Reinhard Jirgl – Nichts von euch auf Erden (Lesung)

Als Sprachexperimentator wird Reinhard Jirgl begrüßt, der durch die lautmalerischen Elemente, besondere Orthografie und Typografie in seinen Texten sehr eigensinnig vorgehe und weh tue. Zitiert wird eingangs Helmut Böttiger, der in seiner Laudatio auf den Georg-Büchner-Preisträger darauf hinwies, dass Jirgls Romane schmerzhaft zeitgenössisch seien – Jirgl wäre außerdem das, wovor die Germanistikprofessoren immer gewarnt hätten. In der Universität Paderborn hat Reinhard Jirgl im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Deutsche Literatur der Gegenwart« als erster Autor in diesem Wintersemester aus seinem Werk »Nichts von euch auf Erden« gelesen.

Dieser Science-Fiction-Roman (oberflächlich kann er dieser Gattung wohl zugeordnet werden) spielt im 25. Jahrhundert und Jirgl fordert seine Hörer gleich auf, die eigene Fantasie anzustrengen und zu versuchen, sich in diese Zeit hineinzuversetzen. Reinhard Jirgl – Nichts von euch auf Erden (Lesung)Mars und Mond sind mittlerweile bevölkert, die Erde hat zahlreiche Weltkriege hinnehmen müssen und ist zu einem künstlichen Paradies gereift. Entstanden sind genetische Umgestaltungsprogramme, körperliche, menschliche Nähe ist überflüssig geworden. Zudem hat sich ein menschenverschlingendes Arbeitsregime etabliert.

Jirgl beschreibt das Szenario eines Mannes, der irgendwo im Nirgendwo sitzt und dem jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen ist. Genau genommen ist dieser ein Gefangener, der eingesperrt sich unter der Oberfläche des Mars befindet. Die panamerikanische Union herrscht (?), das Motto des Staates: »Es ist euer Recht das Leben zu hassen.« Das was der Mann sieht, fühlt und riecht wird sehr ausführlich, gehaltvoll und detailliert dargestellt. [Anmerkung: Die kleine Inhaltsangabe beruht darauf, was ich mir beim Hören der Sequenzen so zusammengereimt habe und – davon bin ich überzeugt – entspricht höchstwahrscheinlich nicht dem, was tatsächlich im Buch passiert.]

Zwischenzeitlich bricht Jirgl ab und erklärt im Gespräch, was die Auslöser für ein derartiges Werk waren. Das Buch Esra (im Alten Testament der Bibel enthalten) habe Jirgl_24127_MR.inddihn inspiriert, weil darin die ersten ethnischen Säuberungen erwähnt werden. Zudem lagen Jirgl Terraforming-Dokumente vor, die ihn beeindruckt hätten. Interessant bei dieser Lesung ist vor allem, dass Jirgl seine besondere Schreibe – ein Blick auf die Rezension von SchöneSeiten lohnt – mündlich kaum überliefern und transportieren kann. Die präparierte Schrift mit der Verzifferung, für die Jirgl steht und die vielen Schwierigkeiten bereitet, beinhalte eine zweite Sinn- und Arbeitsebene. Die Schrift verbinde sich mit Bild und Körper, was dadurch einen besonderen Charakter ergibt. Jirgl, der über seine spezielle Darstellung schon Vorträge gehalten hat, sieht in einem Buch, ähnlich wie beim Theater, eine dreidimensionale Form.

Im zweiten Teil der Lesung komme ich nur schwer hinterher und werde überrannt. Ein Uranus-Projekt, Sprengungen, Apokalypse und morphologische Bücher, das kann ich nicht mehr verbinden, geschweige es in einen Kontext einordnen. Wissenschaftliche Abhandlungen und Essayistisches treffen sich, während um mich herum Fragezeichen schwirren. Alles wirkt abgespact, schwer fassbar, da mit zu vielen Einzelheiten versehen. Mein Aufnahmegerät da oben drückt automatisch, obwohl ich mich anfangs noch sträube, den Off-Knopf. Ich steige aus. Das dystopische »Nichts von euch auf Erden« kann sicherlich als ein hochkomplexes und gleichzeitig künstlerisches Gebilde und Gesamtprodukt betrachtet werden, das erkenne ich durchaus an. Aber alleine durchs Zuhören ist es, unheimlich schwer zu fassen, mir zumindest irgendwann unmöglich gewesen. Ob ich es nach diesen Impressionen lesen würde? Lasst mich mal kurz überlegen … nein.

[Buchinformationen: Jirgl, Reinhard (2013): Nichts von euch auf Erden. Hanser Verlag. 512 Seiten. ISBN: 978-3-446-24127-5]

4 thoughts on “Reinhard Jirgl – Nichts von euch auf Erden (Lesung)

  1. So wie es dir beim Zuhören ging, ging es mir auch beim Lesen. Jirgls Literatur birgt viele spannende Aspekte – aber für mich ist das nicht. Und dabei bin ich nun wahrlich kein Fan der leichten Kost.
    Ich habe Jirgl übrigens einmal selbst erlebt, und zwar bei der Shortlist-Lesung in Frankfurt im vergangenen Jahr. Dort habe ich ihn als überraschend angenehm empfunden; das, was er sagte, war interessant und keineswegs verstiegen. Aber das liegt womöglich auch an dem zeitlichen Rahmen von einer halben Stunde, in dem der Roman vorgestellt wurde (samt 10-minütiger Lesung). Eine komplette Lesung à 60 oder gar 90 Minuten hätte wohl auch ich als mühsam empfunden.

    • Nein, ich glaube, dass es beim Zuhören durchaus noch wesentlich komplizierter sein kann als beim Lesen 🙂 Dass was Jirgl zwischendurch gesagt und erklärt hat, war eigentlich auch recht plausibel, sodass man ihm folgen konnte. Ansonsten ist sein Werk sicherlich für die Literatur- oder besser gesagt Sprachwissenschaft besonders aufschlussreich. Betrachtet man es aber als „Normalo“, kann es wie größtenteils uns beiden ergehen 😉

  2. Hallo, unbekannterweise. Vielleicht seit ihr beide nur beim falschen Werk eingestiegen? Ich kenne das rezensierte Buch nicht – aber ich verehre seine Roman „Die Unvollendeten“, dort wird es nicht so außerirdisch, wie es sich hier anhört.

    Er entwickelt sich nachvollziehbar weiter von Buch zu Buch und da kann er durchaus in einer Sphäre ankommen, die man als Leser eventuell nicht (mehr) nachvollziehen kann. Geht ja auch vielen mit Handke oder Walser so.

    Jirgls Thema scheint mir zu sein – das nirgendwo ankommen können, weil er selbst Nachfahre einer „Ethnischen Säuberung“ ist. Ob DDR-Wende (im Sinne von Drehung aller Werte), Vertreibung oder alttestamentarische Ausrottungsratschläge … Die „Unvollendeten“ stecken da Erkenntnislichter auf. DIE lohnen sich auf jeden Fall.

    • Hallo zurück und danke für die Tipps!

      Nach der im Text beschriebenen Erfahrung nehme ich erst mal Abstand vom Autor, sollte ihm irgendwann mal aber sicherlich noch eine Chance geben – auch aufgrund deiner Überzeugungskraft 🙂

      Beste Grüße

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