Mareike Fallwickl – Dunkelgrün fast schwarz

Die Autorin dieses Debüts ging mir auf den Senkel, als ich sie kennenlernte. Ich erinnere mich noch deutlich: Auf der Frankfurter Buchmesse begegneten wir uns 2016 das erste Mal und irgendwie hat sie mich mit ihrer direkten und kecken Art überfordert. Ich brauchte paar Minuten – und drei Bier, bis ich mit ihr warm werden konnte. Dann ging’s bergauf mit uns, wir unterhielten uns intensiver über ihren Roman, an dem sie arbeitete, die Unterschrift bei einer Agentur und Ambitionen.

Anderthalb Jahre später ist dieser Roman draußen und überall Thema in den sozialen Netzwerken – der Verlag hat clever gearbeitet: ansehnliches Cover, nettes Autorenfoto, ordentlich Werbung, auch weil viele Internetmenschen (wie ich) lange vor der Veröffentlichung ausreichend versorgt wurden. Wie sieht’s mit dem Inhalt aus? Nun, da gibt’s ein Problem, nicht zum ersten Mal. In meinen Regalen stehen einige Werke von Leuten, denen ich mal auf diversen Veranstaltungen begegnet bin, mit denen ich mich nett unterhalten habe und die mir ihre Arbeiten im Anschluss schickten. Irgendwie mache ich einen Bogen um diese Bücher, weil ich vielleicht befürchte, dass ich diese Menschen verletze, wenn ihr Werk mir nicht gefällt und ich darüber schreibe. In gewissen Kreisen sieht man sich zweimal, es ist die Nähe im Kulturbetrieb. Wie gehe ich also unparteiisch mit diesem Buch um?

Eigentlich brauche ich gar nicht auszublenden, dass wir uns kennen – eine Marginalie, weil es sich so oder so um ein richtiges gutes Buch handelt. Nach den ersten hundert Seiten hätte ich meinen Hintern drauf verwetten können, dass dieses Stück ein heißer Kandidat für den Buchpreis sein könnte. Wegen diesen Passagen: »Das Sehnen ist stark, und wenn Jo einschläft […], kann es sein, dass das Sehnen sie würgt. Es setzt sich auf ihren Hals, unterhalb des Kehlkopfs, und drückt. Dann kommt das Schnappen nach Luft. Dann kommt das Aufwachen. Das Sehnen ist stark, immer aber ist die Gier nach Leben stärker.« Weil sie sonderliche Ideen hat, einen Typen erschafft, der andere Sinneswahrnehmungen hat. Weil sie rund um eine Freundschaft und Beziehung zwischen drei Menschen ein Konstrukt aus Sprüngen und Perspektivwechseln entwickelt, von dem ich so angetan war, dass ich meinen Wecker früher gestellt habe, um vor der Arbeit noch ein wenig davon lesen zu können. Weil sie einen sprachlichen Stil erzeugt hat, den ich liebe und der irgendwann deutlich als »Fallwickl-Style« zu identifizieren ist. Vielleicht übertreibt die Autorin manchmal mit den Drehern, ein paar Elemente und Tatsachen hätte ich weggelassen, mit dem Ende war ich ebenso unzufrieden. Aber sonst? Toller Roman, der auch verfilmt werden könnte!

Mit Fingerspitzengefühl und sprachlicher Varianz hat Fallwickl aus vielen Puzzleteilen einen sinnigen und spannenden Roman zusammengesetzt. Sehr knorke Unterhaltungsliteratur, die den Leser fordert. Vielleicht das Debüt des Jahres?

[Buchinformationen: Fallwickl, Mareike (März 2018): Dunkelgrün fast schwarz. Frankfurter Verlagsanstalt. 480 Seiten. ISBN: 9783627002480]

 

2 thoughts on “Mareike Fallwickl – Dunkelgrün fast schwarz

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