Vladimir Nabokov – Der Späher

Stell dir vor: Du denkst, du seist tot, lebst aber und kannst dich von außen betrachten. »Der Späher« (1930), Vladimir Nabokovs vierter Roman, den er (wie die drei anderen) im Berliner Exil verfasst hat, handelt von einer multiplen Persönlichkeit, wodurch ein experimentierfreudiger Text entsteht: Aus welcher Perspektive wird gerade erzählt? Wer ist eigentlich der Ich-Erzähler, wann erkennt die Figur selbst, wer sie wirklich ist?

Vladimir Nabokov - Der Späher

Und, was ist das eigentlich für ein Stück? In gewisser Weise findet man Elemente eines Kriminal-, aber auch eines Liebesromans oder psychologischen Romans. Das ist erstaunlich, da das Buch in zwei, drei Stunden ausgelesen ist, auch einer Erzählung gleicht und keineswegs dick ist. Wie in den vorherigen Nabokov-Werken ist der Handlungsort das Berlin der zwanziger Jahre, die Personen sind russische Emigranten. Darunter ein Hauslehrer, der, nachdem er Prügel bezogen hat und sich sonst nicht wirklich eingliedern kann, über keine sozialen Kontakte verfügt, seinen Revolver an die linke Brustseite hält. Abdrückt, den Suizidversuch überlebt. Denkt, dass es mit ihm aus ist, er fortan als Geist sein Unwesen treibt.

Denn jetzt wusste ich, dass sich der menschliche Geist nach dem Tod, befreit vom Körper, in einer Sphäre weiterbewegt, wo alles wie vordem zusammenhängt und in einem relativen Grad sinnvoll ist, und dass die Qualen des Sünders in der Nachwelt genau darin bestehen, dass sein zäher Geist keinen Frieden finden kann, bis es ihm gelungen ist, die komplexen Konsequenzen seines leichtfertigen irdischen Lebenswandels zu entwirren. (S. 36)

Anschließend bewegt sich der Protagonist in einem Kreis, der sich häufiger trifft, aus Russen besteht. Sein Antrieb ist, herauszufinden, was andere über ihn denken: Er sei ein »sexueller Linker« (ein Homosexueller), ein Weißgardist, ein Dieb oder doch ein sowjetischer Agent. Das mit der Liebe und der auserwählten Frau klappt ebenso wenig … Geschickt wechselt Nabokov die Perspektiven. Ein Kapitel besteht aus einer Ich-Erzählsituation, dann wird von der Schlüsselfigur in der dritten Person gesprochen. Allwissend ist hier aber gar nichts, da der Held und Beobachter – der Späher oder das Auge – bis zum Ende gar nicht weiß, was er und welche Person er verkörpert – der aufmerksame Leser könnte es aber vorher feststellen.

Es ist beängstigend, wenn sich das wirkliche Leben plötzlich als Traum erweist, aber um wie vieles beängstigender ist es, wenn das, was man für einen – fließenden und verantwortungslosen – Traum gehalten hat, plötzlich zur Realität zu erstarren beginnt! (S. 116)

Zum Schluss, spätestens dann fällt es wie Schuppen von den Augen, verbindet Nabokov die Dimensionen, erklärt dem Leser und dem Hauptcharakter was Sache ist. Dabei greift er tief in die Trickkiste, denn gerade dieses Nebeneinander und das Zusammenführen der Perspektiven macht die Verlockung aus – dies aufzudröseln, zu entschlüsseln, zu entwirren.

[Buchausgabe: Nabokov, Vladimir (1985). Der Späher. Rowohlt Verlag. Aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer. Titel der Originalausgabe: Соглядатай (1930). 123 Seiten. ISBN: 3-498-04624-1]

[Eine weitere Besprechung findet sich bei Bonaventura.]

4 thoughts on “Vladimir Nabokov – Der Späher

  1. „Stell dir vor: Du denkst, du seist tot, lebst aber und kannst dich von außen betrachten.“ Vielleicht ging und geht es ja vielen Menschen so. Danke für diesen Gedanken und für diese Buchvorstellung. Kommt ganz nach oben auf meine Leseliste!

    • Ich arbeite nun mit der Zeit alle Nabokov-Werke ganz pflichtbewusst und chronologisch durch. Oh ja, da gibt es einiges zu entdecken – ich werde weiter berichten! 😛

      Die Kuchenstücke … da bist du scheinbar die Erste, die bemerkt hat, dass es keinen Kuchen mehr gibt. 🙂 Irgendwie hat es nicht mehr gepasst mit der Ausrichtung des Blogs und hätte einen falschen Eindruck erwecken können. Gerade bei Klassikern, die hier in aller Regelmäßigkeit vorkommen, oder anderen Werken zum Holocaust usw. waren diese zu kitschig, fehl am Platz, obwohl sie vielleicht eine Orientierung gegeben haben. Das Punkte-System bei Goodreads genügt mir …

  2. Pingback: [Sonntagsleserei]: Januar 2016 – Lesen macht glücklich

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