Dave Eggers – Ein Hologramm für den König

Dave Eggers – Ein Hologramm für den KöniSie sind dafür verantwortlich. Spekulationen von Personen, die am längeren Hebel sitzen und nur die Gegenwart betrachten. Zukunft tangiert ja keinen, nicht im Geringsten… Verantwortlich für dieses globale, böse und vielzitierte Wort »Wirtschaftskrise«. Es wird gerückt, verschoben und investiert, obwohl gar keine Mittel vorhanden sind. Wer am Ende den Kürzeren zieht? Selbstverständlich der kleine Mann in Spielzeugform. Globalisierung, Wirtschaft und Krise widmet sich ebenso Dave Eggers in »Ein Hologramm für den König«.

Die Krise verkörpert Hauptdarsteller und Businessman Alan Clay, der zu bemitleiden ist. Spinnenweben tun sich in seiner Geldbörse auf. Neben dem chronischen Pleite-Sein hat sich zudem ein Schuldenberg aufgetan. Die Zahlung der Studiengebühren seiner Tochter steht infrage. Und da kommt der vermutlich ganz große Coup des einstigen erfolgreichen Geschäftsmannes wie gerufen. Clay muss für ein amerikanisches IT-Unternehmen in Saudi-Arabien einen ganz dicken Auftrag an Land ziehen, der ihn finanziell wieder aus der Misere führen soll. Schließlich plant König Abdullah in der Wüste ein Megaprojekt aufzuziehen, eine technologisch hochentwickelte sowie moderne Stadt aus dem Sandboden zu stampfen.

Doch der vermeintliche Sechser im Lotto entpuppt sich schnell zu einem Desaster, denn selbst in Arabien bangt Clay – Fortunas Unterstützung bleibt ihm verwehrt. Der Investor lässt sich nicht blicken, kaum ein Grundstein und kein Fundament wurden bisher in der zukünftigen Wirtschaftsmetropole gelegt. Die Ungewissheit, Warterei, Kultur ohne Organisation und Hitze laugen Clay aus.

ES MUSSTE EINEN GRUND GEBEN, warum Alan hier war. Warum er hundert Meilen von Dschidda entfernt in einem Zelt war, ja, aber auch warum er hier auf Erden lebte. Sehr häufig lag der Sinn verschüttet. Sehr häufig musste ein wenig gegraben werden. Der Sinn seines Lebens war eine schwer erreichbare Wasserader zig Meter tief unter der Oberfläche, und er warf von Zeit zu Zeit einen Eimer hinunter in den Brunnen, füllte ihn, zog ihn hoch und trank aus. Aber damit kam er nicht lange aus. (S. 65)

Im Teufelskreis der Monotonie befallen, gehen die Gäule mit ihm durch. Der Zerfall beginnt. Er betrinkt sich bis zur Ohnmacht, schlitzt sich selbst auf, um in einer Selbst-OP, seiner Meinung nach, einen Tumor zu befreien.

Er hatte vorgehabt, zum Arzt zu gehen, hatte es dann aber doch nicht getan. Kein Arzt konnte so etwas operieren. Alan wollte keine Bestrahlung, wollte nicht kahlköpfig werden. Nein, der Trick war, das Ding ab und an zu betasten, auf Begleitsymptome zu achten, es noch ein bisschen mehr zu betasten und dann nichts zu tun. (S. 16)

In ständigen Rückblenden erinnert sich Clay beim Zeit totschlagen an seine Tochter, Ex-Ehefrau, einstige Erfolge und seinen Vater. Versuche, Briefe an sein Kind zu schreiben, scheitern. Doch das nicht gebraucht und vertröstet zu werden, Hoffen und Bangen macht aus Clay etwas – nach dem Zerfall folgt ein weiterer Prozess und Abschnitt. Die Rückbesinnung auf elementare Dinge, Simples, wie eine Mauer zu bauen, bekommt einen anderen Stellenwert. Nachdem er auch noch sein Geschwulst entfernen lässt, das ihm am Leben gehindert hat, und die behandelte Ärztin lieben lernt, für sich gewinnt, dreht sich alles um 180 Grad. Abwegig, ob er denn nun den Auftrag bekommt oder ein chinesisches Unternehmen, Alan Clay macht Schritte, die er sich lange nicht mehr getraut hat. Schritte, die für Veränderung stehen und ihn wie bei einer Mund-zu-Mund-Beatmung gerade so vom Ableben retten. Geld regiert die Welt – von diesem Motto verabschiedet er sich.

Fast unnachahmlich

Dave Eggers schreibt ziemlich flott. Die unkomplizierte Sprache liest sich flüssig, umgangssprachliche Aspekte stören kaum. Der US-Amerikaner widmet sich dabei so einigem. Zum einen sicherlich den kulturellen Standards in Saudi-Arabien. Das ständige Aufschieben von Dingen und diese Irgendwie-/Irgendwann-Mentalität zieht sich durch das Werk. Aber auch die Frauenrolle im zwiespältigen Land, die versucht, sich aus den radikalen Fesseln des Islams zu befreien, kommt nicht zu kurz.

Auf der anderen Seite der hadernde, einstige Fahrrad-Verkäufer Alan Clay, dessen Leben auf Messers Schneide steht. Der nicht aalglatte Aufzug des über 50-Jährigen und die Verhandlungsstrategien samt der flachen Witze aus seiner Vertreter-Zeit, die wahrlich altmodisch klingen – all das passt nicht. Früh zeichnet sich deswegen auch ab, dass Clay trotz seines Einsatzes nie das Millionen-Geschäft machen wird. Es wiederum auch niemanden interessiert, dass diese Schlappe im Einklang mit dem Zusammensturz seines Kartenhauses sein wird.

Teilweise wirken die Abenteuer von Clay allerdings auch zu arg konstruiert. So zum Beispiel die Flucht in ein Dörfchen, wo er bei einer Wolfsjagd mitmischt, die Chance sieht, das bösartige Tier zu erschießen und dann fast einen Jungen trifft. Das Tête-à-tête mit einer Skandinavierin, bei der er sexuell versagt oder eine Botschafts-Party, auf die sie ihn mitnimmt, wo eine Drogenorgie gefeiert wird.

Trotzallem, der selbstzerstörerische Charakter Alan Clays, der Amerika symbolisieren soll, wurde mit all seinen Schwächen großartig porträtiert und mit einer persönlichen Note versehen. Nicht von ungefähr wird »Ein Hologramm für den König« als eines der Highlights des Jahres ’13 gezählt. Die Fragilität der großen Weltmacht, die Angst einmal von den Asiaten abgelöst zu werden und die Schattenseiten der Globalisierung hat Dave Eggers erstaunlich festgehalten – fast unnachahmlich.

[Buchinformationen: Eggers, Dave (2013): Ein Hologramm für den König. Verlag Kiepenheuer & Witsch. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. 352 Seiten. ISBN: 978-3-462-04518-5]

6 thoughts on “Dave Eggers – Ein Hologramm für den König

  1. Wolfsjagden in Saudi-Arabien? Gibt es da Wölfe? Ich dachte, die haben dort, wenn überhaupt Wildhunde? Und wie schafft man es, sich in Saudi-Arabien zu betrinken?

    Ich habe noch ein Rezi-Exemplar hier rumliegen, bin aber jetzt ziemlich mißtrauisch.

    • Es gibt durchaus Wölfe, arabische Wölfe heißen diese. An Alkohol kommt man dort, laut dem Roman, über den Schwarzhandel. Das Geschäft floriert wohl ganz gut, sodass dort mehr als in Finnland konsumiert werden würde.

  2. Lieber Muromez,
    das klingt nach einem spannenden Leseerlebnis. Ich mag Dave Eggers eigentlich sehr gerne, vor allem „Weit gegangen“. „Zeitoun“ hat mich dagegen sehr enttäuscht. Dieses Buch liegt schon bei mir zu Hause bereit, bisher habe ich mich aber noch nicht ganz rangetraut. Nun werde ich es wohl endlich mal in die Hand nehmen! 🙂
    Liebe Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,

      ich habe von Eggers davor noch nie etwas gelesen, aber widersprüchliche Meinungen über seine Werke gehört. Das „nicht herantrauen“ kann ich nicht ganz nachvollziehen 😉 Hatte das Teil ziemlich schnell durch und es war ebenso komplett verständlich. Da gibt es wahrlich einige andere Kandidaten, an die ich mich nicht ganz trauen will.

      Liebe Grüße zurück
      Muromez

      PS: Bin auf deine Kritik gespannt 🙂

      • Lieber Muromez,

        das „nicht herantrauen“ bezog sich nicht auf die Buchdicke, sondern auf die Tatsache, dass ich von Dave Eggers eigentlich ein großer Fan bin, nach „Zeitoun“ aber etwas enttäuscht bin. Nun hoffe ich einfach, dass mich dieses Buch wieder begeistern wird … 😉 Von Eggers kann ich dir ansonsten noch, neben seinen großartigen älteren Werken, vor allem „Weit gegangen“ empfehlen, das mich begeistert hat.

        Liebe Grüße
        Mara

  3. Vier Stück Kuchen sind doch eine gute Wertung! Mir hat’s auch sehr gut gefallen, hatte aber vorher noch nichts von ihm gelesen, nur die ‚Where the wild things are‘-Verfilmung gesehen.
    -> merci für’s Verlinken.

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