Michail Bulgakow – Aufzeichnungen eines Toten

Was ich an Bulgakow genauso wie an Nabokov schätze: dieses Zeitlose. Obwohl ihre Texte mehr als ein halbes Jahrhundert alt sind, kommt die Sprache (in den Übersetzungen) nie veraltet, antiquiert oder verstaubt vor. Vor allem beinhalten ihre Texte nach wie vor einen originellen Witz, der auch in einem der letzten Werke von Bulgakow auftaucht: den unvollendeten »Aufzeichnungen eines Toten« (im Original hieß der Arbeitstitel schlicht »Theater-Roman«).

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Bulgakow war natürlich, das kann man nicht leugnen, ein politischer Autor, der mit seinen phantastischen, teils abgedrehten und urkomischen Szenarien eine Gesellschaft unter Stalin satirisch portraitierte. Anders als bei »Der Meister und Margarita«  oder »Das hündische Herz« steckt in »Aufzeichnungen eines Toten« (1936) weniger Politik. Dass Bulgakow zur falschen Zeit und am falschen Ort geboren wurde, dürfte klar sein. Während seines Schaffens wurde er von den Zensoren und Stalin unterdrückt, wodurch er kaum etwas veröffentlichen durfte. Bulgakow war auch ein Dramaturg, mit seinen Stücken verhielt es sich aber wie mit seiner Prosa, meist wurden sich wegen Anweisungen von oben nicht gespielt. Im »Theater-Roman« nahm er sich folglich die damalige Welt des Moskauer Theaters und der Literatur-Szene vor und piesackte die Vertreter – kein Wunder –, denn er selbst wurde von diesen schließlich reichlich traktiert.

Verfasst ist der »Theater-Roman« aus der Perspektive von Sergej Maksudow, einem Angestellten der Zeitung »Dampffahrt«. Von einer seltsamen Melancholie befangen, fertigt er einen Roman an und findet sich fortan in einem merkwürdigen und speichelleckenden Literaturbetrieb voller Alphatiere wieder. Zwischendurch möchte er sich umbringen, hat den zitternden Finger bereits am Abzugsbügel des Revolvers, bis er entscheidend gestört wird. Sein Werk bleibt jedoch unveröffentlicht, da derjenige, der ihn drucken wollte, sich ins Ausland verdrückt. Und das Unheil nimmt seinen Lauf. Sergej macht aus dem Roman zusätzlich ein Bühnenstück, unterzeichnet einen Knebelvertrag mit dem Moskauer unabhängigen Theater und verliert jedes Mitspracherecht an seinem geistigen Eigentum.

Insofern stirbt Sergej doppelt, erst als Künstler, später als Mensch (kein Spoiler!, bereits im Vorwort wird man von dem »Herausgeber« darüber informiert). Er kapituliert und hisst die weiße Fahne. In seinem Stück wird nach Belieben gekürzt, gestrichen und hinzufügt. Da er sich als Neuling in der Theater-Hierarchie ganz unten befindet, kommt er gegen die erfahrenen Regisseure (im Gott-Modus) nicht an. Kämpfe gegen diese sind nicht möglich, da es von nur einen Verlierer geben kann: Sergej.

»Sie wissen einfach nicht, was das ist – das Theater. Es gibt mancherlei komplizierte Maschinen auf der Welt, aber das Theater ist komplizierter als alles andere.«

Bulgakow prangerte in seinem Stück eindeutig die veralteten und patriarchalischen Strukturen im damaligen Theater an und plädierte für einen Generationswechsel. Seine Figuren wurden nicht rein zufällig gewählt, sie alle besitzen irgendwelche Anlehnungen. Zahlreiche Parallelen zu bedeutenden, realen Akteuren des Theaters und der Literatur lassen sich finden (die Vergleiche sind auf der russischen Wikipedia-Seite gelistet). Typisch für Bulgakow sind ferner diese mystischen Einschübe: Plötzlich klopft Mephistopheles gebieterisch an Sergejs Tür – natürlich sieht die Gestalt nur derartig aus und ist kein Teufel.

Obwohl  »Aufzeichnungen eines Toten« ein fragmentarischer Roman bleibt, liest sich dieser nahezu lückenlos und stimmig. Bulgakow hat die Bühnenbeleuchtung angeknipst und das Scheinwerferlicht auf bestimmte Personen seiner Epoche gerichtet. Für uns (und nicht nur für Theaterfreunde) ergibt sich eine unterhaltsame Posse, die unfertig irgendwie doch ziemlich fertig rüberkommt.

[Buchausgabe: Bulgakow, Michail (1969): Aufzeichnungen eines Toten. Luchterhand Literaturverlag. Aus dem Russischen von Thomas Reschke. Titel der Originalausgabe: Театральный роман/ Записки покойника (1936). 271 Seiten.]

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