Art Spiegelman – Maus

Art Spiegelman – MausComics sind eigentlich nicht so mein Metier. Mickey Mouse keine Beachtung geschenkt, nur vereinzelt den Galliern Asterix und Obelix. Auch dem Manga-Hype habe ich wenig abgewinnen können. Dann sah ich vor einigen Jahren in der Sendung ttt – titel, thesen, temperamente einen Bericht über Art Spiegelman, einem kettenrauchenden Comic-Autoren. Sinnbildlich erklärte er was für ihn Kunst sei: Therapie ist so, als würde man sich übergeben. Kunst ist aber der Prozess, in dem man das Erbrochene wieder aufisst. Kunst muss mit den Stücken, die da dabei herauskommen, arbeiten, Wirkte sehr beeindruckend der Herr. Und als ich dann bei einem Freund im Regal sein großes Werk um die Maus (ausgezeichnet mit einem Pulitzerpreis 1991 – der einzige der einem Cartoonisten verlieren wurde) sah, das ich mir schon länger genehmigen wollte, war ohne Umwege eine Leihe fällig…

»Maus« verarbeitet die wahre Geschichte der jüdischen Eltern von Spiegelman. Diese wurden u.a. ins KZ Auschwitz deportiert. Darüber hinaus schildert Spiegelman, wie das Leben nach dem 2. Weltkrieg der Familie aussah und wie er seinem Vater Wladek kritisch begegnete. Ebenso zeichnet er die Entstehung seines Comics nach: Unterhaltungen und Sitzungen mit dem Papa über die nationalsozialistische Zeit und den Holocaust, die extra für die Realsierung der »Maus« geführt worden sind.Art Spiegelman – Maus 1

Dabei bedient er sich (wortwörtlich) wie in einer Fabel der bildhaften Sprache. Die Juden sind als Mäuse dargestellt, die Nazis als fiese Katzen, die Polen werden zu Schweinen. Originalgetreu portraitiert Spiegelmann seinen Vater, der genau solche Eigenschaften verkörpert, die die Nazis für ihre Propaganda-Kampagnen nutzten: geizig, kauzig, stets ohne Rücksicht auf Verluste sein Kapital ausbauend, besserwisserisch.

Diese Werte verinnerlichte Wladek, der einen Sohn und viele Verwandte durch den Völkermord verlor, auch in seiner späteren, neuen Wahlheimat USA und begegnete anderen Immigranten trotz seiner Vergangenheit ungemein rassistisch. Seiner zweiten Ehefrau Mala (die erste, Arts Mutter Anja begann Suizid) verbot der EgoArt Spiegelman – Maus2zentriker alles, was mit finanziellen Ausgaben in Verbindung war. Handwerkerarbeiten erledigte er alle irgendwie alleine, nur um keine Kosten zu generieren. Für jeglichen Müll fand er stets Verwendung.

Art Spiegelman widmet sich nicht nur dem außergewöhnlichen Überleben seines einzigartigen Vaters. Er projektiert in seiner Graphic Novel, in der die Zeichnungen nicht überfrachtet sind, vor allem auch sein eigenes Schicksal. Das Schicksal der Nachfolgegeneration, die mit der Vergangenheit nicht fertig werden kann. Art, der das spätere Verhalten der Gefolterten (von Wladek) nicht nachvollziehen kann; der Tod seiner Mutter, die nicht mal einen Abschiedsbrief hinterließ, stürzte ihn zudem verbittert in ein Loch. Art Spiegelman – Maus3Aber auch die dringende Versöhnung mit dem Vater wird deutlich. Eine anschließende Einigung, die eng mit Auschwitz zusammenlag und ebenso durch »Maus« zu einer wurde.

Spiegelman offenbart in »Maus« unheimlich persönliche Gefühle und lässt den Leser ganz nah ran. Durch das Medium (Graphic Novel) spiegelt er auf eine ungewöhnliche Weise die Ausmaße des Holocaust wieder. »Maus« hat etwas Ausgefallenes, Elegisches, kann als Bildungsroman verstanden werden und ist vor allen Dingen eins: hemmungslos beeindruckend.

[Buchinformationen: Spiegelman, Art (2008/2. Auflage): Die vollständige Maus. Die Geschichte eines Überlebenden. Fischer Taschenbuch Verlag. Aus dem Amerikanischen von Christine Brink und Josef Joffe. Titel der Originalausgaben: Maus. A Survivor’s Tale I; My Father Bleeds History (1973, 1980, 1981, 1982, 1983, 1984, 1985, 1986). Maus. A Survivor’s Tale II: And Here My Trouble Began (1986, 1989, 1990, 1991). 300 Seiten. ISBN 978-3-596-18094-3]

13 thoughts on “Art Spiegelman – Maus

  1. Danke für diese großartige Vorstellung. 🙂 Auch ich lese eigentlich kaum Comics, „Maus“ hat mich vor einigen Jahren jedoch sehr begeistern können. Ich habe damals ein Referat über Art Spiegelman und seine „Maus“ gehalten und verbinde mit der damaligen Themenvorbereitung immer noch sehr intensive und schöne Erinnerungen.
    Das Wort „beeindruckend“ trifft es eigentlich sehr gut; deine Eindrücke haben mir gerade übrigens richtig Lust gemacht, das Buch aus dem Regal zu nehmen und mal wieder reinzublättern. Danke! 😀

    • Hört sich interessant an! 🙂 Worum ging es speziell im Referat oder war es nur eine „schlichte“ Vorstellung?

      Freut mich, dass mein Text etwas auslöste. 😉

  2. Es ist gerade mal ein Jahr her, dass ich „Maus“ gelesen habe, aber es ist mir nach wie vor sehr präsent. Weitestgehend kann ich mich deiner Wertung anschließen, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob hier tatsächlich „unheimlich persönliche Gefühle“ ausgedrückt werden…und falls ja, können wir es zumindest nicht wissen. Ich halte die Graphic Novel eher für den Versuch, die Debatte von der Unvorstellbarkeit des Holocaust, von Statistiken und Zahlen in den 80ern hin zu Einzelschicksalen zu lenken. Allerdings frage ich mich noch immer: Weshalb die Tiermetaphern? Verflacht das nicht die Komplexität menschlicher Verhaltensweisen? Da gibt es auch selbst so eine reflexive Stelle zu Beginn des zweiten Teils, aber das Problem wird nicht aufgelöst…

    • Och, ich finde schon, dass er ziemlich persönlich wird: Die schwierige Beziehung zu seinem Vater. Die Gefühle nach dem Tod seiner Mutter. Spiegelman meinte irgendwann auch, dass er in dem Sinne gar etwas unkreativ wäre, da er in seinen Werken stets seine Person mit einbeziehen muss. Glaube nicht, dass er sich selbst „anlügt“, sondern tatsächlich Originale wählt. Was natürlich nur Vermutungen sind, die sich an den Kommentaren des Künstlers orientieren. Bei „MetaMaus“ ist übrigens noch eine DVD beigelegt, auf der die Interviewsequenzen von Wladek zu finden sind – da könnte man sicher auch „prüfen“.

      Was die gewählten Tierdarstellungen angeht: Simpel habe ich mir es damit erklärt, dass es ein Verweis auf Hitlers Metapher sein soll, der Juden mit Ungeziefer verglich. Aber auch, dass die unterschiedlichen Gruppierungen friedlich zusammenleben können und erst im Extremzustand (Nationalsozialismus, Holocaust) ihr potentielles (gefährliches/gefährdetes) Gesicht und eine Unterscheidung durch Hierarchie, Macht, Stärke offenbaren. Die Quintessenz: Rassismus als fälschliches Konstrukt. Im Comicformat blieb für mich die Komplexität menschlicher Verhaltensweisen überwiegend ausgeblendet.

      • In dem Sinne vielleicht schon persönlich, ja. Und sicher haben die literarischen Figuren zweifellos ihre Vorbilder in der ‚wirklichen Welt‘. Ich bin nur der Ansicht, dass wir nicht über einen literarischen Text an den Menschen herankommen, der ihn geschrieben hat. Welche Gefühl er dabei hatte oder welche Gedanken bleibt uns nach wie vor verschlossen, weil der Text als Medium nur auf der Textebene (und der Ebene der Verweise) analysiert werden kann und alle darüber hinaus Spekulation ist, insbesondere, wenn es um Geisteszustände und Gefühle geht. Da geht es mir auch nicht um eine objektive ‚Wahrheit‘ oder wie immer man das nennen will, sondern nur um die Grenzen der Wahrnehmung. Und daran anschließend würde ich auch denken, dass es uns – selbst, wenn wir davon ausgehen, dass wir es können – nichts bringt, wenn wir den Autor und seine Gefühle mit einbeziehen, denn welchen Mehrwert hat diese biographische Lesart, falls wir nicht zufällig ein explizites Interesse an der Biographie Art Spiegelmans haben?

        Stimmt, gut möglich, dass es eine Anspielung auf die Terminologie der Nazis ist. Gerade in Hinblick auf das friedliche Zusammenleben finde ich die Tiermetapher aber nicht unproblematisch, denn die Konflike sind bei Spiegelman bereits in den…sagen wir mal Nationen (der Einfachheit hier auch die Juden und Jüdinnen so aufgefasst) angelegt, da jede Nation einem Tier zugeordnet wird. Und Katz und Maus ist so sinnbildlich wie nur irgendwas. Dazu Polen als Schweine, Franzosen als Frösche, US-Amerikaner als Hunde, was gewisse Stereotypen reproduziert oder zumindest mit einfachen Charakterzuschreibungen arbeitet und nur bedingt ironisch bricht, würde ich sagen. Das kann aber vielleicht auch als Zeitkritik gelesen werden, in der das Individuum seiner national oder ‚rassisch‘ zugeschriebenen Rolle nicht entkommen kann (ich denke da z.B. an das Panel, in dem man trotz der Katzenmaske bei Anja den Mäuseschwanz sieht), in der auch der/die Einzelne nichts mehr zählt.

  3. Eine schöne Rezension. Ich habe „Maus“ und „Maus II“ vor einigen Jahren gelesen. An beiden Teilen hat mich beeindruckt, wie Spiegelmann dieses Gefühl der Ohnmacht umsetzt. Die Einteilung in bestimmte Tierarten erzeugt den Eindruck der Unausweichlichkeit (Katzen jagen Mäuse, Hunde jagen Katzen), der beim Leser Abwehr hervor rufen muss. Menschen sind ja nicht ihren Jagdinstinkten unterworfen. Wie also konnte es sein, dass so viele Menschen in Europa der Judenverfolgung nicht entgegen getreten sind? Der erste Teil ist sehr aufwühlend. Der zweite Teil hat mich – auch wenn er nicht mit Preisen überhäuft wurde – mehr berührt. In „Maus II“ wird die Tragödie der Überlebenden viel deutlicher. Es wird persönlicher. Die Geschichte soll „zu Ende“ erzählt werden. Gleichzeitig erscheint dieses Ende unerreichbar, denn im zweiten Teil geht es um die permanente Präsenz des Traumas und die erfolglosen Versuche der Verdrängung. Der zweite Teil ist nicht so bekannt, daher will ich nicht zuviel vorwegnehmen, vielleicht will es ja der ein oder ander Blogger bzw. einige Bloggerinnen noch lesen.

    • Vielen Dank für deinen tollen Kommentar. Prinzipiell bin ich der Meinung, dass „Maus“ deutlich mehr rezipiert werden soll – durchaus in Schulen. Da muss sich die Pädagogik langsam etwas überlegen, denn die gängige historische Lehre langweilt nur noch. „Nicht schon wieder Adolf…“

      • Ja! „Maus“ gehört unbedingt an deutsche Schulen. Weniger weil das trockene Rezitieren historischer Materialien langweilig sein könnte, sondern vielmehr weil es in absehbarer Zukunft keine Zeitzeugen mehr geben wird, die verständlich machen können, was damals geschehen ist. Wenn ich sehe, wie viele Fernsehsender regelmäßig Dokumentationen über die Nazi-Zeit senden, wie oft Hitler und seine Schergen Thema in bestimmten großen Zeitungen sind, dann beschleicht mich das unheimlige Gefühl, dass dies nur wenig Aufklärung bedeutet und eher Abstumpfung und schlimmer noch dumpfe Mystifizierung fördert.

      • Da kann ich dir nur zustimmen. In diesem Jahr hatte ich die Möglichkeit, mit Zeitzeugen in Kontakt zu treten. Es hat mir geholfen, denn solche Überlebende haben einen ganz anderen Stellenwert, wenn sie ihre Geschichten real schildern. Da kann man sich, so viel wie man möchte, mit Literatur oder Ähnlichem zu dem Thema beschäftigen. Das hat es auf eine andere Ebene gebracht.

        Einen Artikel dazu gibt es übrigens hier zu lesen: https://muromez.wordpress.com/2013/02/13/das-nichtbegreifen-begreifen-konnen/ In der Diskussion keimten ebenfalls die Aspekte der Abstumpfung und Mystifizierung auf.

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