Kat Kaufmann – Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

Er hat kein Problem – er ist das Problem. Jonas, unglücklich und Mitte zwanzig, wandelt durchs Leben. Kein Ziel, keine Perspektiven. Der Typ ist abgefuckt, ein Kauz, ein mit Pharmazeutika vollgestopfter »Psycho«. Und dann bekommt dieser Jonas plötzlich Antrieb. Sein Großvater nennt kurz vorm Tod einen russischen Namen, den unser Antiheld unbedingt aufspüren muss – weil dieser Herr ein Schlüssel ist. Kat Kaufmann, in St. Petersburg geboren, erfindet in ihrem zweiten Roman nach »Superposition« (2015) keine supadupa neue Suche-meinen-Vater-Geschichte. Aber Storys wiederholen sich – es kommt darauf an, wie sie erzählt werden.

Und Kaufmann erzählt rasant – ich mag ihren Stil. Sie spuckt, rotzt ihre Zeilen aufs Papier. Ballert ihre Sätze wie die Kugeln aus einer AK 47 raus. Den Finger am Abzug, abgehackt, knapp, irgendwie Freestyle, Straße. Beispiele? »Terror. Hört mit Error auf. Ist schon lange alles Error.«  Oder: »Schattenboxen dir selbst in die Fresse. Der Gegner ist dieses verfickte Leben.« Das fetzt, ist aber nur die eine Seite. Die Autorin kann auch längere Sätze formulieren. So in kurz. Stakkato. Auf Dauer. Zu anstrengend im Roman. Klar.

Am Tiefpunkt seines bedauernswerten Zustandes trifft Jonas auf zwei Companeros. Gemeinsam besaufen sie sich, gemeinsam betäuben sie sich, gemeinsam reisen sie in dieser Road Novel nach Russland. Turbulenzen können weder in Berlin noch in Moskau bei diesem anomalen Trio ausgeschlossen werden. Kaufmanns Roman liest sich manchmal wie ein Hollywood-Drehbuch. Ein bisschen weniger Explosion, Stereotypen und Übertreibung hätten nicht geschadet. Denn die Berlinerin macht es sich zwischendurch zu leicht…

Wie einfach das ist, einen Untergrundboss umzulegen!? Wie einfach das ist, einen unbedeutenden Menschen easy-peasy in der Millionen-Metropole Moskau ausfindig zu machen!? Wie einfach das ist, jemanden mit falschem Pass durch die Grenzkontrollen während eines Ausnahmezustands einzuschleusen!? Nein, das funktioniert auch mit viel Fantasie nicht. Ebenso schade, dass der Dritte Weltkrieg zwischen dem Westen (»Ameropa«) und Osten (»Russasia«) nur so am Rande thematisiert wird. Im Grunde kaum Einfluss auf die Story nimmt – somit überflüssig erscheint, weil dieser (nicht unrealistische) Konflikt noch ausführlicher hätte ausgearbeitet werden müssen.

Bis auf diese Details habe ich dieses Stück verdammt gerne gelesen. Die Autorin hat verrückte Drehs, wählt schräge Perspektiven – dieser Roman unterhält, nahezu in einem Rutsch bin ich durch gewesen. Sie schreibt anders, herrlich frisch, wenn sie die inneren Konflikte ihrer sonderlichen Hauptfigur beschreibt und diese auf Abenteuerreise schickt. Trotz Abzügen in der B-Note: weiterzuempfehlen.

[Buchinformationen: Kaufmann, Kat (Mai 2017): Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Tempo Verlag. 272 Seiten. ISBN: 978-3-455-00105-1]

[Eine weitere (sehr lesenswerte) Rezension findet sich auf Koreander.]

2 thoughts on “Kat Kaufmann – Die Nacht ist laut, der Tag ist finster

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