Andrej Kurkow – Der Gärtner von Otschakow

Andrej Kurkow - Der Gärtner von OtschakowAlbert Einstein und andere geniale Köpfe haben sie (noch) nicht geknackt – die Formel, die uns Zeitreisen ermöglicht. In der Fiktion ist das allerdings kein ernstzunehmendes Problem; Marty McFly und Konsorten sprangen schon zwischen den Spannen. Und auch der Protagonist in »Der Gärtner von Otschakow« im Roman des Multitalents und Ukrainers Andrej Kurkows darf sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart bewegen.

Igor ist das, was man einen faulen Sack nennt. Lebt in der Blütezeit seines Lebens bei Mutti und von ihrer Rente. Schert sich nicht um Arbeit. Denkt kurzfristig. Bewegt sich kaum. Mit der Einstellung des plötzlich auftauchenden Gärtners Stepan, der sich um das Grundstück kümmern soll und nebenan im Schuppen wohnt, ändert sich einiges. In Stepans Haut wurde eine Tätowierung eingraviert, von der er selbst nicht weiß, für was diese steht. Dank eines Freundes entziffert Igor das Geheimnis, das auf die Stadt am Schwarzen Meer Otschakow hinweist. Dort machen Igor und Stepan sich auf die Suche und werden bald fündig. Ergattern Diebesgut und Habseligkeiten, die irgendwer irgendwann für Stepan zurücklegte.

Nach diesem kleinen Abenteuer bricht wieder der langweilige Alltag für Igor heran. Er betrinkt sich sinnlos. Zieht sich eine in Otschakow aufgetriebene Milizuniform an und geht damit aus dem Haus, um unvorbereitet ins sowjetische Otschakow des Jahres 1957 aufzutauchen. Immer wieder flüchtet er nach dieser Erfahrung in die Parallelwelt, wo er sich in eine rothaarige Verkäuferin verliebt, die er sogar bei seinem Besuch im Otschakow der Gegenwart als ältere Frau kennenlernen durfte und findet Gefallen an den Ausflügen.

Da dachte er an jenes Parallel-Otschakow und seine Bewohner. Ja, dort war ihm das Adrenalin in den Kopf geschossen! Dort war Leben, obwohl auch dort der Herbst begann. Aber hier?! (S. 124)

Aber vor allem sah er in den Augen der Leute einen besonderen, fast fröhlichen Glanz, einen Lebenseifer, den er weder in Kiew noch in Irpen jemals bemerkt hatte. (S. 143)

Ein Gleichgewicht zwischen den beiden Szenarien herzustellen, gelingt ihm nicht mehr, denn im Früher ist er erfolgreicher und angesehener als im Heute. Erst als er fast ermordet wird und Rache üben muss, begreift er, dass auch dort Bedrohungen und Gefahren lauern, die anders in Erscheinung treten als in der richtigen Heimat.

Besserer Kurkow

Zugegeben, strotzt die Idee mit der Zeitreise nicht gerade von Innovation, doch wer einmal Andrej Kurkow gelesen hat, wird wissen, dass er sich nicht stringent auf ein Genre – in diesem Fall Abenteuer – fixiert, sondern Unerwartetes zusammenschließt. In »Der Gärtner von Otschakow« vereint er Abenteuer, Krimi, Heimatroman, Fantasy in einem – und schaut dabei wie immer auf den aktuellen Stand der Ukraine: Kriminalität, Rachedelikte, Alkoholprobleme, Macht- und Muskelspiele etc. Im Übrigen Tatsachen, die sich nicht grob von den 50ern unterscheiden…ein Stillstand?

Zur seiner Intention sagte Kurkow der Interview-Lounge, dass er das Leben und die Gefühle des sowjetischen und ukrainischen Otschakow vergleichen wollte. Für mich fraglich, welchen Wink er mit dem Zaunpfahl bei der Flucht in die Vergangenheit neben dem Vergleich genau aufzeigen wollte. Identitätsfindung? Das stets das »Sowjetische« irgendwo noch verankert ist? Das Jahr 1957 habe er auserkoren, weil es das beste und interessanteste Jahr der Chruschtschow-Ära gewesen sei. Darüber hinaus wolle er aufzeigen, dass die Geschichte Ukraines nicht einfach beiseite geschafft werden kann – es trotz der Unabhängigkeit einst der Sowjetunion angehörte.

Andrej Kurkow gehört zu meinen favorisierten Schriftstellern. Postsowjetische Themen verknüpft mit der kurkowschen Priese Humor – das hat was sehr Eigenes und Singuläres. Doch auch nicht alles, was bisher aus seiner Feder kam, konnte ich ausnahmslos feiern. Neben den kleinen Meisterstücken »Picknick auf dem Eis« und »Ein Freund des Verblichenen« enttäuschte mich auf der anderen Seite »Der Milchmann in der Nacht« oder »Petrowitsch«. »Der Gärtner von Otschakow« reiht sich dagegen deutlich bei den besseren Werken des Kiewers ein.

Der gewiefte Andrej Kurkow versteht es, eine unkonventionelle Story zu präsentieren, in der die Figuren mit all ihren Schwächen greifbar sind. »Der Gärtner von Otschakow« – mal wieder ein Ausreißer von Kurkow nach oben. Bitte mehr davon!

[Buchinformationen: Kurkow, Andrej (2012): Der Gärtner von Otschakow. Diogenes Verlag. Aus dem Russischen von Sabine Grebing. 352 Seiten. ISBN 978-3-257-06814-6]

2 thoughts on “Andrej Kurkow – Der Gärtner von Otschakow

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