Anatoli Rybakow – Jahre des Terrors

Der Mythos von Josef Stalin hält an. Nach wie vor ist der einstige Sowjet-Diktator unheimlich populär im russischen Gebiet, Umfragen zeigen das. Nicht wenige wünschen sich ihn sogar zurück. Vermutlich lässt sich diese Sympathie mit Stalins Erfolg im 2. Weltkrieg begründen. Andernfalls, und das wird häufig bemängelt, könnte fehlendes historisches Wissen bei der jüngeren Generation für diese Ansicht verantwortlich sein. Anatoli Rybakow (*1911 – †1998) war – berechtigterweise – alles andere als ein Schwärmer von Stalin, musste er doch selbst einige Zeit in Verbannung leben. In seinem wohl bekanntesten Werk »Die Kinder vom Arbat« beschrieb er die Zeit von 1933 bis ’34 unter Stalin. »Jahre des Terrors« heißt die Fortsetzung, die sich vor allem mit den Moskauer Schauprozessen beschäftigt, den Beginn des »Großen Terrors«, auch bekannt als »Große Säuberung«. Handlungszeit diesmal: 1935 bis ’37.

Anatoli Rybakow – Jahre des Terrors»Jahre des Terrors« hat etwas von Geschichtsunterricht. Rybakow verwendet eine eher dokumentarische Form, auch wenn nicht vergessen werden darf, dass es sich hierbei um einen Roman handelt. Wie bei »Die Kinder vom Arbat« finden sich stets Monologe Stalins wieder, durch die man ihm paranoide Verhaltensweisen attestierten kann. Die Hauptfiguren aus dem ersten Roman geraten in den Hintergrund. Zwar darf sich Sascha einige Male aus seinem Verbannungsort in Sibirien melden, der Großteil des Buches handelt jedoch von den Vorbereitungen der Kaderrevolution und dem ersten Moskauer Schauprozess.

Immer wieder wird Stalins Handeln deutlich. Er wählte Terror, um Furcht zu schüren, da seine Epoche als größte Errungenschaft des sowjetischen Volkes gezählt werden sollte – ihm sollte alles zu verdanken sein, nur ihm. Jeder potentielle Gegner sollte ausgeschaltet werden. Schon der Hauch einer Gefahr sollte beseitigt werden, mit drastischen Mitteln.

Alles potentiell Gefährliche mußte ausgerottet werden. Kein einziger war berechtigt, die oberste Machtstellung zu beanspruchen. Damit das jedem Einwohner des Landes bewußt wurde, mußte er deutlich zu spüren bekommen, daß seine Existenz, seine Freiheit, seine Sicherheit bedroht waren. Ihm mußte bewußt werden: Seine Sicherheit war nur durch absoluten Gehorsam und unbedingte Unterordnung gewährleistet, der Terror mußte unterbrochen herrschen, mußte zur normalen und gewohnten Regierungsmethode werden. (S. 129)

Nachdem der beliebte Leningrader Parteichef Sergei Kirow bei einem Attentat ermordet wurde – bis heute ist unklar warum – will das Volk die Täter sehen. Stalin nutzt diese Situation aus, um aufzuräumen. Wladimir Lenin hatte in seinem Vermächtnis neben Stalin einige andere Politiker, die Teil an der Oktoberrevolution von 1917 hatten, erwähnt und in ihren Personen sieht Stalin eine Bedrohung. Im ersten Prozess  werden neben weiteren Grigori Sinowjew und Lew Kamenew 1936 erledigt, die beide die Todesstrafe erhalten. Beide wurden vorher gefoltert und malträtiert. Sie wurden erpresst und eingeschüchtert, bis sie sich einverstanden gaben, Terroristen sowie Trotzkisten zu sein und als Feinde der Sowjetunion anerkannt zu werden.

Wer Stalin wirklich war?

»Sie kennen ihn nicht, ich dagegen kenne ihn zur Genüge. Ich hab ihn jahrelang aus nächster Nähe gesehen, so wie ich jetzt sie sehe. Menschen und Menschenleben bedeuten ihm nichts, sind Luft für ihn, er schlimmer als der schlimmste Verbrecher. Er ist imstande, jeden zu ermorden, der ihm im Weg steht. Er ist ein Schauspieler und kann jede Rolle spielen. Gegenwärtig redet er von Menschen und schmeichelt dem Volk. Das haben alle Tyrannen getan. Der kluge Tyrann schmeichelt immer dem Volk. Mit Worten, versteht sich, mit seinen Taten vernichtet er es.« (S. 68)

Teilweise kann man Rybakow in seinem zweiten Teil der Reihe manchmal nur schwer folgen. Die vielen Namen der Politiker muss man nachschlagen, taucht aber dadurch immer mehr in Stalins Maschinerie ein. Es ist etwas schade, dass etliche Figuren aus dem Vorgänger nur knapp erwähnt werden, da sie dort den Stalinismus und die Auswirkungen auf das einfache Volk treffend verbinden. Interessant erscheint am ehesten die Karriere von Jura Scharok, der mal Saschas Freund war, nun aber selbst an den Verhören aktiv teilnimmt und immer wichtigere Aufgaben in der Partei übernimmt.

»Jahre des Terrors« beschreibt Stalins grausame Säuberungsaktionen, die nicht auf Zufall ausgelegt, sondern stets ausgeklügelt und genauestens geplant waren. Der kaltblütige Diktator agierte als Strippenzieher. Seine Marionetten mussten sich von ihm steuern lassen, sonst wurden sie ausgetauscht. Anatoli Rybakows Werk zeigt deutlich die Schreckensherrschaft Josef Stalins. Ohne Rücksicht auf Verluste, lautete die Botschaft des Stählernen.

[Buchinformationen: Rybakow, Anatoli (1992): Jahre des Terrors. Deutscher Taschenbuch Verlag. Aus dem Russischen von Juri Elperin. Titel der Originalausgabe: Тридцать пятый и другие годы (1988). 439 Seiten. ISBN: 3-423-11590-4]

9 thoughts on “Anatoli Rybakow – Jahre des Terrors

  1. Pingback: Anatoli Rybakow – Die Kinder vom Arbat | Muromez

    • Jupp. Über eine Fernleihe bin ich zu diesem Exemplar gekommen. Für die Taschenbuch-Ausgabe zahlt man ungefähr 20€, beim Hardcover kommt man günstiger davon und kann es für 4€ bei Ebay schießen.

      Empfehlen würde ich aber mit „Die Kinder vom Arbat“ zu beginnen, das vereinfacht den Einstieg 🙂

  2. Das klingt sehr interessant, ich werde mal danach Ausschau halten. Irgendwie “verfolgt” mich das Thema ein bisschen, ich habe auch gerade meine Masterarbeit zum Thema Stalinkult und -nostalgie geschrieben… auf jeden Fall ein spannendes und sehr, sehr erschreckendes Feld.

    • Mich beschäftigt das Thema im Moment ebenfalls sehr, gerade aufgrund einiger Gespräche. Mein Opa hat sich neulich ebenfalls pro Stalin ausgesprochen, der für Ordnung gesorgt hätte, was Putins Machenschaften und die Korruption angehe. Im Gegenzug erzählte er davon, wie ein Verwandter von ihm zehn Jahre ins Gefängnis musste, weil er in der Öffentlichkeit einen (!) Witz über Stalin gebracht hat und man zu der Zeit in puncto Meinungsfreiheit die Füße still halten sollte. Diese Gegensätze kann ich nicht nachvollziehen, aber die „sowjetische“ Mentalität ist eine besondere und nur schwer fassbar. An anderer Stelle hörte ich, wie eine Verwandte Stalin bis zur Perestroika/Glasnost verehrt haben soll. Nie hat sie etwas von seinen Schandtaten gewusst, bis immer mehr aufgedeckt wurde und sie danach geschockt war.

      Dieses Phänomen mit dem Stalinkult erachte ich als überaus interessant und das Thema deiner Masterarbeit klingt tatsächlich spannend. Wie bist du denn in dieser Arbeit vorgegangen? Was hast du genau untersucht und was war das Fazit? Jetzt hast du mich neugierig gemacht! 🙂

      • Ja, das was dein Opa erzählt, machen sehr viele, es ist sehr paradox und rational nicht zu erklären. Ich habe mich mit Beiträgen aus TV und Internet beschäftigt, die in unterschiedlicher Weise die sowjetische Vergangenheit thematisieren bzw. glorifizieren. Der ‚Trend‘ geht eindeutig hin zu einer Verklärung, sodass die SU teilweise total utopisch dargestellt wird, eher so, wie man sie sich gewünscht hätte. Aufgefallen ist mir, dass auch wahnsinnig viele jüngere Menschen sich irgendwie zur Sowjetunion zurücksehen, bzw. zu dem Bild, was sie für die Sowjetunion halten, und was besonders krass durch Eltern-/Großelterngenerationen und halt auch durch die Medien geprägt wird. Also so, wie die Verwandte, die du beschreibst, KÖNNEN gar nicht alle reagieren, weil diese „Schattenseite“ in vielen Fällen gar nicht oder nicht ausreichend thematisiert wird. Da fast das ganze Medienwesen vom Staat kontrolliert wird, kann davon ausgegangen werden, dass das so gewünscht ist.

        In Bezug auf Stalin könnte dich da die Serie „Stalin Live“ interessieren, so eine Art Biographie-Soap, in der er als netter Familienmensch dargestellt wird 😦

        Hier ist ein Artikel zur Beschreibung: http://www.3sat.de/page/?source=/kulturzeit/themen/104701/index.html

      • Hört sich ziemlich spannend an, dein Forschungsfeld.

        Stalin, der Familienmensch … musste kurz schelmisch lachen. Warum hat seine Frau Nadeschda noch mal Suizid begangen? Was ist noch mal mit seinem Sohn Jakow passiert? Dass dort die Medien vom Staat gesteuert werden, ist mir bewusst. Unklar ist allerdings, warum die Sowjetunion samt Stalin so positiv dargestellt wird. Was kann sich die Regierung dafür kaufen und warum wird das in den Köpfen eingepflanzt? Welchen Nutzen kann sie daraus ziehen?

        Jedenfalls danke für den Link, aber werde mir diesen Schrott wohl nicht anschauen, obwohl es aus medien- oder politikwissenschaftlicher Sicht durchaus interessant sein könnte. Besonders beeindruckend fand ich, passend zum Thema, „Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitsch. Falls du es noch nicht kennen solltest und dich weiterhin damit beschäftigen willst, do it! Empfohlen wurde mir auch „Der gute Stalin“ von Viktor Jerofejew, das ich aber noch nicht gelesen habe.

  3. Vielen Dank für die sehr fokussierten Ausführungen. Ich habe die Kinder von Arbat gelesen und mir hat es damals die Kehle zugeschnürt. Das Buch faszinierte mich vor allem, weil es nicht nur die Repression und ihre Auswirkungen, sondern auch den Boom der Ära beschrieb, was manches erklärte, was die Schwarzweißmalerei eben nicht kann!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s