Katrin Himmler – Himmler privat (Lesung)

Denkt man an die ganz großen Nazi-Verbrecher wie an den KZ-Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, hat man lediglich ein Monster vor Augen. Ein gefühlloses und kaltes, das sich immer über das eigene Handeln bewusst und derartig eisern verharrt war, die Ideologie um jeden Preis durchzusetzen. Doch diese hohen Nationalsozialisten hatten ebenso andere Seiten, die sie in ihrem Privatleben zeigten und schon gar nicht in dieses Bild der Schlächter passen, – was ihre Schandtaten keineswegs mildert, sondern Gegensätze verdeutlichen kann. Politologin und Autorin Katrin Himmler, die Großnichte von Heinrich Himmler, zeigt in ihrem neuen Buch »Himmler privat – Briefe eines Massenmörders« bisher unveröffentlichtes Material. Gemeinsam mit dem Historiker Michael Wildt hat sie den Briefverkehr aus den Jahren 1927-1933 und 1940-1945 zwischen Heinrich Himmler und seiner Frau Margarete sowie ihre Tagebucheinträge ediert. In dem vollen Burgsaal der Wewelsburg, in der Heinrich Himmler auch operierte, las Katrin Himmler daraus und kommentierte Stellen.

Katrin Himmler - Himmler privat (Lesung) 1Fast täglich hat sich das Ehepaar geschrieben. Wenn einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust seine Gattin mit »gutes Frauchen« anredet und ihr versichert, dass »der böse Heini niemals hart und rau« zu ihr sein werde, hat das etwas Überraschendes, fast Perfides, könnte man meinen. Heinrich und Margarete haben 1928 geheiratet und sich schnell schätzen gelernt. Margarete war zwar sieben Jahre älter und evangelisch (Heinrich katholisch), doch das brachte beide nicht davon ab, das Ehegelöbnis abzulegen. Denn Margarete teilte schnell die radikale Weltanschauung ihres Auserwählten und beiden schwebte die Idealvorstellung vor, aufs Land zu ziehen. Dort schotteten sie sich von »einer Welt voller Schund« und dem verhassten Berlin ab – der spätere SS-Reichsführer als Kleinbürger.

Margarete, die wiederum Heinrich als »lieben Dickschädel« in ihren Briefen bezeichnet, trat in die NSDAP ein. In ihrem gemeinsamen Heim in Waldtrudering, das nur Gleichgesinnten Eintritt gewährte, bauten sich beide ein gemeinsames Umfeld auf. Margarete kümmerte sich um die Landwirtschaft, sodass ein Selbstversorgerbetrieb entstand. Heinrich dagegen stieg in der Partei auf und pflegte engen Kontakt zu Adolf Hitler. »War mit Chef unterwegs«, schrieb er Margarete, ohne zu erwähnen, was die Inhalte der Gespräche waren. Die Erfolge des Nationalsozialismus und ihres Mannes bekam Margarete zwar mit, begleitete Heinrich bei seinen Dienstreisen allerdings fast nie, wäre aber gerne mitgekommen.

Katrin Himmler - Himmler privat - Briefe eines MassenmördersAus dem Tagebuch von Margarete lässt sich entnehmen, dass »Heini« fast nie da war, sie aber trotzdem das Glück der Ehe schätzte, und er bei seinen Besuchen unternehmenslustig gewesen ist. Auch die antisemitische Einstellung verfolgte Margarete wie Heinrich. »Wann wird das Judenpack uns verlassen?«, fragte sie sich und behauptete ebenso, dass »die Polacken und das Judenpack überhaupt nicht wie Menschen aussehen«. Die gemeinsame Tochter Gudrun bezeichnete Heinrich, »der Papi«, in den Briefen als Püppi oder Leckermäuli und schrieb 1941, dass Siege wunderbar seien und dass er bald Auschwitz besichtigen werde. Was er dort sah, lässt er nicht in die Briefe einfließen. 1945 verfasste Heinrich Himmler, der schon früh und heimlich nicht mehr an den Endsieg glaubte, dann seinen Abschiedsbrief, bevor er nach seiner Festnahme Suizid begann. »Alles wird sich zum Guten wenden. Hitler wird uns behüten. Bussige Grüße und Heil Hitler.« Es ist der einzige Brief, der mit »Heil Hitler« endete.

Bisher ist man davon ausgegangen, dass die Ehe der beiden als zerrüttet galt. Heinrich hatte nämlich eine Geliebte, Hedwig Potthast, die gleichzeitig seine Sekretärin war. Hedwig schenkte ihm den gewünschten Sohn Helge, den Margarete nicht kriegen konnte, und die Tochter Nanette-Dorothea. Durch die Briefe wird widerlegt, dass Heinrich den Kontakt zu Margarete nur aufgrund der Tochter Gudrun aufrechterhielt. Gesellschaftlich war die polygame Lebensform nur schwer durchzusetzen. »Heinrich wollte jedoch nach einem siegreichen Krieg, den Versuch unternehmen, dieses Modell zu etablieren«, erklärte die Autorin.

Hedwig Potthast wusste davon, dass Heinrich mit Margarete, die sich in den späteren Vernehmungen nach der Befreiung widersprüchlich gezeigt hat und vermutlich mehr wusste, als sie ausgesagt hat, liiert war. Andersherum deutete es sich für Margarete an, dass es noch eine Andere gab. Die Briefe, die sich Hedwig und Heinrich schrieben, sind bisher verschollen. Katrin Himmler geht davon aus, dass diese ähnlich schwülstig verfasst seien.

Katrin Himmler - Himmler privat (Lesung) 2»In den Briefen lässt sich nichts Spektakuläres oder Sensationelles finden«, sagte Katrin Himmler nach der Lesung im Gespräch. Heinrich Himmler verlor keine Worte über seine politischen Aktivitäten und wollte sich wohl nicht mit Außenstehenden darüber austauschen. Vielmehr würden die Briefe das Bild von Heinrich Himmler ergänzen, so die Autorin, die von der israelischen Filmemacherin Vanessa Lapa das Angebot bekam, den Pfund der historischen Briefe exklusiv sowie wissenschaftlich auszuwerten. Anders als bei ihrem ersten Werk »Die Brüder Himmler« (2005), in dem sie die Geschichte ihrer Familie und des Großvaters Ernst (Bruder von Heinrich Himmler) rekonstruiert hat, sei sie diesmal weniger persönlich betroffen gewesen, da die nähere Verwandtschaft, z.B. ihre Großeltern, in den Briefen nicht erwähnt wird, was für sie einen persönlichen Abstand während der Recherche bedeutete.

Insgesamt verdeutliche das wiedergefundene Material, dass Heinrich Himmler wohl ähnliche Vorgehensweisen im Privaten als auch bei seinen Aufgaben bei der SS anstrebte. Er sah sich in beiden Sphären in einer Art Vaterrolle und als gütigen Patriarchaten. Doch alles konnte dann schnell umschlagen, zu harten Strafen, Bewährungschancen und zu Stufen der Sanktionen führen, was auch der Adoptivsohn Gerhard regelmäßig zu spüren bekam. Letztlich liefern die schmierigen und makaberen Briefe voller Verniedlichungsformen allerdings auch keine rationale Erklärung, warum jemand wie Heinrich Himmler zum Massenmörder wurde. »Es sind eher viele Umstände, die zu so einer Entwicklung geführt haben«, schloss Katrin Himmler ab, die nach der Veröffentlichung ihres Erstlings »eklige« Emails von Rechtsextremen aus ganz Europa erhalten hat und einmal bei ihrer Lesung SS-Veteranen gegenübersaß.

[Buchinformationen: Himmler, Katrin & Wildt, Michael (Februar 2014): Himmler privat – Briefe eines Massenmörders. Piper Verlag. 400 Seiten. ISBN: 978-3-492-05632-8]

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