Frédéric Valin im Interview

Frédéric Valin»In kleinen Städten« ist Frédéric Valin (Jahrgang 1982) zwar nicht mehr ansässig, sein zweiter Erzählband, der im Oktober 2013 im Verbrecher Verlag erschien, trägt dennoch diesen Titel. Sechs nette Erzählungen hat der junge Autor und Wahlberliner niedergelassen. Zu einem Gespräch über unter anderem sein kleines Werk, Kritik, und Inspiration habe ich ihn nun gebeten.

Im Allgäu geboren und später nach Berlin ausgewandert. Wie kommt es zu so einem Wohnortwechsel?

Ich bin da aufgewachsen, wo andere Urlaub machen, wenn sie verrentet wurden. Das ist super, bis man zwölf, dreizehn Jahre alt ist, aber irgendwann hört man auf, Baumhäuser zu bauen und Hirschgeweihe zu sammeln. Man hat schlicht keine Möglichkeiten, irgendwas zu machen und im Winter, wenn der Schnee drei Meter hoch um das Dorf liegt, in dem es abends nichts mehr gibt außer einem Zigarettenautomaten, geht man ein vor Langeweile. Nach der Schule sind fast alle, mit denen ich Abitur gemacht habe, irgendwohin gegangen. Ich hab dann ein paar Städte ausprobiert und bin irgendwann nach Berlin. Anfangs war ich sehr begeistert, inzwischen ist es so, dass ich hier nicht mehr recht herausfinde.

Stichwort Schwabenhass in Berlin. Wie bist du damit umgegangen, respektive wie gehst du damit um?

Ich habe ihn nie erlebt, weder am eigenen Leib noch irgendwo beobachtet. Was im Prenzlauer Berg passiert ist, finde ich übrigens weit weg von hate crimes. Ich werde allerdings auch häufiger als Franzose akzentuiert. Mein Vater ist Franzose, ich bin zweisprachig aufgewachsen und auch sonst sehr französisch sozialisiert.

Trotz deiner Frankreich-Hälfte hast du dich im Studium weniger mit Victor Hugo und Konsorten beschäftigt. Stattdessen mit der Deutschen Literatur. Wie hat dir dein Studium bei deinen Schreibfähigkeiten geholfen?

Das Studium hat nicht sehr geholfen. Ich habe mir zwei, drei Recherchefähigkeiten zugelegt, aber eigentlich kam auch das später, in der journalistischen Arbeit. Insgesamt habe ich den Eindruck, in dem Studium nichts von Belang gelernt zu haben. Ich habe auch ein bisschen Romanistik studiert, und habe in meiner Jugend sehr viel französische Literatur gelesen. Ich würde sagen, unter den fünf mir liebsten Autoren sind immer noch mindestens zwei Franzosen. André Gide ist ein Autor, den ich sehr bewundere. Diese gewisse Rasanz im Stil, die Dialogführung, die Figuren, die immer zwischen Naivität und Welterfahrung pendeln. Boris Vian ist der andere; da bin ich vom Einfallsreichtum und der Härte, die er der französischen Sprache abringt, beeindruckt.

Sind es diese Autoren, die dich beeinflussen oder was inspiriert dich beim Schreiben?

Ich bin, glaube ich, weniger von konkreten Autoren beeinflusst. Mich faszinieren eher Erzählungen, die Probleme ganz anders lösen, als ich das machen würde. Ich schreibe kein bisschen wie Gide oder Vian. Und meine Inspiration kommt eher aus Sachen, die mir erzählt werden, oder aus dem Gedanken: das ist spannend, da müsste man irgendwas mit machen. Und dieses Irgendwas ist dann eben sehr oft eine Geschichte.

Heißt es dann, dass die Erzählung »Der Vorhang« dadurch entstanden ist, weil du eine Geschichte dieser Art gehört hast? Ich hätte stark vermutet, dass du irgendwie selbst im Pflegeheim jobbst.

Ja, das ist im Grunde ein Protokoll, ein Bericht. Die Geschichte fällt ein wenig aus dem Rahmen, weil sie eine Beschreibung ist. Ich arbeite auch im sozialen Bereich und hatte den Eindruck, wenn ich davon erzähle, dass das zwar sehr viele Menschen interessiert, aber keiner recht weiß, was da vor sich geht.

Frédéric Valin 2Welche selbst erlebten Erfahrungen sind außerdem »In kleinen Städten« eingeflossen?

»Der Vorhang« ist nicht in der Form erlebt; mir ging es eher darum, in kurzer Form eine exemplarische Situation darzustellen, die Pflege insgesamt beschreibt. Lustigerweise ist es so, dass viele Leser, die Erfahrung im Sozialen haben (beispielsweise im Zivildienst) das auch automatisch auf ihre Station und ihre Erfahrung übertragen. Ich habe oft gehört: Ach, du arbeitest ja auch auf einer Intensiv! Oder in einem Hospiz. Es ist schwierig, den autobiografischen Anteil herauszufiltern; klar gibt es Momente und Anstöße, aber Schreiben ist ja der Akt, der so einer Erzählung Allgemeingültigkeit geben soll; ich finde mich jedenfalls in keiner der Figuren aus den kleinen Städten wieder.

Was mir noch aufgefallen ist, ist, dass du an manchen Stellen Wissen wiedergibst. So zum Beispiel über die westliche Algarve in »Lea lacht«. War das extra für die Erzählung recherchiert?

Ja, ich recherchiere gerne, schmeiße aber das meiste wieder weg. Bei »Lea lacht« glaube ich, dass es der Figur entspricht, Lexikonwissen zu reproduzieren. Im Grunde ist das ja eine arme Sau.

Generell wird bei dir aber auch viel getrunken in deinen Geschichten wie bei »Der Trinker«, »Mutter« oder »Lea lacht«.

Das stimmt. Das ist mir erst nach der Hälfte des Buches aufgefallen. Das muss der Franzose in mir sein. Mir käme keine längere Geschichte in den Sinn, die sich zu erzählen lohnte, in der nicht mindestens eine Figur trinkt.

Wie würdest du denn eigentlich deinen Stil beschreiben, den ich sehr ruhig und weniger aufbrausend wahrgenommen habe?

Oh, ist das nicht eher deine Aufgabe? Ich will dir ja keine Arbeit wegnehmen! Ich würde sagen, ich versuche, unterhaltsam zu sein, ohne unterkomplex zu werden. Mit ›ruhig‹ kann ich mich sehr gut anfreunden, ›gelassener Stil‹ gefällt mir auch. Das ist schon genau das, was ich versuche.

Da passt aber der Klappentext nicht ganz. »Und er erzählt RASANT…«

Ja, das stimmt. Ich glaube, Evelyn Rahm, die beim Verbrecher Verlag die Pressearbeit macht, wollte damit freundlich darauf hinweisen, dass es sich um kurze Texte handelt.

Wieso kommt eigentlich nirgends ausführlicher der Fußball vor? Ich kannte deinen Namen im Vorfeld ja von deinem Fußball-Blog »Zum Blonden Engel«, der sich damit beschäftigt.

Eine kleine Sequenz im »Oberbürgermeister« spielt auf dem Sportplatz, aber stimmt schon, dafür, dass ich so sehr fußballbegeistert bin, kommt er nicht sehr oft vor. Das liegt daran, dass die Erzählung, die dieses Spiel ist, ganz anders funktioniert als eine Prosaerzählung. Mir lag außerdem kein Fußballthema quer, das anders als journalistisch oder experimentell zu behandeln gewesen wäre. Im Fußball analysiere ich gerne, aber das sollte man in einer Erzählung nicht machen. Die Fußballerzählungen, die ich geschrieben habe, sind mir auch nicht so gelungen, wie ich das gerne hätte; ich kippe dann schnell ins Pathetische. Ich bin zu sehr Fan, um da was Durchstrukturiertes zu schreiben.

Ausnahmslos sind Männer die zentralen Figuren bei dir. Ist das purer Zufall?

Wenn eine Geschichte nicht zwingend erfordert, dass die Hauptfigur eine Frau ist, schreibe ich aus der männlichen Perspektive, weil das meinem Erfahrungshorizont entspricht. Andererseits: Die Hauptfiguren sind zwar allesamt biologisch männlich, aber ich glaube, sie entsprechen nicht (zumindest nicht immer) dem gesellschaftlichen Bild eines Mannes. Gerade in der ersten Geschichte oder in »Fast keine Wände« nehmen sie die gesellschaftlich zugeschriebene Frauenrolle ein.

»In kleinen Städten« ist dein zweiter Erzählband. Fühlst du dich in dem Genre der Erzählungen am liebsten beheimatet oder dient es eher einem Übungsplatz für möglicherweise einen Roman?

»Lea lacht« und »Der Oberbürgermeister« waren auch Testläufe für den Roman, der jetzt kommen soll. Im Gegensatz zum Literaturbetrieb aber mag ich Kurzgeschichten. Ich hasse langatmige Beschreibungen, psychologisierende Personenbeschreibungen ebenso wie ausschweifende Landschaften, mir kommt Kürze also entgegen. Ich will jetzt trotzdem den Roman versuchen, weil ich das können will, eine Geschichte über 300 Seiten zu schreiben. Mal sehen, vielleicht geh ich danach wieder entnervt zurück auf die Kurzstrecke.

Wie geht ein junger Autor eigentlich mit der ganzen im Web verbreiteten Kritik um? Sternchen raten anderen aufkommenden Sternchen stets, sich bloß nicht selbst zu googlen.

Ich bin da durchs Stahlbad gegangen, als ich bei Spreeblick schrieb. Das glaubt mir zwar keiner, aber mir macht Kritik so gut wie nichts aus. Als ich damals recht früh die Piraten kritisiert habe, kamen auch mal konkrete Drohungen, es gab Leute, die ganze tumblr-Seiten aufgesetzt haben, um ausschließlich mich zu diffamieren. Das waren zwei, drei Irre, die sich da reingesteigert haben. Die haben meine Kritik an der Partei sehr persönlich genommen. Aber auf solche Leute traf man in anderen Zusammenhängen öfter, wenn man für ein reichweitenstarkes Blog geschrieben hat. Seither bin ich da einigermaßen abgehärtet. Diese Sorte Kritik erwartet mich ja jetzt nicht mehr. Ich nehme das, was kommt, intereFrédéric Valin 3ssiert zur Kenntnis. Wer sich die Mühe gemacht hat, mein Buch zu lesen und auch noch einen Artikel dazu zu schreiben, kritisiert nicht aus schierer Bosheit. Oft sind es auch grundsätzlich verschiedene Einstellungen zur Literatur. Zum letzten Buch (»Randgruppenmitglied«) stand ein Verriss im Kreuzer, der Leipziger Stadtzeitung, in der Beilage zur Buchmesse. Das war ein bisschen doof, weil jeder, der mich traf, mich dann trösten wollte. Tatsächlich aber hatten die es einer Dozentin für französische Literatur des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zur Rezension gegeben. Dass die nichts mit meinem Schreiben anfangen konnte, hab ich eher als Auszeichnung verstanden.

Wenn ich journalistisch arbeite und irgendein Chefredakteur meinen Text zerreißt, obwohl ich ihn mehr als ordentlich finde, nehme ich das persönlich.

Wenn mein Lektor einen meiner Texte zerreißt, dann nehme ich das sehr ernst (manchmal auch persönlich). Leider haben die vom Verbrecher Verlag fast immer recht, wie ich dann feststellen muss, wenn ich noch mal eine Nacht darüber geschlafen habe. Häufig ringe ich noch ein bisschen mit mir, bevor ich mich füge. Also: Sollten sie recht haben! Aber das haben sie nun mal zu meinem Leidwesen oft, das ist der Nachteil, wenn man bei einem hervorragenden Verlag ist. Es gab aber jetzt nicht sehr viele Konfliktpunkte. Bei einem Text, der nicht im Buch ist, haben sie gesagt: der funktioniert so nicht. Das stimmte leider auch. Ich hab nur ein wenig mehr Zeit gebraucht, um das einzusehen.

Gibt es sonst noch etwas, was dir auf dem Herzen liegt?

Man sollte dringend mehr Gisela Elsner lesen.

Fotos: Clément Paillardon (1+3), Christian Schwab (2).

4 thoughts on “Frédéric Valin im Interview

  1. Tolle Rezension und wunderbares Interview. „Randgruppenmitglied“ fand ich auch schon sehr gut und freue mich jetzt auf das nächste Buch. Ich war ganz überrascht von so viel Können und diesem eigenwilligen Blick auf die Dinge und freue mich sehr mehr über diesen Autor durch dich erfahren zu haben.

  2. Pingback: die ennomane » Links der Woche

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