Serhij Zhadan – Internat

Jemand begibt sich in Lebensgefahr, gerät bei der Suche zwischen die Fronten und versucht, einen vermissten Menschen zu retten. Dieses Szenario haben zahlreiche Bücher und Filme bereits ausführlich behandelt, es ist keineswegs neu. Obwohl der Plot nicht von Kreativität strotzt, hat der präsente Ukrainer, Serhij Zhadan, ein wichtiges Buch verfasst, das die Absurdität im Krieg seiner Heimat nicht besser verdeutlichen könnte.

Gleich mehrmals musste ich diese Stelle lesen: Ein junger Bursche steht mit einer Kalaschnikow am Tresen. Vielleicht hat er einen im Tee, vielleicht ist er zu müde oder einfach nicht der Hellste. Er bestellt zwei Drinks, kramt in seiner Hosentasche nach Geld und befördert eine Handgranate hervor. Diese legt er auf den Tisch und bemerkt nicht, wie sie sich in Bewegung setzt. Sie rollt über die Theke … rollt und rollt – und fällt zu Boden.

Zhadan konfrontiert seine Leser immer wieder mit solchen urkomischen, wenn auch tragischen Situationen. Der Krieg in einer Stadt im Donbass tobt und doch passieren die Gefechte eher im Hintergrund.  Als ein schluderiger Lehrer namens Pascha aufbricht, um seinen Neffen aus dem Internat zurück nach Hause zu bringen, begegnen ihm knatternde Maschinengewehrsalven, Soldaten mit Blut an den Stiefeln und zerbombte Gebäude. Zwischen den Linien pfeift es überfall – die Hölle auf Erden.

Wer sind die Guten, wer die Bösen? Pascha positioniert sich nicht, ihm sind Politik und die Konfliktparteien, die ganzen Separatisten, Milizen und ukrainischen Streitkräfte herzlich wurscht. Am liebsten würde er einfach nur unterrichten wie vor anderthalb Jahren, bevor Soldaten seine Schule eingenommen haben.  Pascha verändert sich aber zwangsläufig bei seiner Odyssee im Kriegsgebiet – wie andere Menschen und die Stadt. Sein Beruf dient ihm als Türöffner und Lebensversicherung, für die es allerdings keine Garantie gibt.

Im Buch davor (»Mesopotamien« 2015) hat sich Zhadan noch nicht mit dem Ukraine-Krieg beschäftigt, weil er da noch richtig ausgebrochen ist. In »Internat« dagegen, ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2018 in der Kategorie Übersetzung, steht der (vergessene) Konflikt im absoluten Mittelpunkt, den Zhadan zuweilen mit poetischen Bildern betrachtet.

Dem Ukrainer gelingt es wie keinem zuvor, die Gesellschaft im Wandel und die Ausmaße der Katastrophe im Donezbecken zu unterstreichen. Das Vertrauen der Menschen zueinander nimmt ab. Was sie eint:  der Wunsch nach Frieden und zu überleben – egal, ob nun die russische oder ukrainische Flagge weht.

[Buchinformationen: Zhadan, Serhij (März 2018): Internat. Suhrkamp Verlag. Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. 300 Seiten. ISBN: 978-3-518-42805-4]

4 thoughts on “Serhij Zhadan – Internat

  1. Ich habe es auch gerade gelesen. Ich bin froh, diesen Autor aufgrund des Preises entdeckt zu haben. Es ist ein Roman der starke Sprache mit einem furchtbaren Thema vereint. Ich war entsetzt und frage mich einmal mehr, wie man wegen ein paar Handbreit Land solch entsetzliche menschenverachtende Kriege führen kann. Meine Besprechung kommt bald.
    Viele Grüße!

  2. Pingback: Wer soll das alles lesen? – Frühjahrsvorschau 2018 | Muromez

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