Léon Werth – 33 Tage

In Zeiten wie diesen vergessen viele: die Flucht war schon immer ein fester Bestandteil der Menschheit. Schon immer, spätestens seitdem Waffen entdeckt und entwickelt wurden. Denn diese sorgten dafür, dass sich Individuen über andere stellen konnten, durch den Kampf, durch Kriege, durch Eroberung. In Zeiten wie diesen ist es immer sinnvoll, sich zu erinnern, dass all das keine Momentaufnahme ist: Geschichte sich wiederholt. Der Franzose Léon Werth (*1878 – †1955) schildert in diesem Bericht seine Flucht vor den nationalsozialistischen Deutschen. »33 Tage« dauert diese an und währenddessen ist Frankreich längst eingenommen.

Léon Werth - 33 Tage

Für die Pariser ist der 2. Weltkrieg der ersten Monate zunächst einmal weit entfernt. Am 11. Juni 1940 deutet sich für Werth dennoch an, einem sehr guten Freund von Antoine de Saint-Exupéry (»Der kleine Prinz« ist Werth gewidmet), dass er die Landeshauptstadt verlassen muss. Trotz seines Optimismus – er glaubt nicht, dass die Deutschen bis nach Paris vordringen – verlässt er durch den Rat eines Bekannten mit seiner Frau die Metropole. Das Ziel ist ihr Ferienhaus in Saint-Amour, für das sie mit ihrem Bugatti sonst lediglich acht Stunden Fahrt benötigen. Doch nicht nur das Ehepaar begibt sich auf die Reise. Mehr als ein Drittel der Pariser fliehen über Nacht, insgesamt brechen zwischen sechs und zehn Millionen Franzosen, Niederländer, Luxemburger und Belgier auf, um im Süden Zuflucht zu finden.

Wir wurden Zeugen eines unglaublichen Durcheinanders, dessen Auswirkungen wir nicht erfassten. Diese Flucht, diese Mischung von Armee und Zivilisten, Städtern und Bauern, erschien uns wie eine akute Erkrankung, wie ein Gewitter. (S. 64)

Autos mit Matratzen auf dem Dach, Pferdekutschen, Fahrräder, Menschen die zu Fuß unterwegs sind, begegnen Werth bei dieser Massenwanderung, bei der nichts geplant werden kann. Schon bald befinden sich feindliche Flugzeuge über ihren Köpfen, sie sind Artilleriebeschüssen ausgesetzt, der Bauch meldet sich, weil die Essensvorräte ausgehen und auch der Bugatti benötigt irgendwann Treibstoff, um sich weiter fortbewegen zu können. Irgendwann sind die Deutschen da, Frankreich kapituliert, Hitlers Westfeldzug scheint erfolgreich zu sein. Paris wird am 14. Juni 1940 endgültig eingenommen, der Waffenstillstand erfolgt am 25. Juni 1940.

Werth kommt bei unterschiedlichen Personen unter, blickt dem Feind ins Gesicht. Immer wieder heißt es, dass Frankreich verkauft worden sei, die Briten Schuld an der Misere hätten. Er sieht, wie Teile seiner Landsleute die Deutschen mit Champagner empfangen. Er sieht, wie die Deutschen, aber auch die Franzosen plündern. »Ich fühle mich erniedrigt. Ich war der Besiegte, der seine Nahrung von der Großzügigkeit des Siegers erhält. […] Aber nichts kann in diesem Moment etwas ändern, dass der Soldat der ganze Sieg ist und ich die ganze Niederlage bin.« Er sieht, wie er abhängig wird, von dem was die Besatzer diktieren: »Was sie sagen … Wir hängen nur noch davon ab, was sie sagen.« Und dann ist da noch sein Sohn, der ebenfalls geflüchtet ist, von dem es keine Nachricht gibt – ein flaues Gefühl. Am 13. Juli 1940 kommt Werth schließlich, nachdem ihm ein Nazi heimlich Benzin beschafft, in die freie Zone und in seinem Feriendomizil an. Seit dem Reisebeginn hat sich einiges verändert … Das Tagebuch der Flucht verfasst der Schriftsteller wenige Tage später.

Erstaunlich ist es, mit welcher Präzision Werth diesen Bericht schreiben wird, der erst fünfzig Jahre nach der Niederschrift durch eine Wiederentdeckung 1992 gedruckt werden wird. Ihm, der selbst im 1. Weltkrieg gekämpft hat, geht es nicht darum, historische Rekonstruktionen anzufertigen oder militärische Operationen zusammenhängend, kritisch zu beschreiben. Ihm geht es vielmehr um den Zustand, der sich bei diesem Versuch des Entkommens ausbreitet. »Ich erzähle, was ich gesehen, was ich gefühlt habe.« Werth tut dies mit Hilfe eines fotografischen Gedächtnisses, so wirkt es. Der Leser wird selbst zum Teil dieser Fluchtbewegung, die mit der Angst gekoppelt ist. Werth vertieft sich häufig in Details, analysiert das Verhalten seiner Umgebung. Wie reagieren die fremden Deutschen, wie reagieren die besiegten Franzosen und wie reagiert er selbst, der seine Würde verloren hat, in dieser besonderen Situation?

Werth kommt aus dem Wohlstand, wenige Nächte später bröckelt seine Welt und wird brüchig, ohne dass er dafür etwas kann. In Zeiten wie diesen wird durch solche Dokumente und Zeugenberichte ein Link geliefert. Diejenigen, die am Ende der Nahrungskette stehen, trifft keine Schuld. Sie flüchten nicht nur, weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Zwischen dem 2. Weltkrieg und dem Jetzt liegen einige Jahrzehnte dazwischen. Gewisse Ereignisse und Entwicklungen ähneln sich. Derartige Literatur sorgt dafür, dass wir uns das wieder ins Gedächtnis rufen.

[Buchinformationen: Werth, Léon (Februar 2016): 33 Tage. Ein Bericht. Mit einem Vorwort von Antoine de Saint-Exupéry und mit einem Nachwort von Peter Stamm. S. Fischer Verlag. Aus dem Französischen von Tobias Scheffel. 208 Seiten. ISBN: 978-3-10-002506-7]

3 thoughts on “Léon Werth – 33 Tage

  1. Pingback: Vielleicht sehe ich, was du nicht siehst – Frühjahrsvorschau ’16 | Muromez

  2. Pingback: Blogbummel April 2016 – buchpost

  3. Pingback: [Die Sonntagsleserin] April 2016 | Phantásienreisen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s