Ljudmila Ulitzkaja – Jakobsleiter

Amazon ist ein Teufel – ja. Für mich aber auch ein Indikator, der mir sagt, ob ein Buch verkauft wird: Je mehr Kundenbewertungen, desto erfolgreicher ein Buch. Ulitzkajas Roman, schon ein paar Monate draußen, hat das Format zum Bestseller und auf Amazon genau null Bewertungen. Woran liegt das? Vielleicht weil Ljudmila Ulitzkaja nicht Jonathan Franzen oder Paul Auster heißt. Vielleicht, weil sie keinen großen amerikanischen Roman geschrieben hat. Vielleicht, weil sie stattdessen einen großen RUSSISCHEN Roman geschrieben hat.

Die Russinnen und Russen haben es schwer in Deutschland, wo lieber auf die Neuerscheinungen aus den USA oder Britannien geschaut wird. In diesen Büchern sind die literarischen Welten und Kulturen viel vertrauter. Dabei hat doch eigentlich Nino Haratischwili mit »Das achte Leben« (2014) gezeigt, dass auch Werke, die in Osteuropa spielen, riesige Erfolge haben können. Ulitzkaja braucht diesen Erfolg sicher nicht mehr, in Russland gehört sie zu den bekanntesten Autorinnen und hat ausgesorgt. Ihr Buch ähnelt aber durchaus dem von Haratischwili.

»Jakobsleiter« ist ebenfalls ein Generationenroman, in dem die dunklen Kapitel des 20. Jahrhunderts und der Sowjetunion rekapituliert werden. Angefangen bei der Russischen Revolution, zwischendurch Stalin, Repression, Tauwetter-Periode, Perestroika, Zerfall der Sowjetunion, endet die Geschichte im Jahr 2010. Ulitzkaja schreibt über die Emanzipation, Tragik, Kunst, Intelligenzija, Liebe, das Unrecht, Theater und jüdisches Leben. Und sie verwendet Original-Briefe ihrer Großeltern, was einen zusätzlichen dokumentarischen Wert hat.

Die Sprache in der Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt ist glatt, flüssig, ohne irgendwelche Schnörkel – nicht unbedingt gewaltig. Normalerweise streiche ich in derartigen Büchern viele Passagen an, die mich sprachlich entzücken. Hier war das bis auf einige Ausnahmen nicht der Fall: Wow-Passagen blieben aus. Bei Ulitzkajas Roman »Das grüne Zelt« erging es mir ähnlich, aber auch dieser war stark.

Was macht diesen Roman besonders, wenn es nicht die Sprache ist? Es ist die Geschichte an sich, die Verpflanzungen und Gemeinsamkeiten innerhalb der Familien zeigt. Talente werden übernommen, mit dem Unterschied, dass die Begabungen in politisch ruhigen Zeiten benutzt werden dürfen, während andere Personen gewisse Fähigkeiten (fast) umsonst besitzen. Diese nur im stillen Kämmerlein anwenden. Und dann bietet Ulitzkajas Buch einen historischen Rückblick, der zudem in eine unterhaltsame Story verpackt wurde.

Liebe Leute, obwohl die Amazon-Rezensenten und (auch) das Feuilleton die Füße still halten; »Jakobsleiter« kann verdammt viel und gehört zu den Höhepunkten im Herbst 2017. Ihr müsst nicht immer in Richtung Amiland gucken, ihr könnt solchen Werken aus dem kalten Osten ruhig eine Chance geben. Denn Ulitzkaja gehört zum Besten, was die russische Gegenwartsliteratur zu bieten hat. Das bestätigt sie mit diesem Buch erneut.

[Buchinformationen: Ulitzkaja, Ljudmila (August 2017): Jakobsleiter. Hanser Verlag. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Titel der Originalausgabe: Лестница Якова (2015). 608 Seiten. ISBN 978-3-446-25653-8]

5 thoughts on “Ljudmila Ulitzkaja – Jakobsleiter

  1. Pingback: Ist wieder soweit – Herbstvorschau 2017 | Muromez

  2. Dass du sie mit Auster oder Franzen vergleichst ist mehr als passend, denn diese große Tragweite hat der Roman finde ich auch. Die Geschichte wächst aus den Personen heraus und ist an jedem Punkt nachvollziehbar. Und wie sie die Zeitebenen verbindet, ist auch sehr gekonnt. Zuerst dachte ich, die Briefe sind mir zu ausführlich, bekommen zu viel Raum, aber am Ende habe ich die Personen gerade durch diese Schriftstücke begriffen, oder zumindest Jakob. Hut ab oder besser Schapka ab vor dieser Autorin, die sicher viel von ihrer eigenen Familiengeschichte hier eingewoben hat. Und das muss eine ja auch erstmal verarbeiten, bevor es zu einer Umsetzung kommen kann.

    Weißt du etwas darüber, wie der Roman in Russland aufgenommen wurde?

  3. Will und werde ich auch noch lesen, ich hoffe in Kürze. Weil ich „Das grüne Zelt“ ebenfalls so wunderbar fand. Schön, dass Du es vorstellst. Vielleicht ist es aber auch eine besondere Auszeichnung, eben nicht so viele Bewertungen auf Amazon zu erhalten, weil der Roman eben auch viel abverlangt. Auster und Franzen bekommen viel Aufmerksamkeit, weil die Werbung umfangreich ist. Hier denke ich, ist Hanser recht still geblieben. Aber das Buch wird seine Leser finden. Viele Grüße

    • Wenn dir „Das grüne Zelt“ gefallen hat, wirst du auch mit diesem Roman viel anfangen können. Und mit dem Rest hast du sicher nicht ganz unrecht 🙂 Viele Grüße zurück

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