Vladimir Nabokov – Lolita

Wo die Liebe hinfällt … eigentlich darf sie Ungewöhnliches verbinden, überall Station machen, aber ihr sind Grenzen gesetzt, die nicht alles erlauben und sie frei gewähren lassen. Es gibt Verbote und Gesetze, die akzeptiert werden müssen. Wenig verwunderlich, dass Vladimir Nabokovs »Lolita« nach dem Erscheinen 1955 Kontroversen auslöste. Der Schmetterlingssammler schildert in seinem oft als anrüchig empfundenem und bekanntestem Werk die Beziehung zwischen einem kindhaften Nymphchen und einem pädophilen Erwachsenen, der immer krankhafter und mit allen erdenklichen Mitteln das Mädchen nur für sich alleine beanspruchen will – ein Spiel mit dem Feuer, das Nabokov einzigartig und unübertroffen inszeniert.

Vladimir Nabokov - LolitaGeschrieben ist das Buch aus der Sicht des Ich-Erzählers Humbert Humbert, der sich mittlerweile hinter schwedischen Gardinen befindet und die Geschichte, die ihn dorthin brachte, als eine Art Verteidigung wiedergibt. Schnell wird deutlich, dass Humbert ein anormales Verhalten kennzeichnet und eine Charakterisierung für seine Vorlieben wählt. Er steht auf einen speziellen weiblichen Typus; auf Mädchenkinder, die bei ihm etwas wecken.

Der aus Paris in die amerikanische Provinz ausgewanderte Mitte 30er trifft auf Dolores Haze, für die er den Namen Lolita auserkoren hat und verliebt sich sofort ins außergewöhnliche und minderjährige Geschöpf. Zufällig wohnt er im gleichen Haus wie seine Auserwählte und es lässt sich erahnen, was Humbert im Schilde führt. Besonders der erste Teil des Buches kann nicht besser verfasst worden sein. Humbert steigert sich immer mehr hinein, erreicht einen »Zustand der Erregung, der an Wahnsinn grenzte«, aber geht stets wohlüberlegt vor (»Ich hatte auch die Schläue eines Wahnsinnigen«), überbrückt nie das Unerlaubte. Stattdessen kocht es immer mehr in ihm, die 12Jährige endlich zu erobern und gefügig zu machen.

Diese Eintragung dürfte die letzte von etwa zwanzig sein. Aus ihnen kann man ersehen, daß die Ränke des Teufels täglich die gleichen blieben, wie erfinderisch er auch war. Zuerst führte er mich in Versuchung – dann durchkreuzte er alles und überließ mich einem wühlenden Schmerz an der Wurzel meines Seins. Ich wußte genau, was ich tun wollte und wie es tun konnte, ohne die Keuschheit eines Kindes anzutasten, immerhin hatte ich ja während einer lebenslangen Pederosis einige Erfahrungen gesammelt, […]. (S. 93)

Humbert geht gewieft vor und heiratet die Witwe und ihre Mutter Charlotte, um noch näher an Lolita heranzukommen. Bald entwirft er Mordgedanken, die seine Ehefrau beseitigen sollen, damit er Lolitas alleinige Vormundschaft übernehmen kann und sie ihm ausgeliefert ist. Wie es der Zufall will, findet Charlotte eines Tages Humberts Tagebuchaufzeichnungen, in denen er seine sexuellen Wünsche offenbart und stirbt indirekt an den Folgen dieser Konfrontation. Nun sind Humbert nicht mehr die Hände gebunden und er kann seinen Plan in die Tat umsetzen. Beide beginnen zwei Roadtrips durch die komplette USA und haben ein Verhältnis. Lolita wird ins Spinnennetz getrieben, scheint aber überhaupt nicht abgeneigt von diesem Ausgang und behält das Geheimnis, auch wegen Humberts Drohungen und Manipulation, für sich, offiziell bleiben sie Stiefvater und -tochter. Humberts Eifersucht und ihre Überlegenheit in dieser perfiden Beziehung hindern sie jedoch nicht, sich irgendwann aus den Fängen zu befreien und zu entkommen … Humbert dreht sofort durch und macht sich auf die verbitterte Suche nach seinem Schatz und Gegner.

Als ich in protestantischem Unbehagen, betrunken, schlafhungrig, die Pistole in der Faust in der Tasche im Regenmantel, dort wartete, ging mir plötzlich auf, daß ich verrückt war und im Begriff stand, etwas Idiotisches zu tun. (S. 434)

Dieser Fall ist anders als ein vergleichbarer Kindesmissbrauch mit Gewaltanwendung. Lolita ist diejenige, die den Ton angibt und Humbert um den Finger wickelt. Sie ist die Dominante, wodurch Humbert zur Unterwerfung bereit ist. Sie ist es, aus der das »nymphisch Dämonische aus jeder Pore dieses Koboldkindes atmet«, die ihn das erste Mal verführt und nicht andersherum. Sie hat die Zügel in der Hand und kann deswegen mit ihm anstellen, was sie möchte, denn ein Leben ohne sie erscheint ihm utopisch, er ist ihr ausgeliefert, weil er sie liebt.

Humberts Schrift wirkt dagegen wie eine Rechtfertigung für sein Verhalten. Mit seiner Jugendfreundin, die einem Nymphchen ähnelte, durfte er keinen Geschlechtsverkehr haben, weil die Eltern stets auf der Hut waren und beiden auf die Finger geschaut haben. Vermutlich ist ihr früher Tod dafür verantwortlich, dass Humbert fortan genau das haben will, was ihm damals noch nicht gestattet wurde. Seine Neigung vergleicht er entschuldigend mit Dantes, der sich in die neunjährige Beatrice verliebte oder: »Bei den Lepchas kopulieren sich Greise von achtzig mit Mädchen von acht, und niemand findet etwas dabei«

Freilich muss an dieser Stelle auch das Talent des Autors erwähnt werden, denn er fertigte das Werk nicht in seiner Muttersprache an, sondern schrieb es auf Englisch. Nabokov manifestiert sich als Sprachvirtuose heraus, der geniale Bilder entwirft (»Das Fleisch klaffend wie das Ventil einer Fußballblase«) und einen durchdringenden Blick hat, der die Psyche zerlegt. Vor allen Dingen die Momente, als Humbert seiner Lolita ein Schlafmittel verabreicht und mit sich ringt, ob er sie nun vergewaltigen soll, sind dermaßen fesselnd konstruiert. Pornografisch sind die Szenen nur im entferntesten Sinne. Der Geschlechtsverkehr wird nie geschildert, die Wollust, die Humbert empfindet und beschreibt, als er zum Beispiel der Frühentwickelten beim Tennis zuschaut, könnten eher als obszön und lasziv gedeutet werden.

Ich entsinne mich gewisser Augenblick – nennen wir sie Eisberge im Paradies –, in denen ich, nachdem ich mich an ihr gesättigt hatte – nach phantastischen, wahnwitzigen Anstrengungen, die mich matt in seligblauer Erschlaffung zurückließen – , sie in die Arme schloß mit – endlich – einem stummen Stöhnen menschlicher Zärtlichkeit (ihre Haut schimmernd im Neonlicht, das vom gepflasterten Hof durch die Jalousiespalten drang, ihre tränenverklebten Wimpern rußschwarz, die ernsten grauen Augen leerer denn je – ganz und gar kleine Patientin nach schwerer Operation, von der Narkose nach halb betäubt) – und die Zärtlichkeit vertiefte sich zu Scham und Verzweiflung, und ich hegte und wiegte meine leichte, einsame Lolita in meinen Marmorarmen, stöhnte in ihr warmes Haar, streichelte sie blindlings, bat sie stumm um ihren Segen – und wie auf dem Gipfel dieser menschlichen, qualvollen, selbstlosen Zärtlichkeit (mit meiner Seele, die allen Ernstes reuebereit um ihren nackten Körper schwebte) plötzlich, höhnisch, entsetzlich die Begierde von neuem anschwoll – und Lolita sagte »nein, o nein« mit einem Seufzen zum Himmel, und im gleichen Augenblick sank alles, Zärtlichkeit und selige Bläue, in Trümmer. (S. 489)

Gewiss gibt es einige Längen im zweiten Teil, gewiss mögen sich einige Haken finden. Wie kann es sein, dass Dolores der Tod ihrer Mutter kaum trifft? Ist das ihrer kindlichen Einstellung geschuldet oder der Ablehnung, die sie ihr gegenüber empfand? Warum wird Lolita nie schwanger, was Humbert aufdecken könnte? An Stellen, in denen es um die Verhütung geht, erinnere ich mich nicht. Dass der Rachefeldzug, den Humbert am Ende anpeilt und begeht, respektive der Plot an sich bahnbrechend und inspirierend für weitere Künstler wie Tarantino und die Popkultur war, lässt sich allerdings nicht bestreiten.

Wie geht man also mit Humberts egoistischer Unmoral um? In der Tat wirkt der Besessene abschreckend, sein Handeln entbehrt jegliche Sitte, ist aber – und das ist das Grässliche daran – ansatzweise begreiflich. Das Techtelmechtel beruht auf Gegenseitigkeit, bis zu einem gewissen Punkt ist niemand von beiden, einem (sexuellen) Zwang ausgesetzt. Auf der einen Seite ist es Liebe, auf der anderen ein Ausbruch. Als Beobachter dieser schockierenden Konstellation verfällt man aber Nabokov wie Humbert seiner Lolita – Blick abwenden ist nicht.

[Buchinformationen: Nabokov, Vladimir (1959): Lolita. Rowohlt Verlag. Aus dem Amerikanischen übertragen von u.a. Helen Hessel.]

15 thoughts on “Vladimir Nabokov – Lolita

  1. Ahhh da ist sie die „Lolita“-Rezension 🙂 Ich freue mich, dass es 5 Stückerl Torte gab – absolut gerechtfertigt. Ein großartiger Roman – ich freue mich schon aufs Wiederlesen. Sehr schöne Rezension!

  2. Immer noch eines der literarischen Werke, die mich in meinem Leben am meisten beeindruckt haben. Freut mich, dass auch du es nun für dich entdeckt hast und ihm ebenso verfallen bist.

    • Das kann ich mir vorstellen … Für ’15 hab ich vorgenommen, noch weitere Werke dieses beeindruckenden Mannes zu lesen. Neben einer Biografie warten mehrere Stücke sehnsüchtig darauf, aus dem Regal genommen zu werden 🙂

      • Das habe ich mir auch schon mal vorgenommen – und Pnin gelesen, womit ich aber leider überhaupt nicht zurechtkam. Vielleicht lag’s aber auch am Englischen, mit dem ich zugegeben etwas überfordert war (Lolita habe ich hingegen auf Deutsch gelesen, entgegen aller Beschwörungen, man müsse es im Original lesen). Irgendwann werde aber auch ich bestimmt noch mal zu einem Werk von Nabokov greifen; Ada oder Das Verlangen reizt mich sehr.

  3. Pingback: Vladimir Nabokov – König Dame Bube | Muromez

  4. Ist es jetzt uebertrieben zu behaupten, dass Humbert Humbert fuer das alte Europa, abgesehen von seiner Neigung, steht und Lolita fuer das junge Amerika? Ich habe das Buch auch studiumsbedingt gelesen und wenn ich mich recht entsinne war Nabukov ein russischer Immigrant aus alter Adelsfamilie. Ich hatte beim lesen oft den Eindruck, dass er seinem Roman auch insgeheim die amerikanische Gesellschaft durch die Figur der Lolita kritisiert……

    • Übertrieben? Weiß nicht, konnte nicht herausstellen, inwiefern Humbert/Lolita Europa oder die USA verkörpern sollen. Das müsstest du mir ausführlicher erklären!

      Was die amerikanische Gesellschaft betrifft, wird diese vor allem beim Roadtrip angegangen. Dieses Kommerzielle und Kapitalistische, die ganze Werbung … ja, da lässt sich in jedem Fall Kritik finden, wenn man nach ihr sucht.

      • wahrscheinlich denke ich -Uni sei dank- in viel zu abstrakten Begriffen und sehe Allegorien, wo gar keine sind 😉 da bin ich von meinem Literaturstudium etwas geschädigt.

  5. Eines der besten und krassesten Bücher, die ich je gelesen habe. Brauchte drei Anläufe, um mich drauf einzulassen, weil es mich so gegruselt hat. Nabokovs Sprache ist so brillant, scharf und klar, dass man beim Lesen trotz der grausamen Geschichte, sehr viel Freude verspürt.

  6. Auch wenn diese Anmerkung Monate verspätet kommt: „Lolita“ inmitten einer Bulgakow-Werkausgabe – will uns der Verfasser etwas damit sagen??? 😉

  7. Pingback: Vladimir Nabokov – Gute Leser und gute Autoren | Muromez

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