Maxim Kantor – Rotes Licht

Pro oder contra? Beim Thema Russland überwiegen die extremen Positionen – schwarz und weiß. Die einen sehen in Wladimir Putin einen Diktator, die anderen einen Wohltäter, den der imperiale Westen in den Dreck zieht. Der russische Künstler und Autor Maxim Kantor vergleicht Putin mit Adolf Hitler und begründet das mit Ereignissen aus der Geschichte. »Rotes Licht« sollte man aber nicht nur aufs Putin-Bashing reduzieren, darin steckt mehr. Kantor widmet sich in seinem Werk drei Generationen, die ein Jahrhundert umspannen, weil es aus dem Dreifach-Reim der Generationen kein Entkommen gibt, schreibt er.

An vielen Stellen nimmt Kantor, mittlerweile deutscher Staatsbürger, die Rolle des Oppositionellen ein. Putin ist für ihn ein Oberst der Oligarchen, der ihr Diebesgut beschützt und zum Hüter der staatlichen Schatzkammer aufsteigt. Der ein Überwachsungskomitee und einen repressiven Apparat geschaffen hat. Der zu Beginn seiner Amtszeit noch ohne Zähne ist (»ein jugendlicher Romanow«), mit der Zeit immer mehr an Macht gewinnt, bissiger wird – zum Leid der Neureichen, weil er plötzlich seinen Anteil fordert. Kantor geht auch einen Schritt weiter, wählt die metaphysische Ebene, formuliert die These, dass Putin wie Hitler ein Medium sei. Beide wären erfüllt vom bösen Geist, seien keine Krieger oder Politiker, sondern Provokateure, die die Menschen in Versuchung führen.

Eine weitere Idee des Autors: Vergangenes wiederholt sich. Der Kommunismus in Russland habe sich verabschiedet, dafür steht der Faschismus vor der Tür, weil Patriotismus und Kollektivismus sich durchsetzen und die Würde des Menschen außen vor bleibt. Aus der Schwäche ziehe Russland Kraft, indem es wie gegen die Ukraine in den Krieg zieht und die Muskeln spielen lässt.

Zusammengefasst geht es auch um einen »genetischen Code des Schicksals« und Fäden, die die Generationen verknüpfen: »Der Liberale von heute ist der KGB-Mann von gestern und der Imperialist von vorgestern.« Für die Analyse der Zeitgeschichte pflanzt der Verfasser seine Figuren in die Russische Revolution, den Großen Terror, den Zweiten Weltkrieg oder in den Ukraine-Krieg ein. Dem Leser begegnen auch Hannah Arendt oder Martin Heidegger. Ein zentraler Protagonist ist zudem Ernst Hanfstaengl, Hitlers Freund und Berater, der als Zeitzeuge auftritt und gleichzeitig Mephisto mimt. Und dann steckt in diesem Epos noch eine Kriminalgeschichte,  die die Opposition betrifft und aus Verschwörungen besteht.

Vielleicht findet dieser Roman noch in fünfzig Jahren Leser, weil er groß ist, von Ideen sprudelt. Vielleicht werden ihn viele nach wenigen Seiten abbrechen, weil sie mit den philosophischen, essayistischen Passagen und Monologen wenig anfangen können. Ich dagegen habe ich dieses Meisterwerk genossen, trotz und wegen der strittigen Ansichten. Wer Russland verstehen will, sollte Bücher dieser Art lesen.

[Buchinformationen: Kantor, Maxim (Januar 2018): Rotes Licht. Paul Zsolnay Verlag. Aus dem Russischen von Juri Elperin, Sebastian Gutnik, Olga Korneev und Claudia Korneev. 704 Seiten. ISBN: 978-3-552-05853-8]

3 thoughts on “Maxim Kantor – Rotes Licht

  1. Pingback: Wer soll das alles lesen? – Frühjahrsvorschau 2018 | Muromez

  2. Erst einmal Dankeschön, dass Du mich an diesen Roman erinnert hast, nachdem ich es schon einmal in der Hand gehalten hatte. Nun mittlerweile erworben, freue ich mich auf die baldige Lektüre. Viele Grüße

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