Das Nichtbegreifen begreifen können

AuschwitzDer Boden ist durchtränkt. Von Blut. Die Sonne scheint durch die Blöcke. Dort, wo das einstige Schrecken wütete, Leid und Tod Alltag waren, wird dank des Naturschauspiels merkwürdigerweise ein Hauch von Idylle verbreitet. Dieser Ort beeinflusst mich nicht. Ich empfinde nichts, stattdessen erschreckende Gleichgültigkeit. Ich schäme mich, bin sauer, verbittert. Bin nicht mit mir im Reinen. Ermahne mich. Aber es regt sich nichts. Es mag makaber klingen, aber Auschwitz gleicht dem Besuch eines x-beliebigen Museums. Fehlt mir die Auffassungsgabe? Fehlt mir Sensibilität? Warum diese Eisblock-Immunität?

Weniger vorbereitet, bin ich bereits vor einigen Jahren hier gewesen. Anders als diesmal, die Kälte erscheint fast unerträglich, knallte die Sonne im Hochsommer. Wir spazierten durch Auschwitz und spazierten tatsächlich nur hindurch. Schüttelten ab und zu den Kopf, aber »schrecklich« hieß irgendwie was anderes. Wir fuhren wieder, mussten davor allerdings noch eine Parkgebühr bezahlen. Ob es sich lohne nach Auschwitz-Birkenau zu fahren, fragten wir den Parkwächter. »Nur ein paar Baracken sonst nichts.« Er öffnete die Schranke, das Rückgeld vergaß er gekonnt. Unsere Aufforderung, die Moneten, und die anschließende Aussage »was seid ihr für geizige Juden?«, mehr als das – dass Antisemitismus stets ein trauriges Dasein genießt, ausgerechnet an dieser Stelle  –  nahm ich von dem Besuch der Gedenkstätte nicht mit.

Die intensivere Auseinandersetzung soll mir nun helfen. Bücher, Filme, Reportagen. Ich sauge vieles auf. Sie hilft nicht! Die Vorstellungskraft reicht nicht aus. Mir fehlen Gesichter. Gesichter mit ihren Geschichten dahinter. Im Todestrakt und in anderen Gebäuden sind sie auf Fotografien zu sehen. Reihe an Reihe hängen dort Fotos ehemaliger Häftlinge, sie schauen dich beim vorbeigehen an. Die ersten Insassen wurden damals noch abgelichtet. Später erschien das zu aufwändig, zu teuer – ihnen wurden Nummern unter die Haut geritzt, das sollte zur Unterscheidung genügen.

Das personifizierte Auschwitz

IMG_20130211_150352Abraham Feller guckt mit einem Ausdruck, als ob er wenige Sekunden später seine letzen Atemzüge nimmt. Die Augen des polnischen Juden und Schuhmachers, der lediglich drei Tage im Lager überlebte, sind weit geöffnet, wirken krank und glasig. Keine Zuversicht, kein Glaube, kein Optimismus – das personifizierte Auschwitz. Der Nächste, Aron Löwi, Jude, Kaufmann, hat ein ordentliches Veilchen unter seinem linken Auge, wirkt abgemagert und misshandelt. Lebenszeit: fünf Tage.

Anders kommt die Aufnahme von Ryszard Tafil daher. Er scheint zu lächeln, wirkt stolz. Die Mimik erinnert mich an Portraits, die man von Männern kennt, aus ihrer Soldatenzeit stammend. Sie verkörpern darauf Stolz, Jugend- und Tugendhaftigkeit wie Tafil eben. Ob er wohl ahnte, worein er geraten war? Dass er nicht mal zwei Wochen durchhalten würde? Sein Konterfei passt nicht. Jedoch bemerke ich, dass jüdische Gesichter deutlich malträtierter aussehen als nichtjüdische. Wunden, Blessuren, Blutergüsse. Bemerke ebenfalls, dass es nur Opfer zu betrachten gibt, keine Täter.

Ich sehe, wie andere Touristen durch die Stätte jagen. Schauen sich die Ausstellungen innerhalb der Blocks kurz an und ziehen dann weiter. Schießen ihr obligatorisches Bild bei dem Schriftzug »Arbeit macht frei«. Von der Gaskammer, dem Krematorium. Schnelllebigkeit. Abhacken. Weiterziehen. Übrigens gäbe es wohl auch renommierIMG_20130211_142406te Politiker, die es genauso tun, wie mir der Museumsdirektor Dr. Piotr M.A. Cywiński erzählt. Ganze 20 Minuten nahm sich da jemand, dessen Name er nicht verraten wollte, für den Besuch.

Unser Guide scheint Historiker zu sein. Eine angenehme Stimme versucht das maximale Input zu vermitteln. Es gelingt. Die Informationen fasse ich auf. Das Ganze nachzuempfinden, schaffe ich trotzdem nicht. Nur warum nicht? »Hört auf die Stimme der Seelen«, fordert Dr. Manfred Deselaers auf. Ich höre nichts. Nur der positive Gedanke, dass so etwas nie wieder passieren darf, verstärkt sich. Der Blick auf die Statistik und die Zahlen der Opfer, über eine Million, reicht. Richtig. Das größte und authentischste Symbol der Vernichtung, wie es der Pressesprecher der Auschwitz-Foundation, Paweł Sawicki nennt, erscheint mir nicht authentisch genug. Erneut steigt Frustration auf. Ich fühle nichts. Ungerührtheit. Eine etwas andere Dimension erreicht es, als mich mehrere Zeitzeugen durch Auschwitz-Birkenau begleiten und ich mit ihnen sprechen darf.

Frieden, Freiheit, Freundschaft.

IMG_20130211_153736Jacek Zieliniewicz ist sein fortgeschrittenes Alter anzusehen. Mit einer dünnen Jacke, ohne Schal, dafür mit einem sicheren Gang, dessen Tempo er immer wieder anzieht, begibt er sich an den Ort, an den er 1943 für mehr als ein Jahr deportiert war. Ich komme kaum hinterher. Wind und Schnee machen ihm nichts, die Kälte weht ihm ins Gesicht. Er steht vor der Baracke Nummer sieben und deutet darauf. »Das war meine.«

Dort musste er ansehen, wie Menschen misshandelt wurden. Von dort aus sah er die Massen an Neuankömmlingen, die selektiert wurden. Ein Daumenzeig des Lagerarztes, entweder links oder rechts, entschied über Arbeitslager oder Gaskammer. Der 86-jährige Pole verweist dann aber auf die Gegenwart. Frieden, Freiheit, Freundschaft. Nichts anderes wünsche er sich sehnlicher.

MKW_Logo_SW»Birkenau ist für mich ein Ort der Meditation und Besinnung«, erklärt mir Wolfgang Gerstner, Geschäftsführer des Maximilian-Kolbe-Werks, das mir die Teilnahme an dem Projekt »Internationale Begegnung, Nahaufnahme – Damit die Erinnerung überlebt« ermöglichte. Seine Aussage klingt ein wenig bizarr. Während ich einige Minuten für mich alleine bin, kann ich sie dann allerdings nachempfinden. In Auschwitz I tummeln sich Touristen. Das weitaus größere Vernichtungslager Auschwitz II ist leerer, einsamer. Nur einige bellende Hunde sind im Hintergrund zu hören, ansonsten Stille. Optimal geeignet, sein inneres Gleichgewicht herzustellen, um in sich zu kehren. Recht hat er.

»O«-Trauma

»Mich zieht es an, mit Schülern aus der neunten Klasse zu sprechen. Wenn ich ihnen von meiner Geschichte erzähle, sehe ich mich gleichzeitig, vor dem Pult sitzen. Wie sie war ich voller Romantik, habe viel gelesen – die Literatur hat uns gedeihen lassen, wir schmiedeten Zukunftspläne. Und ich erhoffe mir sehr, dass bei diesen Kindern IMG_3904alles in Erfüllung geht, was sie sich vornehmen«, beginnt die 87-jährige Ukrainerin, Anastasia Gulej, ihre Erzählung mit leicht zittriger Stimme. Neun Klassen durchlief sie damals, dann beginnt die Okkupation. Gezwungen wird sie, in ein Arbeitslager zu ziehen, falls sie sich anders entscheide, bringe man ihre Mutter um, so die Drohung. Sie gelangt ins KZ Stettin-Bredow, flüchtet von dort, wird kurz vor der Grenze aufgefunden und nachts nach Auschwitz verfrachtet. Desinfiziert, das Hab und Gut entnommen, die schönen Zöpfe entfernt – orientierungslos stellt Anastasia Gulej anderen Häftlingen die Frage, wo sie sich denn gerade befände. »Ihr werdet schon bald sehen«, antworten diese.

Egal, wo Anastasia Gulej der Buchstabe »O« heute begegnet – er verbindet sie mit dem dunkelsten Kapitel: Oświęcim. Zwei Jahre ihres Lebens, von 1943 bis 1945, hat das KZ Auschwitz-Birkenau ihr geraubt. Gezeichnet hat es sie aber für immer. Sie hatte sich schon aufgegeben, mit ihrem Schicksal, dem Tod, abgeschlossen. Lediglich die anderen – ihre Gedanken waren bei ihnen. Die Menge an friedlichen Menschen, die unschuldig in Scharen in Richtung Wald und »Dusche« getrieben wurden. Jungen, die Bälle in die Luft warfen. Mädchen, die ihre Puppen eng umklammerten. Nur für sie habe sie Mitleid empfunden. »Dass meine Häftlingsnummer bald an der Reihe sein würde, war für mich beschlossen«, erklärt die 87-jährige Ukrainerin. Eine Tätowierung der Zahlenkombination 61396 trägt sie auf dem linken Arm, stellvertretend für die Ausradierung ihrer Identität im KZ.

Dann steht Anastasia Gulej in einem Wachturm. Unterhalb von ihr ist das Tor zur Hölle, das als Symbol der Vernichtung weltweit bekannt wurde. Anastasia Gulej sammelt sich. »Wir haben es überlebt, wir haben den KZ-Kommandanten Rudolf Höss überlebt. Er ist tot, wir dagegen sind am Leben geblieben«, bemerkt sie lächelnd, stolz zugleich – und schaut herunter auf das große, verlassene Areal der Grausamkeit.

»Ich war so müde, dass ich nur noch sterben wollte.«

Sofort laufen die Tränen über die Wangen von Ksenia Olkhova, die damals noch Krystyna Zienkiewicz heißt. Warschau, das zerbombt und eingenommen wird, überlebt sie, wird dann mit ihrer Schwester abtransportiert. »Das war ein ordentlicher Tritt. Mein Rücken war komplett blau«, sagt sie. Während eines Halts, rutscht sie ab, weil die schwachen Beine sie nicht tragen. Der Offizier, der ihr mit seinem Stiefel einen Stoss gibt, will ihr die Freiheit schenken, wohlwissend wohin die Reise der Menschen gehen wird – doch das habe sie erst später verstanden, als sie größer war, erklärt die IMG_20130211_14345283-Jährige.

»Die Luft, die dort stand, sie war süßlich und undefinierbar. Ich war so müde, dass ich nur noch sterben wollte. Behandelt wurden wir wie Tiere nicht wie Menschen«, schilderte die heutige Moskauerin ihre Begegnung mit Auschwitz. Am Leben seien sie und andere Kinder nur geblieben, weil man ihr unreines Blut brauchte.

Dann wird Ksenia Olkhova samt ihrer Schwester Ludwika, nachdem die Rote Armee einzieht, in einem Zug gen Osten gebracht und ausgesetzt. »Alle schreien, weinen und schießen. Etwa schon wieder Krieg?« Eine Frau spürt die verängstigten Kinder auf: »Was sitzt ihr so zusammengekümmert? Wir feiern doch den Sieg!« Krystyna ist Vergangenheit, einen solchen Name gäbe es dort nicht, Ksenia der neue Name.

Kleine Abweichung, großer Zufall

»Fast 70 Jahre später treffen wir uns hier und bemerken etwas…«, sagt Zachar Tarassiewitsch, ein Weißrusse aus der Stadt Grodno, der mit seinem Enkel extra zu den Feierlichkeiten des Jahrestags der Befreiung angereist ist. Ihm gegenüber sitzt ein Mann, dessen Häftlingsnummer, gerade einmal zehn Zahlen von seiner abweicht. Der Tisch ist gedeckt, Sakuski, IMG_20130211_142230Schwarzbrot, Käse, Butter, Wurst, und natürlich eine Flasche Vodka. Weißrussland habe keine Rohstoffe, deswegen lege man Wert auf die Qualität der Lebensmittel, preist er seine Speisen an, die tatsächlich wundervoll munden.

»Wir haben festgestellt, dass wir mit dem gleichen Transport nach Auschwitz gekommen sind, dass wir wohl nebeneinander gelebt haben müssten – gekannt haben wir uns bis heute allerdings nicht«, beschreibt er diesen unglaublichen Zufall. Wir trinken darauf und wieder schätze ich diese Barmherzigkeit der ehemaligen Häftlinge, die mit Anekdoten um sich werfen, ihr Leben in Freiheit genießen und nicht um jeden Preis versuchen, nur nach hinten zu schauen.

Prozess der Erkenntnis

Viele, die durch den Schnee stampfen, eingefrorene Füße, Hände, einen laufenden, roten Kolben haben, stellen sich vor, dass sie es nicht überlebt hätten. In Holzschuhen, halbnackt lediglich in Stofffetzen bei stundenlangen Apellen zu stehen. Ich halte diese Versuche der Vorstellung für falsch. Es ist abwegig, sich in diese Zeit hineinzuversetzen, alles auf sich selbst zu übertragen und vergleichen. Sinnlos, weil wir es eins zu eins sowieso nicht nachempfinden können. Verkehrt, weil es ganz andere Grade erreicht – es nicht mal in Alpträumen auftaucht.IMG_20130211_142023

Nach den Gesprächen mit den Zeitzeugen bleibt ein dicker Kloß im Hals stecken. Ich bewundere diese gutmütigen Menschen. Sie sind wahre Helden. Durch diesen Kontakt schaffe ich es endgültig: meinen Gefühlen freien Lauf zu gewähren. Am liebsten würde ich sie umarmen, trösten. Sie werden mich mit ihren Erzählungen begleiten – für immer.

Als alles irgendwann vorbei ist, ziehe ich langsam an meiner Zigarette. Atme den Rauch in die pechschwarze Nacht aus. Reflektiere. Lerne. Verstehe. Es arbeitet. Begreife das Nichtbegreifen. Irgendwie. Wie genau, weiß ich Tage später nicht. Ein Prozess der Erkenntnis, der keine Erklärung vorsieht. Der Stein fällt vom Herzen, die Last fällt ab. Meine Seele ist rein gewaschen…

10 thoughts on “Das Nichtbegreifen begreifen können

  1. Ein wirklich toller Artikel! Ich habe bisher bloß im schulischen Kontext ein ehemalges KZ besucht. Nicht Auschwitz, sondern Buchenwald. Viel ist mir nicht im Gedächtnis geblieben, Bilder von Leichenbergen allenfalls und Schmierereien von Jugendlichen, die mich für den Moment fast mehr getroffen haben als alles, was ich da sehen konnte. Sowas wie: ‚Hitler hatte Recht.‘ Und ich frage mich, in welchen abstrusen Stadien der Verblendung man sowas an irgendeine Mauer dieser Gedenkstätte schreiben kann. Sei es auch nur aus Gründen banaler Provokation, derlei wäre mir selbst zu Hochzeiten der Pubertät nicht im Traum eingefallen.

    Ich glaube ja, dass dieses Nichtbegreifen auch eine Sache der Übersättigung ist. Die schrecklichen Bilder werden uns ja schon in der Schulzeit injiziert. Bereits in der achten oder neunten Klasse habe ich mir im Geschichtsunterricht Videos von der Befreiung Auschwitz‘ ansehen müssen. Leichen über Leichen, Berge von Schuhen, Gold aus den Zähnen, Haaren. Hervorstehende Rippen, ausgemergelte Gesichter. Irgendwann stumpft man ab. Damals ist mir noch schlecht geworden, heute würde es mich vermutlich nicht berühren. Nicht etwa, weil es nicht schrecklich ist, sondern weil es so emotionslos omnipräsent ist.

    Insofern hast du schon völlig Recht mit dem Artikel – auf die Menschen kommt es an, die Schicksale. Das kann wieder einen neuen Zugang gewähren, es greifbarer machen. Mir hat es irgendwie „geholfen“, in der Auseinandersetzung mit dem, was sich eigentlich schwer in Worte fassen lässt, historische Kontexte einzubeziehen. Wie ist es eigentlich soweit gekommen? Welche lineare Entwicklung gibt es dahin? Mir hat es geholfen, das Ganze nicht als das außerirdisch Böse zu sehen, das plötzlich und unerwartet über die Menschen kam. Jedem hilft etwas anderes. Ich hätte meine Großeltern gern mehr gefragt, aber sie sind zur Beantwortung etwaiger Fragen nicht mehr in der Lage, – als sie es noch waren, wurde nie darüber gesprochen. Das würde vermutlich wesentlich mehr nützen als dreißig Hitlerdokumentationen mit gruseliger Musikuntermalung.

    • In Buchenwald war ich genau wie du auch damals mit der Schule. Und ebenso erinnere ich mich an diese Schmierereien u.a. im Gästebuch. Übrigens eine vergleichbare ähnliche Geschichte, die von Negativität geprägt ist wie die vom Parkwächter. Blicke ich heute auf die Aktionen von Buchenwald zurück, entschuldige ich das mit Infantilismus bzw. den Coolen, etwas unüberlegt Verbotenes zu tun, den Klassenclown zu mimen. Es spricht sie allerdings nicht nur ihr ahnungsloses Alter frei, aber gescheite Aufklärung wurde scheinbar nicht betrieben. Viel drastischer, finde ich, dass sich nach wie vor Holocaustleugner, Hitlerbefürworter usw. tummeln – ein Blick auf gängige Videoplattformen reicht.

      Ja, die Übersättigung… Ich war in Auschwitz mit einer Gruppe junger Journalisten und diese Frage mussten sich viele von uns stellen, wie man das übersättigte Volk, das stets die volle Dröhnung der deutschen, dunklen Geschichte mit einer Latte vor dem Kopf bekommt – immer wieder – vielleicht doch für das Thema gewinnen kann. Recht schwierig! Da es doch schier unendlich Mal medial aufgearbeitet wurde. Andererseits, wie würde man damit umgehen, wenn es nicht omnipräsent wäre, mal nur so nebenbei erwähnt werden würde? Diesen Weg halte ich zumindest ebenso nicht für richtig. Ob die zahlreichen schlechten Guido Knopp-Hitlerdokus journalistisch und historisch sinnvoll sind, steht auf einem anderen Stern. Sie erreichen zumindest die breite Masse und können sensibilisieren. Eher tendiere ich zu Claude Lanzmann und „Shoah“, der den Fokus auf die Opfer legte – nebenbei erwähnt sehr empfehlenswert!

      Du und ich wissen davon, aber jeder fünfte Erwachsene unter 30 weiß nicht, was Auschwitz ist. Scheinbar doch nicht so überdrüssig, wenn man die erschreckende Statistik einbezieht. Oder? Letztens habe ich noch was Interessantes von einer Zeitzeugin gelesen, die die Erinnerungskultur so einschätzt:

      Wie präsent wird der Genozid an den europäischen Juden im kollektiven Gedächtnis bleiben?

      Ich denke, es wird sich so ähnlich verhalten wie mit dem Ersten Weltkrieg. So wie meine Generation davon von den Eltern erzählt bekam, so werden auch die Schrecken des Zweiten Weltkrieges weitergegeben. Aber das Interesse und das Wissen werden deutlich nachlassen. Ich persönlich mache mir keine Illusionen.

      Was die Pädagogik angeht, wenn ich reflektiere, wurde dieses Thema bei mir damals viel zu trocken angegangen. Ein asbacher Lehrplan, der kaum Motivation verspürte… Erst später auf eigenem Wunsch, beschäftigte ich mich damit ausführlicher autodidaktisch. Wie die neue Generation an Paukern das vermitteln will, weiß ich allerdings nicht.

      Zu den Zeitzeugen: Leider sterben diese ja langsam aus, deswegen wird es zukünftig nicht mehr vielen wie mir helfen können. Kunst, Literatur, und allgemein die Medien dienen zur Archivierung und machen damit die Zeitzeugen unvergänglich. Womit wir dann wieder bei der Übersättigung wären – die, da bleibe ich bei, ihr Dasein haben sollte, auch wenn sie dann doch manchmal leidig wird.

  2. Ein sehr gelungener und kluger Artikel. Deine Sichtweise – die Offenheit, mit der du von deiner anfänglichen Gleichgültigkeit sprichst – ist beeindruckend, deine Teilnahme an diesem Projekt mutig. Damit forderst du dich selbst heraus, lernst besondere Menschen kennen, und lerbst dabei etwas über dich selbst. Danke, dass du uns daran teilhaben lässt.

    • Freut mich, dass es Gefallen findet und ebenfalls vielen Dank! Es war für mich tatsächlich eines der intensivsten, einzigartigsten und wertvollsten Erlebnisse. Zwischenzeitlich ging es dann doch extrem an die Substanz. Bald steht noch der Besuch im KZ Ravensbrück an, worauf ich schon gespannt bin.

  3. Danke für diesen berührenden und gelungenen Artikel. Chapeau! In der Schulzeit habe ich kein KZ besucht, ich erinnere mich aber noch gut an eine Lesung von Ruth Klüger aus dem vergangenen Jahr, in der sie deutlich machte, dass sie solchen erzwungenen Schulbesuchen kritisch gegenübersteht. Ich habe seit jeher dennoch ein großes Interesse an dieser Thematik. Vor einiger Zeit habe ich die Biographie von Claude Lanzmann gelesen, der sich zeit seines Lebens dem Holocaust gewidmet hat. Genauso beeindruckend empfand ich die Lektüre von „Bloodlands“ und dem Buch von Daniel Mendelsohn. Im Moment lese ich „Wer wir sind“, ein Buch über die Deutschen im Widerstand – eine sehr anstrengende doch gleichermaßen beeindruckende Lektüre.
    Dein Artikel ist beeindruckend, dafür möchte ich dir danken. 🙂

    • Kannst du was von Ruth Klüger empfehlen? Hab mich noch nie mit ihr beschäftigt! Ebenfalls nicht mit Mendelsohns „Die Verlorenen“… Schau dir unbedingt bei größerem Interesse die Lanzmann Doku an (es oben bereits in einem Kommentar erwähnt), auf die, soweit ich richtig informiert bin, auch die Bio beruht.

      „Erzwungene Schulbesuche“… damals musste sich eine Mitschülerin direkt vor dem KZ Buchenwald übergeben – symbolisch was sie davon hielt – jedoch mehr dem Alkoholkonsum des vorigen Abends geschuldet.

      Während wir in Auschwitz waren, besuchte die NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann die Stätte mit einigen Schulklassen und sprach hinterher mit ihnen darüber. Zufällig war eine Klasse in der gleichen Unterkunft wie wir untergebracht und wirkte auf mich, noch nicht reif genug für das Thema. Die pubertären Absichten einer Klassenfahrt (aus Schülersicht) sind mehr mit „Hörner abstoßen“ verbunden, als sich mit dergleichen beschäftigen zu müssen, deswegen könnte Klüger Recht haben. Vor allem einhergehend sich die Schüler einem Zwang ausgesetzt sind!

      • Ich habe von Ruth Klüger „weiter leben“ gelesen, was mich sehr begeistert hat – ich kann es dir nur empfehlen. Im vergangenen Jahr habe ich sie live erleben dürfen und war unheimlich beeindruckt von ihr. Im Regal habe ich noch „unterwegs verloren“ stehen, habe es aber noch nicht gelesen. In „Die Verlorenen“ erforscht Daniel Mendelsohn die Vergangenheit seiner eigenen Familie: er reist mit dem Leser nach Wien, Prag, Australien, Israel, Kopenhagen und auch nach Bolechow, wo er auf ehemalige Bewohner und Überlebende trifft und die Vergangenheit der „Verlorenen“ wieder in die Gegenwart zurückholt. Ein unheimlich spannendes und aufwühlendes Buch. Danke auch noch mal für den Hinweis auf die Lanzman-Doku, die ich schon so lange sehen möchte.

        Ich zitiere zu deinen anderen Ausführungen Ruth Klüger aus meinem Lesungsbericht:

        „In dieser abschließenden Diskussion wird Ruth Klügers Abneigung gegen Gedenkstätten deutlich, sie spricht von Verkitschung und Konzentrationslager-Sentimentalität, über Schulklassen, die in ein KZ gezwungen werden, “schrecklich schrecklich” rufen und danach an die Würstchenbude rennen, um sich etwas zu essen zu kaufen.“

        http://buzzaldrins.wordpress.com/2012/06/19/literatur-gehort-zum-mobiliar-in-meinem-kopf-lesung-mit-ruth-kluger/

  4. Übrigens neben dem hier erwähnten Claude Lanzmann sollte man sich ebenso mal Filme von Loretta Walz – besonders „Die Frauen von Ravensbrück“, für den sie den Adolf-Grimme-Preis bekam – anschauen. Hatte die Möglichkeit sie kennenzulernen. Eine wunderbar sympathische Frau und Künstlerin, die es sich ähnlich wie Lanzmann fast zur Lebensaufgabe gemacht hat, über dieses Thema zu drehen. Gibt auch ein Buch von ihr „Und dann kommst Du dahin an einem schönen Sommertag: Die Frauen von Ravensbrück.“, das ich irgendwann mal in die Hand nehmen werde.

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