Müde Augen, müde Knochen | #fbm14

Zwar etwas kurzfristig, aber mit mir und der Frankfurter Buchmesse 2014 hat es dann letztlich doch noch geklappt. Am Samstag hieß es dann: Ellenbogen raus und keine Schwäche zeigen. Auf mehreren Hochzeiten kann ich allerdings immer noch nicht tanzen. Leider.

Mein persönlicher Startschuss fiel in der Halle drei. Erst einmal die Stände der Frankfurter Buchmesse 2014Lieblinge wie Hanser oder Diogenes abklappern. Könnte ja sein, dass beim Durchforsten der Vorschauen dann doch einige Titel nicht gleich ins Auge gesprungen sind. Natürlich bin ich fündig geworden und musste einige Male notieren, Lola Lafons »Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte«, Simon Pasternaks »Tote Zonen« oder Davide Enias »So auf Erden«.

Zwischen dem ganzen Pulk und den Knoten, entstehen, wenn a) es etwas ganz, ganz Tolles für umme gibt oder b) Prominenz aufkreuzt, wollte ich aber auch einige Veranstaltungen besuchen. Am F.A.Z.-Stand hörte ich Andrej Kurkow zu. Charmant und pointiert erklärte er, dass erst dann Frieden in der multikulturellen Ukraine herrschen wird, wenn Russland seine Truppen abziehe und keine Waffen mehr ausliefere. Andernfalls sorge Russland mit seinem Marschall Wladimir Putin weiter für eine Destabilisierung, damit der Ukraine der Weg nach Europa versperrt wird. Sollte keine Lösung gefunden werden, werde der Winter für die Ostukraine wohl auch angesichts der vielen Flüchtlinge sehr hart, meinte Kurkow noch.

Zufällig habe ich Andrej Kurkow dann noch später am Haymon-Stand getroffen und bin mit ihm gleich ins Gespräch Frankfurter Buchmesse 2014 - Andrej Kurkowgekommen. Einen dritten Teil um Pinguin-Mischa und Viktor wird es wohl nach »Picknick auf dem Eis« und »Pinguine frieren nicht« leider nicht geben, aber dafür integriere er Mischa in Märchen, die er bald veröffentlichen wolle, verriet er. Ansonsten hat er wohl neben der Arbeit an seinem Litauen-Roman ziemlich viel zu tun. Sei wohl schon lange ausgebucht und wird noch lange auf Achse sein. Aber sehr zuvorkommend, sympathisch und auf dem Boden geblieben, der Andrej!

Weiter ging es für mich zu einer Diskussion. Neben Hanser-Chef Jo Lendle äußerten sich einige andere zum Thema »Geisteswissenschaften – und dann? Worauf es beim Berufseinstieg ankommt«. Ja, auch mein süßes Studentenleben hat bald – leider Gottes – ein Ende und ich muss mir langsam aber sicher Gedanken machen, wohin meine Reise hingehen wird. Lendle hat selbst Kulturwissenschaften studiert und verlegt nun mit Patrick Modiano einen Nobelpreisträger, – ist also (mehr oder weniger) erfolgreich die Karriereleiter hinaufgeklettert.

Der Umgang mit der Sprache sei unsere Schlüsselqualifikation, hieß es. Bewerber sollen sich anpassen können, reaktionsschnell sein und über eine schriftliche Ausdrucksfähigkeit verfügen. Ferner sollten sich Berufseinsteiger wie Lendle damals, der mal eine eigene Literaturzeitschrift (200 Abonnenten) herausbrachte und damit, quasi unbewusst, alle Stationen einer Verlagsarbeit kennengelernt hatte, ausprobiert haben. Ein ordentlicher Abschluss nütze nur wenig, wenn man über keine Praxiserfahrung verfüge und lediglich rein theoretisch arbeiten könne. Networking sei ebenso nicht zu verachten, ein persönlicher Kontakt könne wichtiger als eine Gesamtnote sein. Ansonsten wurde eigentlich mehr Mut gemacht, als Angst vor den Zukunftschancen geschnürt. Lendle betonte, dass der Abgesang der Schrift schon seit den 80ern prognostiziert wird, was sich immer wieder als Quatsch herausgestellt hat. Vielmehr zeige sich auch durch Social Media ein großer Arbeitswandel. Ansonsten meinte man, dass Geisteswissenschaftler immer irgendwo adäquat unterkommen werden und nur wenige als arbeitslos gelten. Klingt doch alles beruhigend bei einer beunruhigenden (Arbeits)Welt, oder nicht?

Den schönen Finnland-Pavillon musste ich ebenfalls besuchen. Angesichts des spontanen Trips war ich allerdings mehr unvorbereitet und hatte nur wenig auf Frankfurter Buchmesse 2014 - Russische Literaturdem Schirm, was finnische Literatur bietet und mit wem man sich näher auseinandersetzen sollte. Dafür verzog es mich in die internationale Halle fünf. Den russischen Stand nahm ich näher ins Visier und zog zu einer weiteren Diskussionsrunde, »Russische Literatur: Die letzten Nachrichten«. Neben Dmitri Gluchowski (kennt man vielleicht durch seine beiden »Metro 2033/ 2034«-Romane) und Yury Buida waren sich die restlichen Schriftsteller alle einig, dass die neue Generation der russischen Literaten nur Rotz produziere.

Gluchowski nannte es einen Rückwärtsgang und holte dann mit politischen Argumenten aus. Buida, der eher gelangweilt, selbstischer und arrogant wirkte, meinte, dass die Jüngeren nicht mehr leiden wollen und dass dadurch eine Art von Literatur entstehe, die stillsteht und die er vor 30 Jahren zu Beginn seiner Karriere verfasst haben könnte. Modern in der russischen Literatur sei es, die Historie zu verändern und danach sein Sujet zu bauen. Also, was wäre …, wenn z.B. die Sowjetunion erhalten geblieben wäre und Stalin bis nach Paris vorgedrungen wäre. Solche Gedanken. Alle Teilnehmer gingen mit dem Nachwuchs hart ins Gericht und wirkten auf mich, als ob sie sich selbst auf eine höhere Stufe stellen lassen wollen und sich ständig im früher war alles besser-Modus befänden. Aber gut, wie es tatsächlich um die Nachkommen steht, mag ich nicht beurteilen, dazu fehlt mir das Wissen, da ich die ganzen Werke der neuen Generation selbst nicht gelesen habe.

Unterm Strich wollte ich selbstverständlich deutlich mehr Veranstaltungen besuchen, aber mein Plan ging kaum auf. Entweder habe ich mich verguckt, aufgehalten oder mir hat schlichtweg die Energie gefehlt, den Kampf anzunehmen. Doch später, am nächsten Tag, ausgeruht und halbwegs frisch nach ordentlichem Kaffee, fühle ich mich wie ein Held, der sich tapfer geschlagen und behauptet hat. Der Trophäen nach Hause geschleift hat, Broschüren und Papierberge, die er jetzt im Zuge der Messe-Nachbereitung aufzuarbeiten beginnt.

4 thoughts on “Müde Augen, müde Knochen | #fbm14

  1. Hallo Muromez, dein Kommentar zum buchmesse-rundgang fand ich sehr erfrischend und informativ. Mein eindruck zu Andrei Kurkow gleicht deinem. Er hat immer einen von ihm geschätzten Kollegen oder eine Kollegin im Schlepptau, denen er wohl den Rummel „Buchmesse in Deutschland“ erleichtert. Letztes Jahr erlebte ich ihn mit Maria Matios (Darina die Süße) und dieses Jahr mit Jurij Wynnytschuk (Im Schatten der Mohnblüte). Das Buch ist auch im Haymon Verlag erschienen. Habe bisher nur den Anfang gelesen, scheint aber ein wunderbarer Erzähler zu sein.

    • Hallo Anne,

      „Im Schatten der Mohnblüte“ liegt hier bereits und wartet darauf, gelesen zu werden. Darauf freue ich mich bereits, auch angesichts deines positiven Eindrucks. Außerdem freut es mich, dass dir mein Beitrag gefallen hat.

      Viele Grüße
      Muromez

  2. Pingback: Frankfurter Buchmesse 2014 – Tage wie im Rausch. | Klappentexterin

  3. Pingback: Messeimpressionen aus Frankfurt | glasperlenspiel13

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