Lasha Bugadze – Der Literaturexpress

Hundert Autoren aus verschiedenen Ländern reisen einen Monat lang mit einem Zug durch halb Europa. Sie alle sind »talentiert und gleichermaßen unfähig«, von einer »literarischen Glücklosigkeit« befallen. Mittendrin der Georgier und (Ich-)Erzähler, Zaza, der selbst nicht genau checkt, warum gerade er auserwählt wurde. Lasha Bugadze, ebenfalls aus Georgien, legt mit »Der Literaturexpress« einen Roman vor, der unterhält, den Literaturbetrieb durch den Kakao zieht, Politik berücksichtigt, Kulturen beschreibt und von Begehren handelt. Diese Kombination wirkt ausgesprochen schelmisch und funktioniert.

Lasha Bugadze - Der Literaturexpress

Als Zaza die Einladung aus Deutschland erhält, kommt er aus dem Staunen nicht mehr heraus, hat er doch erst eine »armselige« und einzige Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht, die er als einen »literarischen Winzling« bezeichnet. In seiner Rolle als Literat nimmt er sich unabhängig davon sowieso nicht ganz ernst. Dabei hat Zaza vor dem Ausflug eigentlich andere Probleme: Seine Freundin hat ihn verlassen, in seiner Heimat bricht der Kaukasuskrieg aus – Bomben fallen –, und  Europa schaut gleichgültig zu. Aber einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich nicht ins Maul und so nimmt Zaza an, soll mit dem Literaturexpress und zwei anderen Landsmännern durch Lissabon, Madrid, Paris, Brüssel, Frankfurt, Moskau (mit diesem Stopp wird es nichts), Warschau und Berlin reisen.

Freilich kutschiert der Zug keine literarischen Superstars, sondern eher kleine Fischlein. Die Reise ist als Promo-Tour ausgelegt, was vielen der Schreibenden nicht bewusst wird. Ein Netzwerk soll sich bilden, durch Vorstellungen, Lesungen, Diskussionen, einen Buchmessen-Besuch sollen einige der Autoren von Literaturagenten entdeckt werden. Lange dauert es bei Zaza, bis es Klick macht und er begreift, dass er in einem Zug von Verlierern sitzt und selbst ein Loser ist. Schon länger kämpft er gegen eine Schreibblockade an, bezeichnet sich als faul und im Ausland falle es ihm ohnehin schwer, sich hinzusetzen und zu verfassen. Hinzu kann er sich nicht verkaufen – welch ein Pech: »Aber wie soll man originell sein, wenn man es nicht ist!«

Überhaupt zeichnet Bugadze dieses georgische Trio, bestehend aus Zaza, Lyriker Zwiad und einem mürrischen Langzeitstudenten wunderbar komisch und satirisch. Ständig hocken diese Drei aufeinander, schotten sich vor Fremden ab, beäugen diese mit Skepsis. Obwohl sie sich nicht riechen können, ist es ein »nationaler Instinkt«, der sie zusammenhält, der nicht mal auf Freundschaft basiert. Sie trinken gerne (besonders wenn es gratis ist) und äußern sich vulgär über ihre sexuellen Fantasien. Zudem lernen wir, dass es für georgische Männer beschämend ist, mit einem Regenschirm gesehen zu werden. Das greife ihre Männlichkeit an, schließlich bestünden sie nicht aus Zucker – seien nicht schwul.

Zu allem Überfluss verguckt sich Zaza noch in die Musikkritikerin Helena, die mit ihrem Gatten, dem polnischen Autoren Maciek reist, der wiederum Zazas Erzählungen übertragen will. Wo liegen die Präferenzen? Ist die eigene Schriftstellerkarriere wichtiger als Helenas Hintern? Könnten Macieks Übersetzungen ihn nicht in Europa berühmt machen und für den erhofften Durchbruch sorgen? Was tun!? Wie verhalten bei den Orgien, die sich irgendwann bei den Stationen abspielen, als sich die Stimmung lockert und Hochprozentiges fließt?

Lasha Bugadze - Der Literaturexpress - Vorstellung

Lasha Bugadze (Zweiter von rechts) auf der Leipziger Buchmesse 2016

Und dann, so scheint es, schimmern immer wieder Bugadzes Erfahrungen in den Text ein, wenn er Zaza sprechen lässt: »Es ist schrecklich, als georgischer Schriftsteller geboren zu werden! Niemand interessiert sich für dich, du aber, durch diese Scheißegal-Haltung deiner Mitbürger bedrückt, schreibst trotzdem weiter …« Georgien verfügt über fast vier Millionen Einwohner, die wenigsten davon würden sich für Literatur begeistern. So gebe es lediglich 3.000 Leser, während nur ein Drittel davon Bücher kauft – kein Markt, um steinreich zu werden. Folglich müsse man sich auf das Ausland konzentrieren, denn das was die die ausländischen Leser interessieren könnte, hängt den heimischen Lesern zum Hals heraus. »Und andersherum genauso: Das, was den einheimischen Leser in Wallung bringt, davon versteht der Ausländer nichts.« Also, wo möchte man Erfolg haben: hier oder da? Wie sieht das Geheimrezept aus? »Die Region hat größere Chancen als du, das Interesse der gesunden ausländischen Leserschaft zu wecken, denn sie ist attraktiver als dein Talent. Die Region ist groß, die Region ist problematisch (es gibt nämlich keine Region ohne Probleme), die Region ist eigen, die Region ist konfliktreich (oder war zumindest konfliktreich), die Region ist kriegserprobt, die Region ist schockierend, über die Region fegen leidenschaftliche Stürme hinweg, du aber … bist klein.« (S. 198)

Unterm Strich fertigt Lasha Bugadze ein flottes und feines Buch an, in dem es auf 300 Seiten viel zu entdecken gibt. Wie Autoren, die genau recherchieren und sich mit Prostituierten vergnügen müssen, um zu erfahren, was ihre literarischen Figuren dabei empfinden könnten. All den ganzen Witz hat die wunderbare Nino Haratischwili bei ihrer Übersetzungen zweifelsohne übertragen können. Über einen serbischen Autor heißt es z.B.: »ein langbeiniger, in immer gleichen Shorts herumlaufender Grashüpfer mit einem Mittelscheitel wie bei Rasputin.« Ich kann ihn mir eins zu eins, originalgetreu vorstellen … Hinzu tauchen weitere Perspektiven auf, überwiegend ist der Roman aus der Sicht von Zaza verfasst. Gefühle und Eindrücke schildern ebenso Tagebucheinträge von anderen Passagieren des Literaturexpresses, die unregelmäßig eingepflanzt wurden und für Abwechslung sorgen.

Ja, »Der Literaturexpress« macht Spaß. Wer einsteigt, wird sich auf eine skurrile und schräge Fahrt einlassen, hier und da gackern, zwischendurch die Stirn runzeln und über Ernsteres nachdenken müssen. Höchste Eisenbahn, ein Ticket zu ziehen!

[Buchinformationen: Bugadze, Lasha (März 2016): Der Literaturexpress. Frankfurter Verlagsanstalt. Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili. 320 Seiten. ISBN: 978-3-627-00223-7]

[Weitere Rezensionen bei letteratura oder Herr Hund.]

2 thoughts on “Lasha Bugadze – Der Literaturexpress

  1. Eine schöne Besprechung! Du hast aus dem Roman so viel mehr herausgelesen als ich, ich glaube, Du bist ihn auch ganz anders angegangen. Sehr spannend, wie unterschiedlich wir die Geschichte gelesen haben, ich war ja ein wenig enttäuscht von dem Buch. Vielen Dank für die Verlinkung!

  2. Pingback: Vielleicht sehe ich, was du nicht siehst – Frühjahrsvorschau ’16 | Muromez

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