Ulrike Draesner – Sieben Sprünge vom Rand der Welt

Es sind irreparable, aber gleichzeitig auch nicht beabsichtigt weitergegebene Schäden, wenn die Nachkommen durch die Schatten der Kriegsgeneration berührt werden. »Hitlers Kinder hatten Spuren auch in den Psychen ihrer Söhne, Töchter und Enkel hinterlassen«, heißt es in »Sieben Sprünge vom Rand der Welt«, das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2014 steht und das mich im Zuge des Bloggerprojekts LongListLesen 2014 erreicht hat. Ulrike Draesners Roman handelt von Vertriebenen, Flüchtlingen und davon, was geschieht, wenn die Vergangenheit einholt. Vor allem ist es aber auch ein unheimlich starkes und gleichzeitig herzliches Buch, das erschüttert und trifft.

Jedwede Wege in dieser Geschichte führen zum Wissenschaftler Eustachius Grolmann, kurz Stach. Ulrike Draesner - Sieben Sprünge vom Rand der WeltMittlerweile über 80, beschäftigt sich der Forscher schon jahrzehntelang mit Affen, die ihm inzwischen gar näher erscheinen als Menschen. Grolmann, den einige Ticks wie das Geraderücken von Bildern an Wänden ausmachen, gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet und als »Affenflüsterer«, der sich in seine Arbeit dermaßen hineingesteigert hat, dass er gar versuchen will, Affen in die Welt seiner alternden, einsamen Mitmenschen zu integrieren.

Alle Experimente wiesen darauf hin, dass der Mensch überempathisch sei. Man habe diese menschliche Eigenart bislang als Defizit der Affen interpretiert. […] Affen seien normal. Der Mensch habe einen Überschuss, der vermutlich ein verstecktes Defizit sei. Das zu so seltsamen Ausblühungen wie Kultur, sozialen Institutionen und Psychologie führe. Empathie und Liebe seien Fehlentwicklungen. Das höre sich nicht politisch korrekt an. Das wisse er selbst. So sei es aber. Nicht korrekt, dafür richtig. Biologisch und evolutionär. (S. 95)

Neben den Tierversuchen und der Hirnforschung hat Stach, »ein Mensch, der keine Möglichkeit fand, seine Gefühle auf erwachsene Art auszudrücken«, auch ein ereignisreiches Leben hinter sich. Mit dem behinderten Bruder Emil und Mutter Lilly musste er aus der niederschlesischen Stadt Oels, seiner Heimat, flüchten, als die Sowjets vorrücken und die Nazis die weiße Fahne schwenken. Als Stachs Affe aus seinem illegalen Labor ausbüxst, kommt ihm sein eigenes Entkommen wieder in den Sinn, bei dem Emil umkam und woran er nicht ganz unschuldig ist.

Häuserbomben, gefolgt von englischem Phosphor. 1300 Grad. Wir hatten die Höhle gerochen, Geräusche aus menschlichen Mündern gehört, die es schon nicht mehr gab, sie waren in der Hitze zerschmolzen, während ihr letzter Schrei noch auf dem Feuersturm ritt. (S. 168)

»Sieben Sprünge vom Rand der Welt« wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt und springt ständig zwischen Gegenwart und Vergangenheit. So kommt auch Stachs Tochter Simone zu Wort, die sich auf den Spuren ihres Vaters befindet, ebenfalls erfolgreich Affenforschung betreibt, aber auch ähnliche Angstzustände wie er verinnerlicht. »Seelische Landschaften stempelten sich von einer Generation in die nächste hinüber.« Zu ihrem Vater hat sie ein gespaltenes Verhältnis und wird besonders hellhörig, als sie erfährt, dass Stachs Schulden immer größer werden. Sie heuert Boris an, einen Psychologen, dessen Fachgebiet Vertriebene sind und der herausfinden soll, was Stach mit seinem Geld so treibt. Boris (polnischer Herkunft) selbst ist ebenfalls ein Nachkriegskind, das seinen Vater nicht kennt und mit seiner Vorgeschichte zu kämpfen sowie darüber hinaus private Probleme hat, dem Alkohol verfällt: »Bin Psychologe und kann mir nicht helfen.« Simone und Boris kommen sich später, auch aufgrund ihrer Gemeinsamkeiten und durch Stach, näher.

Besondere Wirkung hinterlassen die Rückblenden von Stachs Eltern, Lilly und Hannes. Hannes kämpfte in beiden Weltkriegen und diese Erlebnisse werden ihn ewig geißeln. Die Eindrücke sind rau, gewaltvoll und gehen wie Nadelstiche unter die Haut, wenn mit Schädeln der Gefallenen Fußball gespielt wird: »Das nennt sich Erinnerung. Erinnerung ist, was er zu vergessen versucht. Seine Sätze gingen nun so. Verstockt. Was zu vergessen er sucht. Was zu vergessen er versucht. Was vergessen zu haben er von sich glauben will.« Daneben äußert sich auch Boris Mutter, Halka, die mit ihrer Familie aus Lemberg nach Breslau übersiedeln musste.

Draesner greift vier extrem verschiedene Generationen auf, die nicht immer nur verwandtschaftlich irgendwie miteinander verknüpft, zwar eigentlich ungleich sind, sich dennoch auf einer bestimmten Weise ähneln. Sie nennt dieses Produkt »einen Roman in Stimmen«. Exemplarisch, dass ausgerechnet die in den 90er geborene Esther (Simones Tochter) einen besonderen Zugang zu ihrem Opa Stach hat und eine spezielle Beziehung zu ihm aufbaut. All diese Verflechtungen erscheinen bei dieser Wiedergabe eventuell etwas kompliziert, beim Lesen sind sie es allerdings kaum. Jede Figur lässt sich zuordnen, verkörpert Eigenschaften, die faszinierend sind.

Vor allem hat Draesner (die Website zum Buch gibt ebenfalls Aufschluss darüber) insgesamt auch hervorragend recherchiert – davor kann man den Hut ziehen. Mit der europäischen Geschichte (z.B. Polnische Westverschiebung, Paris-Eroberung, Ausmaß der Weltkriege, Primärvertriebene) geht sie gewandt um, auch die neurowissenschaftlichen Gebiete (Kontraste zwischen Mensch und Affe) behandelt sie leichtfüßig, sodass sie verständlich und aufschlussreich wirken.

Zudem ist Draesner eine hervorragende Erzählerin, nicht rein zufällig widmet sich Stach ausgerechnet diesen uns verwandten Tieren: auch Affen töten ihre Artgenossen und unterscheiden sich zumindest in diesem Verhalten kaum. Über Draesners Sprache kann man diskutieren, 54books hat beispielsweise nur 50 Seiten ausgehalten und konnte sich nur bedingt mit ihr anfreunden. Nach einem etwas mühsamen Einstieg verdeutlicht sich aber die Intention von Draesner, die jeden Charakter stilistisch anders behandelt, was man in diesem Zusammenhang als eine Besonderheit betrachten kann.

Angespornt durch ihre eigene Familiengeschichte nähert sich Ulrike Draesner ungewöhnlich einem breitgetretenen Thema. Ihr Konzept geht auf, die unterschiedlichen Blickwinkel verdeutlichen starke Nachwehen des Krieges. Nicht einmal die Abkömmlinge kommen ungeschoren davon und können sich lösen. Zu tief sitzt der Schmerz, den ihre Vorfahren auf sie übertragen haben – ein schweres Erbe.

[Buchinformationen: Draesner, Ulrike (März 2014): Sieben Sprünge vom Rand der Welt. Luchterhand Literaturverlag. 560 Seiten. ISBN: 978-3-630-87372-5]

[Anmerkung: Weitere Rezensionen finden sich bei dasgrauesofa, Drittgedanke, Gedankenlabyrintherin, Lesen macht glücklich und Literaturen.]

7 thoughts on “Ulrike Draesner – Sieben Sprünge vom Rand der Welt

  1. Dass es als Leser zu Beginn mühsam ist, ins Lesen hinein zu finden – das habe ich auch so gesehen. Später jedoch, wenn man sich eingewöhnt hat, wird diese eigenwillige Schreibe zur großen Stärke des Buches. Ich fand es enorm gut!

    • Stimmt. Es ist wie eine Frucht, die langsam größer, reifer wird und die man gießt, am Ende erntet und stolz darauf ist. Tatsächlich habe ich auch am Anfang gedacht: „Was zur Hölle!“ Letzlich wird man aber für sein standhaftes Leseverhalten belohnt.

  2. Ich verstehe deine positive Besprechung, kann ihr aus meiner Sicht leider nur zum Teil zustimmen, und zwar, wenn es um die Vergangenheitsgeschichten geht. Die sind stark geschrieben. Die Sachen aus der Gegenwart waren mir größtenteils zu belanglos und konnten mich nicht mitreißen. Erschwerend kam noch die Sprache hinzu, die teilweise so mit Anglizismen durchsetzt war, dass es immer wieder den Lesefluss durchbrochen hat. Sicher ein Buch von Bedeutung, für mich aber teilweise schwer konsumierbar. Gruß, macg. P.S.: meine volle Besprechung zum Buch kommt auch bald 😉

    • Manchmal mag ich das Belanglose, zwar nicht immer aber … 😉 Die Sprache kann sicherlich ein Hindernis sein, da muss ich dir zustimmen. Auf deine volle Betrachtung bin ich gespannt! 🙂

  3. Pingback: [Longlistlesen 2014]: Ulrike Draesner – Sieben Sprünge vom Rand der Welt | Lesen macht glücklich

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