Kürze und Würze #2

Jona Oberski - KinderjahreDas KZ aus dem Blickwinkel eines Kindes: Der verstorbene Imre Kertész hat dies im »Roman eines Schicksallosen« dargestellt wie kein Zweiter. Wie Kertész wurde auch der Niederländer Jona Oberski (*1938) deportiert, überlebte Bergen-Belsen als Junge und beschreibt in »Kinderjahre« diese Leidenszeit.

Da sah ich die toten Menschen. Es waren Lakenbündel. Aus einigen ragten Gliedmaßen heraus. Auch bloße Menschenleiber lagen da. Manche hatten eine Hose an. Sie lagen unordentlich hingeworfen, kreuz und quer durcheinander. Einer lag rücklings auf dem Stapel mit herunterhängendem Kopf. Ich schaute sein Gesicht an. Große dunkle Augen. Die Arme hingen herunter. Es war sehr mager. Ein anderer lag mit dem Kopf zur Seite auf einem ausgestreckten Arm. Der andere Arm fehlte. Es lagen auch einzelne Arme und Beine herum. (S. 93)

Die Sprache, die Oberski verwendet, ist zuweilen simpel, Komplexität und Verschachtelungen begegnen weniger. Er lässt seine Figur in Bruchstücken – unklar bleibt in welchem genauen Zeitrahmen alles passiert – aus ihrer Perspektive heraus erzählen: die Verhaftung in Amsterdam, der Abtransport, der Verlust der Bezugspersonen und damit der Eltern, das Leben im Lager, das Miteinander, die Befreiung. All diese Umstände sind zu viel für den kleinen Protagonisten, obwohl er seine Situation aufgrund der Reife weder realisieren noch einordnen kann.

Der Diogenes Verlag hat dieses autobiografische Werk ausgegraben und neuaufgelegt: Es mag vielleicht nicht Kertész Meisterleistung übertrumpfen, hievt sich aber deutlich über ähnliche Stücke wie das weniger glaubwürdige »Der Junge im gestreiften Pyjama«. Insbesondere für jüngere Leser eignet sich »Kinderjahre« als Einstieg in das Thema Holocaust. Gut vorzustellen, dass Oberskis Buch durchaus Einsatz im Unterricht findet.

[Buchinformationen: Oberski, Jona (Mai 2016): Kinderjahre. Diogenes Verlag. Aus dem Niederländischen von Maria Csollány. Titel der Originalausgabe: Kinderjaren (1978). 160 Seiten. ISBN: 978-3-257-06962-4]

[Eine ausführlichere Besprechung bei: Zeichen und Zeiten.]

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Andrzej Stasiuk - Der OstenStasiuks Werk hatte ich als Lektüre für einen Polen-Urlaub dabei. Dachte, das könnte passen. Der Autor, selbst Pole, ist bekannt dafür, die Gesellschaft seines Landes unter die Lupe zu nehmen und anschließend zu vergrößern. Etwas Verwirrung stiftete der Zusatz »Roman« auf dem Cover, las sich das Buch doch durchgängig wie eine Aneinanderreihung von Reise-Reportagen, die alle eine gewisse Verbindung zum eigentlichen Thema hatten.

Dem Ich-Erzähler, wie gesagt, ich dachte stets, es sei der Autor selbst, dient ein alter LPG*-Laden als Erinnerung, wie sein Land bei kommunistischer respektive sozialistischer Ausprägung funktionierte. Dann habe das Kollektive das Individuelle geschluckt: »Hatte es aufgefressen und lag jetzt stöhnend in der Finsternis und verdaute.«

Nun war Polen im 20. Jahrhundert ein Tennisball der Großen (Stalin, Hitler), die sich ihn zuspielten, auf ihn droschen oder sich um diesen stritten. Das Objekt selbst wurde entsprechend nicht nach der Meinung gefragt, weil es sich ohnehin nicht wehren konnte. Stasiuk schreibt wie der Erzähler (»ein Kind des Mangels und der Reglementierung, Sohn einer Welt des Antikonsums«) und sein Umfeld wie Mönche lebten, bis der Kapitalismus einschreitet – jeder wolle nun nach dem greifen, was ihm zustehe.

So weit das Gedächtnis reichte – immer war da eine Macht, eine Herrschaft. Die russische, die der Gutsherren, die deutsche, die kommunistische. Die eine verbreitete mehr Hunger und Tod, die andere weniger. Von Freiheit sprach niemand. Alle waren froh, dass die aktuelle Macht nur wenige tötete, außerdem nicht die eigenen Leute, und dass es immer mehr zu essen gab. (S. 280)

Angestachelt durch die Retrospektiven begibt sich die Figur auf Reisen, fährt u.a. nach Russland und China, in abgelegene Gegenden, um den Postkommunismus zu spüren: »Ich wollte immer an die Ränder des Imperiums fahren, wo es schwieriger ist, dem Reisenden etwas vorzumachen.« Wozu?

Weil ich ein Kind des Kommunismus war, weil mein Onkel in der Schublade zwischen Ventilen, Zangen und Korkmaschinen seinen Parteiausweis aufbewahrte. Russland war die Quelle, aber China sollte die Woge werden, die die Welt überschwemmen würde. Deshalb musste ich dorthin fahren, um zu sehen, wie sich jetzt der Kommunismus verwandelte, dessen Kind ich war. Sein Ende in meinem Land erschien mir zu belanglos, zu banal, als dass daraus eine Erzählung hätte entstehen können. Ich musste mich überzeugen, dass meine Geschichte Teil eines größeren Ganzen war. (S. 207)

Stasiuk bezeichnet den Osten als ein Grab, einen unfreiwilligen Friedhof, der schon immer eine »Leichenkippe« gewesen sei. Klar; »Holodomor«, der »Große Terror«, Auschwitz, Kolyma und so weiter. Trotzallem bleibt »Osten« ein Begriff, der sich so in den Alltagsgebrauch gemischt hat und der möglicherweise nicht eindeutig (geopolitisch/kulturell) definiert werden kann. Wo beginnt und endet dieser genau?

All die Eindrücke von außen, die unterwegs begegnen und von Tristesse durchzogen sind, vergleicht er mit den Umwälzungen, die seine Heimat hinnehmen musste und die sich verpflanzt haben. Kräftezehrend und strapaziös waren sie. Was Stasiuk gelingt: diese auf eine etwas andere Art und Weise zu vermitteln, was als eine Leistung gewertet werden kann.

*(LPG = Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, u.a. in der DDR vorhanden gewesen)

[Buchinformationen: Stasiuk, Andrzej (Februar 2016): Der Osten. Suhrkamp Verlag. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Titel der Originalausgabe: Wschód (2015). 297 Seiten. ISBN: 978-3-518-42535-0]

[Eine ausführlichere Besprechung bei: Zeilensprünge.]

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Scholem Alejchem -Tewje, der MilchmannAm 13. Mai 2016  war der hundertste Todestag von Scholem Alejchem (*1859 – †1916), Über 100.000 Menschen wohnten damals seiner Beerdigung in Brooklyn bei. Passend dazu übersetzte Armin Eidherr eines der Hauptwerke, die für die moderne, jiddische Literatur stehen, neu: »Tewje, der Milchmann« gleicht einer Tragikomödie, beschreibt eine Welt, die so nicht mehr existiert – das Ostjudentum.

Getragen wird der Roman vom Erzähler Tewje, der sich immer an den Autor selbst widmet. Dieser hat reichlich Töchter, steht aber ohne Geld da. Im Gegensatz zu den Reichen in Jehupez (Kiew), der Blick auf diese strahlt Neid aus. Zu den Juden passt die Armut, behauptet er, will aber mehr. Er selbst, der in einem Dorf wohnt, bezeichnet sich als Unglücksraben und Pechvogel, bleibt jedoch ein Tölpel, weil er nie mit dem zufrieden ist, was er hat. Selbst dann nicht, wenn es ihm finanziell besser geht.

Wo nur irgendwo ein Malheur, ein Leid, ein Schicksalsschlag ist – ich entwische ihm nicht. Woher das kommt, wisst ihr nicht? Vielleicht daher, dass ich vom Naturell her ein Naivling bin, der jedem aufs Wort glaubt? (S. 99)

Alles bereitet ihm Kummer, das »Kinder-Aufzuchts-Leid« zum Beispiel. Denn die Richtigen für seine Töchter auszusuchen, scheint gar nicht so einfach zu sein. Der Eine zu arm, der Andere ein Nichtjude und der Dritte zu reich. Was denn nun? Trotzallem bleibt Tewje ein kleines Schlitzohr, das stets die Gattin mit seinen Tricks um den Finger wickelt. Der seinen Käse verkauft und immer einen passenden Bibelvers zitiert, um ihn dann noch mal für die Unwissenden zu erklären: »Nun, dem lieben Gott sei Dank, dass man sich wohlauf sieht, denn wie steht dort geschrieben: Ein Berg trifft mit einem Berg nicht zusammen – aber ein Mensch mit einem Menschen.«

Auch die Pogrome (1905 in Kischinew und Kiew) machen keinen Halt vor Tewje, dem eigentlich geschätzten Nachbarn, spielt das Stück doch noch zu Zeiten der beiden letzten Zaren Alexander III. und Nikolaj II., die beide antisemitisch eingestellt waren : »Wir sind, sagt er, zu dir gekommen, Tobias, wir woll’n dich verdresch’n.« Aber selbst diese Angriffe weiß Tewje ins Lächerliche zu ziehen, sein Humor, schwarz wie frisch gekochter Kaffe, macht vor nichts und niemandem halt.

Scholem Alejchem erschafft eine verschrobene Figur, die trotzallem eine ironische Haltung bewahrt, die Sympathie gewinnt, vor allem weil sie nicht mit der Zeit geht und bei den ganzen Entwicklungen nicht mehr hinterherkommt. Darüber hinaus gewährt er Einblicke in die Schtetl und eine ausgerottete Kultur. Ein Werk, über das geschmunzelt werden kann, das aber bei genauerem Hinsehen aufgrund dem Lauf der Geschichte doch nicht so witzig erscheint.

[Buchinformationen: Alejchem, Scholem (März 2016): Tewje, der Milchmann. Manesse Verlag. Aus dem Jiddischen von Armin Eidherr. 288 Seiten. ISBN: 978-3-7175-2410-6]

[Eine ausführlichere Besprechung bei: aus.gelesen.]

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Joseph Roth - HiobDirekt nach Alejchems Klassiker schnappte ích mir den nächsten, der sich thematisch ähnelt und ebenso mit dem Hiob-Vergleich (der Titel spuckt es bereits aus) ausgestattet ist. Soll doch »Tewje, der Milchmann« Joseph Roth (*1894 – †1939) inspiriert haben. Auch in »Hiob«,  1930 erschienen, gibt es Eindrücke in die jiddische Kultur Osteuropas, der Protagonist muss ebenso ähnlich leiden, wird dafür aber letztlich belohnt. Roth fügt dem Roman, neben »Radetzkymarsch« sein wohl bekanntester, zudem eine Sprache hinzu, die Brillanz ausstrahlt. Etliche Formulierungen bohren sich ein.

Im Mittelpunkt steht der konservative Tora-Lehrer Mendel Singer, der mit seiner Frau und vier Kindern im Schtetl Zuchnow (Ostgalizien/Russland) lebt und sich am Existenzminimum befindet. Der eine Sohn wird eingezogen, der zweite flieht vor der Armee-Einberufung in die Staaten, der jüngste und dritte (Menuchim) wird mit einer Behinderung geboren, bleibt ein Krüppel. Die Tochter dagegen bricht mit den Traditionen und schläft als Protest mit Kosaken, vergnügt sich mit Soldaten. Singer beschließt, ebenfalls nach Amerika aufzubrechen, nach New York, die Stadt der Wunder, lässt dafür den kranken, vermutlich unheilbaren Menuchim, denn er eigentlich ungemein liebt, in Russland zurück, da dieser die Reise wohl nicht überlebt hätte.

Nach und nach wird Singer – er meint von Gott – auf die Probe gestellt und in Amerika vermehren sich die Schicksalsschläge, denn er verliert all das, was er besitzt: die Familienmitglieder. Am Ende steht ein Zerwürfnis mit Gott an: »Alle Jahre habe ich ihn gefürchtet, jetzt kann er mir nichts mehr machen.« »Dem einen gibt Er, dem anderen nimmt Er.« Singer wird mehr genommen, als gegeben.

Gott ist grausam und je mehr man ihm gehorcht, desto strenger geht er mit uns um. Er ist mächtiger als die Mächtigen, mit dem Nagel seines kleinen Fingers kann er ihnen den Garaus machen, aber er tut es nicht. Nur die Schwachen vernichtet er gerne. Die Schwäche eines Menschen reizt seine Stärke, und der Gehorsam weckt seinen Zorn. (S. 144)

In den bittersten Stunden erfolgt doch noch eine Überraschung: »Was kann einem Mann wie mir, dachte er, überraschend Fröhliches widerfahren? Alles Plötzliche ist böse, und das Gute schleicht langsam.« Als er sich nahezu auf seinen Tod vorbereitet, erhält er etwas, was mit keinem Wert verglichen werden kann. Am Tiefpunkt angekommen, erkennt er, dass selbst dann noch Wunder möglich sind, die von Gott gesteuert werden können.

Die Handlung in »Hiob« beginnt etwa 1900 und zieht sich bis 1920. Der Russisch-Japanische Krieg, die Russische Revolution, die Pogrome und der Erste Weltkrieg, all die politischen Ereignisse werden nur am Rande behandelt, geben jedoch Auskunft über die Atmosphäre in diesen zwei Jahrzehnten. Im Vordergrund bleibt der Leidensweg von Mendel Singer, der mit einem Happy End verbunden wird. Roths Bestseller ist ein zeitloses Stück, überhaupt nicht veraltet und ein Genuss. Wer es noch nicht kennt, sollte diese Lücke schließen – unbedingt!  Wer nicht auf mich hören will, der höre auf Stefan Zweig: »Hiob ist mehr als Roman und Legende, eine reine, eine vollkommene Dichtung, die alles zu überdauern bestimmt ist, was wir, seine Zeitgenossen geschaffen und geschrieben. An Geschlossenheit des Aufbaus, an Tiefe der Empfindung, an Reinheit, an Musikalität der Sprache kaum zu übertreffen.«

[Buchausgabe: Roth, Joseph  (2010): Hiob. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 192 Seiten. ISBN: 978-3-462-04172-9]

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