschaft eins aus. Ob die gebrandmarkte Giacinta diesen Kampf gewinnen kann? Ein kritischer und kluger Entwicklungsroman, der die Emanzipation aufgreift und niemals altbacken wirkt.

[Buchinformationen: Capuana, Luigi (März 2017): Giacinta. Manesse Verlag. Aus dem Italienischen von Stefanie Römer. 336 Seiten. ISBN: 978-3-7175-2434-2]

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Der Erstling der niederländischen Schriftstellerin Connie Palmen ist eigentlich ein Notnagel gewesen. »Falls du tatsächlich alle Bücher schaffst, die du für diese Reise vorgenommen hast, kannst du das ebenso noch fix lesen«, dachte ich mir. Ihr kennt es vielleicht: Besser mehr Bücher mitnehmen als zu wenig. Und Palmen hat mich überrascht, auch weil ich eher »Frauenliteratur« vermutet habe. Sie schildert, wie eine Studentin sieben komplett verschiedene Männer trifft und vor allem wie sie zur Autorin reift: »Und ich möchte auch gern Worte aufsteigen hören, meine ureigenen Worte.« Mein erstes Buch von Palmen und sicher nicht das letzte.

[Buchinformationen: Palmen, Connie (1993): Die Gesetze. Diogenes Verlag. Aus dem Niederländischen von Barbara Heller. 247 Seiten. ISBN: 978-3-257-22786-4]

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An diesem Debüt (Shortlist Deutscher Buchpreis 2017) scheiden sich die Geister. Die einen finden, dass Salzmann zu viel wollte, zu komplex und nie linear erzählt. Die anderen loben die Sprache und die Originalität. Ich bin auf der Seite derjenigen, die dieses Buch feiern. Zum einen, weil ich mich häufig wiedergefunden habe, als Salzmann die Migration einer Familie aus Russland beschreibt, die in einem Heim Angst vor einem Stück Camembert hat. Zum anderen, weil die Figuren ausbrechen – und Salzmann frech erzählt. Ich kann nicht immer deuten, was die Autorin sagen will, wenn sie die Flucht zweier Geschwister von Deutschland nach Istanbul und ihrer Sozialisation beschreibt. Zwischenzeitlich wird auch mir das Verhalten der Zwillinge Alissa und Anton zu bunt. Aber Salzmann demonstriert, wie sich Individuen aus Korsetts befreien. Ein verdammt starkes und mutiges Debüt – unbedingt lesen!

[Buchinformationen: Salzmann, Sasha Marianna (September 2017): Außer sich. Suhrkamp Verlag. 366 Seiten. ISBN: 978-3-518-42762-0]

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Torsten Seifert ist der Gewinner von Blogbuster, dem erstmals verliehenen Preis der Literaturblogger. Auch ich war einer von 16 Bloggern, die mitgemacht haben, für meine Autorin reichte es jedoch nicht ganz. In seinem Roman widmet sich Seifert dem Schriftsteller B. Traven: Ein Reporter soll in Mexiko herausfinden, wer sich hinter dem Pseudonym und dem »Tutanchamun der Literatur« verbirgt. Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie mit B. Traven (*1882 – †1969) auseinandergesetzt, ihn gab es nämlich wirklich. Insofern ist es bereichernd, mehr über die Biografie zu erfahren. Ansonsten handelt es sich bei »Wer ist B. Traven?« unterm Strich um Durchschnitt. Mir hat der Autor zu viele überflüssige Szenen erschaffen, die mehr von Mexikos Kultur zeigen, als dass sie zum eigentlichen Plot beitragen. Auch das Finale scheint mir im Rückblick zu konstruiert.

[Buchinformationen: Seifert, Torsten (Oktober 2017): Wer ist B. Traven?. Tropen-Verlag. 269 Seiten. ISBN: 978-3-608-50347-0]

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2017 habe ich viele durchschnittliche Bücher gelesen, dieses hier ist eine Wucht. Der vielgelobte Franzose Carrère schreibt in diesem Werk über das, was ihm laut eigener Aussage am meisten Angst macht: der Tod eines Kindes für seine Eltern und der Tod einer jungen Frau für ihre Kinder und ihren Mann. Mit seiner Familie überlebt er 2004 den Tsunami in Sri Lanka, sieht aber wie die Katastrophe binnen eines Tages alles verändert und einem Paar die kleine Tochter entreißt. Im zweiten Teil beschreibt Carrère den Kampf einer jungen Mutter mit dem Krebs, den sie verlieren wird. »Das Leben hat mich Schlag auf Schlag zum Zeugen dieser beider Unglücken gemacht und mich beauftragt zumindest habe ich es so verstanden, davon zu erzählen«, hält er fest. Und Carrère erzählt voller Empathie, so dass es schmerzt. Er zeigt, wie Eltern plötzlich vom Kind in der Vergangenheitsform reden: »Das Präteritum beginnt, ihre Sätze anzunagen.« Er zeigt, wie ein Mensch sich vergebens wehrt: »Die Panik des Körpers, der sich aufbäumt, weil er spürt, dass er vernichtet wird.« Dieser Tatsachenroman über den Verlust ist kein leichter Stoff, schwer verdaulich – aber brillant verfasst.

[Buchinformationen: Carrère, Emmanuel (2014): Alles ist wahr. Matthes & Seitz Berlin. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Titel der Originalausgabe: D’autres vies que la mienne (2009). 248 Seiten. ISBN: 978-3-88221-951-7]

One thought on “Kürze und Würze #6

  1. Lieber Ilja,
    voller Freude habe ich in deiner „Kürze-und-Würze“-Zusammenstellung Connie Palmen entdeckt. Deren Roman „I.M“ hat mich vor Jahren total fasziniert, ich habe mit geliebt und mit getrauert und kann mich noch äußerst gut erinnern an die Sommerreisen der Erzählerin und Ischa Meijers durch die USA und durch Frankreich, an ihre Gespräche, die Musik, die sie hören, die Bücher, die sie lesen, die Kolumnen, die Ischa schreibt und über die sie auch immer mal wieder heftig streiten – und die Suppe, die zu Hause bei Ischa Meijer immer auf dem Herd steht. Und kann mich heute – so viele Jahre später – noch an so viele Details erinnern. Nicht alle, aber die meisten Romane Connie Palmens sind so wuchtig, „I.M.“ eben und auch „Ganz der Ihre“ und „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“. Und allemal besser noch als „Die Gesetze“. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Romane auch Männer begeistern ;).
    Viele Grüße, Claudia

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