Erich Maria Remarque – Im Westen nichts Neues

ISIS, Ostukraine, Israel. Bilder von Gewalt schwirren über die teuren 3D-Geräte, täglich. Sie berühren uns vielleicht so lange, bis wir ins Bett steigen und am nächsten Tag entschlüpft wieder alles. Eigene Sorgen drängen sich auf und verschieben. Menschen brauchen persönliche Bezüge, um Empathie heraufzubeschwören. Der Tod eines Schlagersängers, den man doch ach so gerne hatte, trifft mehr als eine Nachricht vom x-ten Kriegsbeginn im Nahen Osten. Meine Generation kennt Gefechte nur aus Geschichtsbüchern, Filmen, von Erzählungen älterer Verwandter oder von Bundeswehreinsätzen. Was Krieg in der Urform bedeutet samt den ganzen Bauernopfern können wir nicht verstehen oder nachvollziehen, weil wir keinen erlebt haben. »Im Westen nichts Neues«, eines der meistgedruckten Bücher, lässt es im Ansatz zu. Es ist eine Anklageschrift gegen den Kampf, ein Synonym für den Pazifismus und angesichts der schrecklichen Welt, in der Menschen sich durch Waffen überordnen können, ein trostloses Dokument. Denn alles wiederholt sich zu seiner Zeit – wir wollen nicht aus Fehlern lernen.

Erich Maria Remarque - Im Westen nichts NeuesEs gibt eine signifikante Stelle in Remarques Chef d’Œuvre, die den Irrsinn am besten fasst und die zeigt, dass die Aktiven und künftigen Opfer im Ersten Weltkrieg selbst sich gar nicht im Klaren darüber sind, was sie in diese Situation geführt hat. Tjaden, im gleichen Regiment der Hauptfigur Paul Bäumer, stellt sich und seinen Kameraden die Frage, weshalb überhaupt Krieg sei und wem er überhaupt etwas bringe. Ihm selbst zumindest nütze er nichts, dafür wohl anderen.

»Ich glaube, es ist mehr eine Art Fieber«, sagt Albert. »Keiner will es eigentlich, und mit einem Male ist er da. Wir haben den Krieg nicht gewollt, die anderen behaupten dasselbe – und trotzdem ist die halbe Welt feste dabei.« (S. 143)

Auf 200 Seiten schildert Remarque, wie Schüler, die noch nichts von der Welt gesehen haben, zu Soldaten werden, wie sie sich wandeln und Resistenz aneignen »Wir wurden hart, misstrauisch, mitleidlos, rachsüchtig […].« Instinkte wie gefährliche Tiere erlangen, weil sie diese zum Überleben benötigen, und erkennen, dass die Todesangst größer als der einstige Patriotismus ist, Staat ungleich Heimat. Die Front-Szenen sind wüst: abgetrennte Körperteile, hässliche Ratten, Frontkoller, unzählige Tote. »So pressen wir die Lippen aufeinander – es wird vorbeigehen – vielleicht kommen wir durch.« Es entscheidet der Zufall darüber …

Die braune Erde, die zerrissene, zerborstene braune Erde, fettig unter den Sonnenstrahlen schimmernd, ist der Hintergrund rastlos dumpfen Automatismus, unser Keuchen ist das Abschnarren der Feder, die Lippen sind trocken, der Kopf ist wüster als nach einer durchsoffenen Nacht – so taumeln wir vorwärts, und in unsere durchsiebten, durchlöcherten Seelen bohrt sich quälend eindringlich das Bild der braunen Erde mit der fettigen Sonne und den zudeckenden und toten Soldaten, die da liegen, als müsste es so sein, die nach unseren Beinen greifen und schreien, während wir über sie hinwegspringen. (S. 84)

All die Abläufe und die Ungewissheit in den Gräben (Giftgas-, Flieger- und Maschinengewehr-Attacken, Hunger und Durst) zerren an den Nerven, lassen besonders die unerfahrenen Neuankömmlinge durchdrehen. Es gibt auch kein Abseits des Krieges, was Paul Bäumer bemerkt, als er Urlaub bekommt. Die Schlachten haben ihm ein neues Bewusstsein eingepflanzt und das alte ausradiert: »Zwischen heute und damals liegt eine Kluft.« Er kann die Erinnerungen nicht abheften oder beiseite packen, Freizeit genießen. Seine Gedanken kreisen nur um das eine herum. Selbstredend wird auch Paul Bäumer wie seine ganze Schulklasse, die von ihrem Lehrer Kantorek angeworben wurde, die Gefechte nicht überleben, fallen und ein Opfer von vielen werden. Für nichts und wieder nichts.

Die ganz große Stärke Remarques ist, wie illusionslos er den Krieg aus der Sicht einer Mücke in Person eines einfachen Soldaten beschreibt, die kaum etwas ausrichten, noch verändern kann, außer hier und da ein paar Stiche zu setzen, was den Ausgang nicht mitbestimmt. »Im Westen nichts Neues« eignet sich hervorragend, um zu erinnern, dass wir die Hände reichen sollten, anstatt uns auszuspielen, um daraus Profit zu ziehen. Nur an der Umsetzung hapert es, sodass diese Worte Schall und Rauch gleichen. Der nächste Krach kommt bestimmt und mit ihm die nächsten sinnlosen menschlichen Verluste.

Wertung:

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(5/5 Stücke vom Kuchen)

[Buchinformationen: Remarque, Erich Maria (2010/1929): Im Westen nichts Neues. Verlag Kiepenheuer & Witsch. 224 Seiten. ISBN: 978-3462027310]

[Anmerkung: Lesenswerte Besprechungen zu »Im Westen nichts Neues« sind ebenso bei Sätze&Schätze, Aus.gelesen und Vonsamstag zu finden.]

7 thoughts on “Erich Maria Remarque – Im Westen nichts Neues

  1. Diesen Roman habe ich vor mehr als 10 Jahren in den Pausen einer Nachtwache bei dee Bundeswehr regelrecht verschlungen. Ich fand es verstörend und gleichzeitig bewegend. Es setzte Gedanken in Gang, die an dem Ort, an dem ich es gelesen hatte, eigentlich fehl am Platz waren. Jetzt liegt das Buch wieder bei mir und ich will mir noch „In Stahlgewittern“ zulegen, damit ich beide hintereinander lesen kann. Wenn das geschehen ist, mach ich hier nochmals halt um meine Gedanken mit deinen abzugleichen. Gruß und ein gesundes Neues. Marc

    • Hallo Marc,

      Bücher an Orten oder in Situationen zu lesen, die gleichzeitig Verbindungen schaffen, ist etwas ohne Frage Besonderes. Es verleiht dem Inhalt noch zusätzlich etwas Spezielles. Ernst Jüngers Werk steht bei mir auch noch auf der Agenda. Auf deine Gedanken bin ich gespannt. Lesespaß zu wünschen, wäre bei der Thematik aber verkehrt.

      Deswegen, ebenfalls ein frohes Neues und liebe Grüße
      Muromez

    • Lieber Flattersatz,

      Avi Primor kenne ich, auch durch deine Besprechung. Es wurde auf der Liste durch deine erneute Empfehlung noch mal unterstrichen.

      Ein schönes Wochenende
      Muromez

  2. Pingback: Pat Barker: Niemandsland/ Erster Weltkrieg-Trilogie | Literatur und Schreiben

  3. Remarque-trilogie in insich abgeschlossenen, aber ergänzenden Teilen:

    „Im Westen nichts neues“ – Krieg
    „Der Weg zurück“ – die Heimkehr in den Wirrwarr aus Novemberrevolution und Putscherei
    „Der schwarze Obelisk“ – die Weltkriegsveteranen (vor allem Journalisten) und ihre Anpassungsprobleme an die Zivilisation der 20er Jahre

    alle 3e seeehr zu empfehlen.

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