Tomás González – Das spröde Licht

Tomás González – Das spröde LichtMoralisch einwandfrei? Rechtlich gesehen? Die aktive Sterbehilfe lässt sich in der Bundesrepublik, der Grauzone zuordnen. Soll dem »natürlichen« Prozess der Natur Einhalt geboten werden?  Sollen leidende Menschen frühzeitig gewollt erlöst werden? Ein strittiges Unterfangen… Diesem heiklen Thema und viel mehr seinem Drumherum widmet sich der Kolumbianer Tomás González. 16 Jahre lang arbeitete er als Journalist in New York,

Der 78-jährige Maler und Schriftsteller David lebt mittlerweile zurückgezogen in Kolumbien. Einst lebte er als Immigrant mit seiner Frau und den drei Söhnen in den USA. Gepackt hat ihn die »unvermeidliche Einsamkeit des Alters«. Die Gesundheit baut ab, die Augen werden immer schlechter, sodass er sich von der geliebten Kunst verabschieden muss. Wehmütig blickt der Künstler, das lyrische Ich, in die Vergangenheit zurück, gedenkt seiner verstorbenen Frau Sara sowie dem ältesten Sohn Jacobo.

Seit damals sind so viele Jahre vergangen, dass sogar der Kummer in meinem Herzen nach und nach verdorrt ist, so wie die Feuchtigkeit aus einer Frucht entweicht, und es kommt nicht mehr oft vor, dass die Erinnerung an das, was damals geschah, mich plötzlich wieder aufwühlt, als sei es gestern gewesen, und mich zum Schlucken zwingt, um das Schluchzen zu unterdrücken. Aber es kommt noch vor, und dann droht mich der Schmerz jedes Mal zu überwältigen. Doch genauso gibt es Momente, in denen ich an meinen Sohn denke und meine Gefühle so warm sind, dass mir das Leben als etwas Ruhiges, Ewiges erscheint, und der Schmerz kommt mir wie eine Einbildung vor. (S. 25)

Jacobo hatte einen Unfall, der nicht nur sein Leben verändert. In einem Taxi wurde er von einem »Junkie« gerammt und sitzt seitdem im Rollstuhl. Der psychische Schmerz zerfrisst ihn, der Wunsch, einfach nur zu sterben, erscheint als einzig sinnvoller Ausgang. Gemeinsam mit dem Bruder reist er nach Portland, wo ein Arzt für diese Maßnahme gefunden wurde – die Familienmitglieder sind eingeweiht und begleiten ihn via Telefon auf der letzten Reise.

Ich wollte nicht, dass es Abend würde, denn dann hätte ich anerkennen müssen, dass die Zeit voranschritt, dass das Leben voranschritt mit seinen Walzen und Zahnräder, die uns gerade zermalmen. Aber nur das Licht, das nicht greifbare Licht ist ewig. (S. 75)

Verwaiste Eltern, nichts Schlimmeres kann es für Väter und Mütter geben… Eine etwas andere Konstellation kreiert Tomás González in »Das spröde Licht«. Es ist nicht der Horror, der in Panik und Schock mündet, wenn die unerwartete Nachricht überbracht wird, dass es mit dem Schützling aus ist: Der vorbereitete Protagonist David weiß, was passieren wird – es ist vielmehr das leise und innige Abschiednehmen sowie die unvermittelbare Akzeptanz, dass keine andere Lösung in Betracht kommt.

Leid ist nichts Festes, Gleichbleibendes – es ist etwas Unstetes, Fließendes, und seine Flammen, die eher blau sind als orangefarben und rot, bisweilen grässlich fahlgrün, quälen dich in deinem Inneren mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, und manchmal nehmen sie dich auch ganz ein und dann so heftig, dass du dich in einem stummen Schrei wiederfindest wie der Mensch auf der Brücke und dem berühmten Gemälde. (S. 95)

»Adios, Umarmung«, sind die letzten, kräftezehrenden Worte, die der scheidende Sohn seinem Vater übermittelt. Jacobo, schon einmal äußerlich gestorben, gibt endgültig auf.

Unermesslich groß

In seinem kleinen Roman springt Tomás González. Zum einen ist da Davids Gegenwart. Zum anderen die von ihm erzählte Geschichte Jacobos und seiner Familie. Obwohl es stets auf der Hand liegt, dass Jacobo sich bei seiner Entscheidung, dem Freitod, nicht doch anders entscheidet, habe ich stark mitgelitten. »Das spröde Licht« berührt, regt an, geht tief ins Herz – ist allerdings keineswegs voller Pathos, sondern unheimlich groß.

Der scharfsinnige Autor Tomás González, der bis vor kurzem vollkommen unbekannt und ein verborgener Schriftsteller war, zeigt, »wie ein Mensch das Leiden überwinden konnte und wieder zur Lebensfreude zurückfand«. Außerdem geht es, »um das Licht, zu dem man gelangt, wenn die Dunkelheit des Leidens überwunden ist«, erklärt González im Interview mit Faustkultur.

Am Ende legte ich das Buch trübselig und elegisch beiseite, bedrückt, aber nicht depressiv. Bedenke dank Tomás González, dass auch der tiefste Schmerz vergänglich sein kann. Vielleicht nicht unterdrückt werden, aber stärken kann. »Ich habe eigentlich ein gutes Leben gehabt. Ich habe die Kehrseite des Schmerzes kennengelernt, sein anderes Ufer, und mit Pinsel und Farbe bin ich manchmal bis an den Rand der Endlichkeit vorgedrungen. Was will ein Mensch mehr?« Und freue mich klammheimlich, dass ich mit dem Autor eine Perle aus der Unendlichkeit gefischt habe.

»Das spröde Licht« ist ein absolutes Muss, fesselnd, voller Empathie und unglaublich tief. Was nicht viele Romane schaffen, hinterlässt es zudem etwas Nachhaltiges. Tomás González brilliert – und wie.

[Buchinformationen: González, Tomás (2012): Das spröde Licht. S. Fischer Verlag. Aus dem Spanischen von Rainer Schultze-Kraft und Peter Schultze-Kraft. 176 Seiten. ISBN: 978-3-10-026605-7]

9 thoughts on “Tomás González – Das spröde Licht

    • Mir war er vorher auch komplett unbekannt – und nun muss ich mich einfach weiter mit ihm beschäftigen. Manchmal ist es unglaublich sinnvoll, einfach auf sein Gefühl zu hören und mal irgendein Buch, ohne vorher darüber gelesen zu haben, zu picken. Entsprechend findet man zueinander… 🙂

      Grüße
      Muromez

  1. Lieber Muromez,
    mir geht es wie Claudia, der Autor war mir bisher unbekannt. Mit deiner Besprechung hast du mich nun aber sehr neugierig darauf gemacht, ihn zu entdecken. Gäbe es hier bei mir doch nur nicht schon so viele ungelesene Bücher … 😉

    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,

      ein alltägliches Problem, das ich genau wie du kenne und manchmal verabscheue, dass man teilweise so viel um die Ohren hat und der Stapel nicht kleiner wird – sondern vielmehr größer. Jüngst, wollte ich mir ein internes Bibliotheksverbot aufbrummen lassen, damit ich erst meine gekauften Stücke abarbeite. Geklappt hat es nicht 😀 Stattdessen habe ich mir wieder neues Zeug ausgeliehen.

      Aber Tomás González ist es wert. Las davon, dass er so etwas wie der neue Gabriel García Márquez – sogar höher anzusiedeln wäre. Dies kann ich nur bestätigen, ohne die anderen Werke gelesen zu haben. Wie gesagt, ich habe für demnächst einen neuen Favoriten gefunden und würde mich freuen, wenn es nicht nur mir so ergehen würde 😉

      Grüße
      Muromez

  2. Pingback: Tomás González – Horacios Geschichte | Muromez

  3. Nachdem ich die „Liebesblödigkeit“ von Genanzino und „Exit Ghost“ von Roth gelesen habe, scheint mir dieses Buch genau in die Reihe zu passen und ich werde es als nächstes in Angriff nehmen. Danke für den Hinweis und einen schönen Tag von Susanne

      • Guten Morgen, ich habe das Buch inzwischen zur Hälfte gelesen und es gefällt mir sehr. Ich finde, dass Südamerikaner noch einmal einen anderen, blumigen Schreibstil besitzen, der mir auch sehr gut gefällt.
        Ich berichte weiter, wenn ich es ausgelesen habe.
        Einen schönen Tag wünscht Susanne

      • Guten Morgen Susanne, es stimmt mich froh, dass du meine Lobrede (bis jetzt) scheinbar teilen kannst. Leider kenne ich bis auf einige der bekannten Namen nicht ganz so viele Südamerikaner – was sich vielleicht durch die Frankfurter Buchmesse ändern könnte. Speziell mag ich ebenfalls die Poesie bei González. Ich hoffe, die Geschichte ist dir nicht zu traurig, zumindest mich hat sie emotional sehr berührt!

        Einen wunderbaren Tag wünsche ich zurück!

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