Kürze und Würze #4

Als junger Bursche habe ich Romane wie »Schatzinsel« oder Huckleberry Finns Abenteuer verschlungen. Warum nicht als Erwachsener ähnlich wie einst flüchten?, dachte ich mir und kaufte diesen Abenteuerroman mit fabelhaftem Cover. Zuvor noch nie von gehört, aber Falkners »Moonfleet«, 1898 veröffentlicht, ist vor allem im englischsprachigen Raum richtig bekannt. Und sein Werk vereint typische Eigenschaften dieses Genres. Ein Waisenjunge wächst mit seinen Aufgaben und verwickelt sich in Abenteuer. Der Autor erzählt mystisch, beschreibt Unrecht und die Figuren müssen Gefahren überstehen. Ohne viel nachzudenken war ich am Ende. Gelohnt hat es sich: weil ich abgeschaltet habe. Aber irgendwie waren diese gängigen Abenteuerromane von einst – doch spannender. Oder ich habe sie damals am Anfang meiner Lesebiografie nur so empfunden. Wer weiß das hinterher schon genau.

[Buchinformationen: Falkner, J. Meade (Februar 2016): Moonfleet. Liebeskind Verlag. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. 352 Seiten. ISBN: 978-3-95438-059-6]

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Auf Nabokov stehe ich total. Nachdem ich »Lolita« las, habe ich ein Projekt: alle Romane von ihm zu lesen. Inzwischen kann ich sieben Werke abhaken. »Gelächter im Dunkel«, 1932 im Berliner Exil verfasst, handelt wie die typischen Nabokovs vom schmerzhaften Verlangen, von einer krankhaften Leidenschaft und (gesellschaftlichen) Verboten. Dieses Stück ähnelt »König Dame Bube« (1928). Auch hier geht eine verheiratete, wohlhabende Person mit einer jüngeren fremd, lässt sich um den Finger wickeln und kassiert die Quittung. »Gelächter im Dunkel« ist kein Nabokov-Roman, den man unbedingt gelesen haben muss. Vieles ist vorherzusehen, vieles zu platt. Grottenschlecht ist das Buch zwar nicht – Nabokov hat ganz bestimmt bessere.

[Buchinformationen: Nabokov, Vladimir (1932): Gelächter im Dunkel. Rowohlt Verlag. Aus dem Englischen von Renate Gerhart und Hans-Heinrich Wellmann, von Dieter E. Zimmer bearbeitet. Titel der Originalausgabe: Камера обскура (1932)/Laughter in the Dark (1938). 272 Seiten. ISBN: 978-3-499-22767-7]

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Mit seinem Debüt landete Philipp Winkler 2016 auf der Shortlist des Deutschen Bücherpreises. Ich hatte sein Buch vorher schon auf dem Zettel, wollte dann abwarten, bis der Hype vorbei ist. Alles in allem: Ein Buch samt Stärken und Schwächen. Spezielle Settings sind mein Ding und Winkler wählt mit der Hooligan-Szene ein ungewöhnliches Milieu. Im Zentrum steht ein Versager, der sich über das Prügeln und das Kollektiv definiert. Den Charakter des Protagonisten habe ich dennoch nicht abgekauft: zu kindlich, zu eindimensional, zu stereotyp. Ein schlaues Köpfchen hier, eine unreflektierte Dumpfbacke dort. Im Großen und Ganzen schreibt Winkler flott, im Szene-Jargon, sprachliche Schwächen offenbaren sich vor allem dann, wenn er kreative Kollegah-Vergleiche wählt. Wer Rap hört, der findet solche Punchlines mega whack. Sie ergeben wenig Sinn und ärgern:

Die Nässe kriecht mir wie eine sexuelle Belästigung unter die Klamotten. [*Eine Belästigung kann nicht kriechen. Kriechen könnte höchstens in diesem Kontext eine Hand.]

Leipzig ist kälter als der Schritt einer einbeinigen, teuren Nutte. [*Warum sollte diese Nutte teuer sein? Und wer hat mal in den Schritt einer Einbeinigen gefasst und weiß, wie sich das anfühlt?]

Und ihre kleinen Glubscher, diese blauen Augen. Sehen aus wie Eiswürfel, in denen eine Fliege eingefroren wurde. [*Voll Poesie und Romantik, ja!? Aber wie soll man so ein fliegendes Vieh einfrieren? Müsste ja erst tot sein, oder?]

[Buchinformationen: Winkler, Philipp (2016). Hool. Aufbau Verlag. 310 Seiten. ISBN: 978-3-351-03645-4]

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Was Syrien betrifft, sind wir inzwischen abgestumpft. Zu häufig haben wir die schrecklichen Bilder und Aufnahmen der Medien gesehen. Mal ehrlich, schocken sie uns noch? Wer im Ansatz begreifen möchte, was dort vor sich geht, sollte unbedingt Niroz Malek schmales Buch lesen. Der Autor, der in Aleppo geblieben ist, vereint kurze Texte, Miniaturen und gibt intelligent verschiedene Einblicke in den unwirklichen Alltag. Der Tod ist genau wie die Soldaten, Checkpoints und Bomben ein ständiger Begleiter. Malek schildert Tragödien als auch Träume, lässt die Opfer auferstehen und berührt: »Sie [die Kinder] hinterließen tiefrotes Blut, das wie ein Mohnfeld den weißen Marmoreingang des Krankenhauses bedeckte.«

[Buchinformationen: Malek, Niroz (März 2017). Der Spaziergänger von Aleppo. Weidle Verlag. Aus dem Arabischen von Larissa Bender. 144 Seiten. ISBN: 978-3-938803-83-7]

2 thoughts on “Kürze und Würze #4

  1. Ich war als Kind auch in die ganzen Abenteuergeschichten verliebt. Ich denke als Kind hat man da noch einen unbedarften, vielleicht naiven Blick auf solche Abenteuer. Die Vorstellung auf einer einsamen Insel zu stranden, oder einen Piratenschatz zu suchen, finde ich nicht mehr so reizvoll wie früher. 😉 Als Kind hat man da sicher mehr Gelegenheit zur Identifikation.
    Und zum letzten Buch: Ich denke die Berichterstattung der Medien hat uns vollkommen übersättigt. Ich finde es nicht gut, dass man ständig mit diesen schrecklichen Bildern überflutet wird, weil genau das passiert, was du schreibst, man stumpft ab. Ich denke Literatur hat ein viel größeres Potential solche Geschehnisse wirklich begreifbar zu machen, sofern man das eben kann, als Bilder.
    Viele Grüße, Anja

  2. Pingback: Sortiert & selektiert – Frühjahrsvorschau 2017 | Muromez

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