Anatoli Pristawkin – Wir Kuckuckskinder

Sobald ein Diktator zu seiner Position gelangt ist, finden sich keine Zweifel mehr. Vollstes Vertrauen spricht ihm jegliche Gesellschaftsschicht aus. Es gibt kein Dagegen, es ist nicht existent. Anatoli Pristawkin  (*1931 – †2008), hierzulande eher unbekannt, verdeutlicht in »Wir Kuckuckskinder« (1991 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet) diese Dimensionen und zudem das Schicksal von sowjetischen Waisenkindern im Zweiten Weltkrieg.

Anatoli Pristawkin - Wir Kuckuckskinder

Kokoschkin, so heißen gleich einige Kinder in der tristen russischen Siedlung Goljatwino. Eltern haben sie keine, sind verwahrlost, voller Läuse, rechtlos und vor allem hungrig: »Essen kann man alles und immer. Das Elend ist nur, keiner bietet uns was an.« Sie leben unter dem Dach des Spez, stehlen in ihrer Freizeit, halten zusammen, werden vom Direktor der Behausung und Anderen schikaniert, herabgestuft. Irgendeine Strafe müssen sie verbüßen, aber welche? »Wir waren überhaupt schuldig. Also waren wir schuldig geboren.« An das Früher erinnern sie sich nicht …

Wir, das könnt ihr euch denken, wir haben keine lichte Zukunft. Wir sind Abschaum, Abfall der Gesellschaft, ihre Scheiße, wissenschaftlich ausgedrückt, ihre Exkremente. Wir sagen einfach Kacke dazu. Uns hätten sie längst auf den Müll schmeißen müssen, aber darauf sind sie erst jetzt gekommen, als es von uns, wie sie sagen, zu stinken anfing. (S. 6)

Wie es der Zufall will, erfahren sie aber von ihrem Schicksal. Sie alle sind die Töchter und Söhne von Volksfeinden, die, insofern sie noch leben, im Zuge des Großen Terrors in Arbeitslager abgeschoben wurden, was natürlich nicht die offizielle Version ist, weil es so etwas nie gegeben habe. Doch nach und nach sammeln sie sich, verbünden sich, rebellieren gegen das Lügengeflecht und die Unwahrheiten – bis in den Tod und darüber hinaus.

Schreien, brüllen müßten wir, damit die ganze Welt es hört, damit die Menschen erschauern in ihren warmen Betten in der Siedlung wie von unseren Liedern, damit sie zu sich kommen und einander leise Fragen stellen. Vielleicht käme ihnen dann der Elementargedanke: Was machen wir da, Leute, warum richten wir die Kinder zugrunde, unsern Nachwuchs, der unsere Zukunft ist? (S. 219)

Erzählt wird die ganze Geschichte von Sergej, der mal einen Vater hatte, der Flugzeugkonstrukteur war, dann aber dem Sowjetstaat geschadet haben soll. Der Roman beginnt mit der Darstellung, wie die Kuckuckskinder in einer Scheune festsitzen, eine Waffe bei sich haben und von der Miliz, Landwehr umringt werden. Wie es dazu kommt, wird im Verlauf durch Rückblenden herausgestellt.

Zwei wesentliche Aspekte begegnen immer wieder. Zum einen wäre da die aussichtslose Situation der Kinder genannt, die eine doppelte Bürde haben. Liebe und Zuwendung kennen sie nicht. Das Höchste der Gefühle lösen die Anblicke von Butter oder Bonbons bei ihnen aus. Ihre Klamotten sind zerschlissen, ihr Aussehen ist schmutzig, sie haben Albträume, sind verwildert, bilden dennoch eine Gemeinschaft, die ein Überleben ermöglicht. Es handelt sich dabei aber nicht nur um Elternlose, es handelt sich gleichermaßen um (unfreiwillige) Verbrecher, die genauso wie ihre Erzeuger verurteilt sind, ausgenutzt werden, von ehemaligen Lageraufsehern, von sogenannten Paten, für die sie schuften dürfen, ohne dafür etwas zu bekommen. Die misshandelt werden, psychische Probleme haben und im Grunde selbst in einem Lager festsitzen – etwas Anderes ist dies nicht. Der Autor selbst war mal ein Waisenkind und konnte dadurch sicherlich die eigenen Erfahrungen einbringen.

Zum anderen wird immer wieder die Hoffnung thematisiert, die den Namen Josef Stalin trägt, der eine Vaterfigur einnimmt, Lehrer und bester Freund zugleich ist. Der Rächer der Ungerechten werde schon etwas bewirken. Er müsse nur von den Kuckuckskindern erfahren, denken sie. Aber so einfach in den Kreml gelangen? Geht natürlich nicht. Denn da wäre ja noch die verhasste Miliz, die sie daran hindert. Und es ist der kindlichen Naivität geschuldet: Die Waisen begreifen nicht, dass an all dem, an ihrem Zustand und der Sackgasse, nur einer verantwortlich ist – Stalin selbst.

»Wir Kuckuckskinder«, in einem ironischen Unterton verfasst und unbedingt eine Entdeckung wert, demonstriert eine unangenehme Leichtgläubigkeit (ähnlich wie Imre Kertész »Roman eines Schicksallosen«), bis die Bombe platzt. Über die Ausmaße und Sprengkraft wundern sich viele, wenn die Unterdrückten das Signal zum Rachefeldzug geben. Wenn die kleinen Herzen plötzlich schneller pochen und die Verurteilten sich von den Fesseln befreien. Rache. Tut. Gut. Nicht nur ein Jugendbuch, sondern mehr. Pristawkin bietet Anschauungsunterricht, die Lehrstunde beschäftigt sich mit dem Totalitarismus, der nicht nur die andersdenkenden Großen malträtierte, auch die Heranwachsenden konnten der Stärke und Entscheidungsmacht nicht entfliehen. Leidvoll zu ertragen, ist das.

[Buchinformationen: Pristawkin, Anatoli (1991): Wir Kuckuckskinder. 3. Auflage. Verlag Volk & Welt. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Titel der Originalausgabe: Кукушата, или Жалобная песнь для успокоения сердца (1989). 235 Seiten. ISBN: 3-353-00765-2]

2 thoughts on “Anatoli Pristawkin – Wir Kuckuckskinder

  1. Das klingt vielversprechend. Ich habe gerade ein anderes Buch am Wickel, das sich mit dem Thema (Waisenkind, Mutter als Volksfeindin im Gulag) befasst. Vielleicht hast du mal was davon gehört, In guten Händen, in einem schönen Land von eleonora Hummel. Vermutlich ein ganz anderer Zugang, aber ebenso an die Nieren gehend.

    • Wir haben darüber, glaub ich, schon mal gesprochen bzw. an einer anderen Stelle geschrieben. Stimmt, das müsste ich mir auch noch mal genauer angucken. Danke für die Erinnerung.

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