J. R. Moehringer – Knapp am Herz vorbei

J. R. Moehringer - Knapp am Herz vorbeiUnzählige Banküberfälle. Drei Gefängnisausbrüche. Jahrelange Haftstrafen. In seinem zweiten Roman widmet sich J. R. Moehringer dem guten Gangster Willie Sutton, der trotz seiner zahlreichen Verbrechen Sympathie in den Staaten genoss. Selbstredend hat Moehringer eine fiktive Geschichte über Sutton entwickelt. Im Einklang mit der Fantasy sich auf die Spuren von Amerikas beliebtesten Dieb geheftet und »eine es könnte so gewesen sein-Geschichte« entworfen.

»Der Tod steht vor deiner Tür, zieht sich die Hose hoch, zeigt mit dem Stock auf dich – und überreicht dir die Begnadigung.«  Weihnachten 1969, ist es so weit. Nach 17 Jahren wird die Zelle von Willie the Actor entriegelt, er darf wieder ein freier Mann sein. Vier Jahrzehnte dauerte seine kriminelle Karriere an. Mittlerweile ergraut und altersschwach, verlässt er die vier kargen Wände. Die Medienmenschen scharren sich vor dem Knast, wollen über die sensationelle Nachricht berichten. Aber Willies Anwältin hat einen Vertrag abgeschlossen: an ein bestimmtes Blatt die exklusiven Rechte verkauft. Sutton wird von diesem für eine Reportage als erstes ausgeliehen.

Ein unerfahrener Schreiber und ein Knipser fahren mit Sutton durch New York an wichtige Stellen seines Lebens, der kriminellen Karriere, wo sich Willie erinnert. Wie er von seinen irischen Brüdern misshandelt worden ist. Wie er seiner einzigen Liebe begegnete, durch die er schließlich zum Verbrecher wurde. Wie er sein erstes Mal mit einer einarmigen Prostituierten hatte. Wie er die ersten Banken, die wiederum die kleinen Leute beklauten, auseinandernahm. Wie er seine Taten erklärte. Wie er gefasst wurde und wie er ausbüchste. Wie er Versuche startete, sich zu resozialisieren. Wie das Leben zurzeit der Depression und Massenarbeitslosigkeit war. Und wie er die Literatur entdeckte.

Er stolpert zurück in seine Absteige. Für eine Woche ist noch bezahlt. Und dann? Er legt sich auf das klumpige Bett, zieht die säuerlich riechende Decke ans Kinn. Sie riecht nach dem vorherigen Mieter. Und dem davor und dem davor. Er stellt sich vor, wie sie alle daliegen, von denselben Sorgen bedrückt. Dann nickt er ein. Eine Weile später wacht er schweißgebadet auf, sein Nachbar klopft an die Wand. Schnauze da drüben! Offenbar hat er wieder im Schlaf geschrien. (S. 233)

Willie Sutton sei für den Autoren J. R. Moehringer gerade deswegen so interessant gewesen, weil dieser unheimlich kultiviert war für einen Kriminellen. Bücher las, sich bildete, regelmäßig ins Kino und Theater ging, Sportevents besuchte – und vor allen Dingen eine Art gewaltloser Robin Hood war. Dabei geht Moehringer in ein historisches New York zurück, fädelt Personen aus zum Beispiel der Rockefeller Familie und bindet Ereignisse wie den Banken-Crash mit ein. Das ist auch das große Plus seines Romans, da diese Stellen dokumentarisch, authentisch dadurch glasklar erscheinen. Moehringer hat dabei mehr als ordentlich recherchiert.

Gewiss hat die Figur Willie Sutton etwas Außergewöhnliches und Kurioses. Seine Charakterzüge, die stets von Humor gekennzeichnet sind sowie die Weisheit. Seine Tricksereien, mit denen er in verschiedenen Aufzügen in schauspielerischer Art in die Banken trat. Die arg konstruierte kitschige Liebesgeschichte mit seiner Bess macht allerdings viel kaputt. Wirkt wie ein Märchen, dem noch unbedingt etwas Liebe, Tränen und Rotz eingeflossen werden sollte – Firlefanz.

Ansonsten liest sich »Knapp am Herz vorbei«, mit mehreren Dialogen versehen, ziemlich flott weg. Die Sprache ist eine eher einfache, ohne dass das Niveau sinkt. Eine zum Teil glaubwürdige Abhandlung der Person Willie Sutton gelingt nicht immer. Der Autor verstärkt sich zu sehr auf das Wie, statt zu versuchen, noch mehr in Sutton reinzugucken, wodurch sicherlich am Ende Teilnahme an Suttons Schicksal bestehen kann, allerdings keine nähere, intensivere Beziehung.

Dabei sind die meisten Kritiken zu »Knapp am Herz vorbei« wohlbestimmt und schwellen nur so von Begeisterung. Schon mit der Sucht-Literatur und dem Debüt von J. R. Moehringer, »Tender Bar«, konnte ich mich nur vage anfreunden. Seinen Zweitling ordne ich damit leider in der gleichen Schublade ein: hat mich nicht sonderlich berührt.

»Knapp am Herz vorbei« fehlt das gewisse Etwas und der Touch. Es bleibt der Gedanke: da ginge noch mehr. Deswegen nicht nur knapp am Herzen und Durchschnitt vorbei, sondern bedauerlicherweise kompletter Durchschnitt.

[Buchinformationen: Moehringer, J.R. (Februar 2013): Knapp am Herz vorbei. S. Fischer Verlag. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Jakobeit. Titel der Originalausgabe: Sutton (2012). 448 Seiten. ISBN 978-3-10-049603-4]

[Anmerkung: Viel besser kommt der Roman in den Rezensionen von Buzzaldrin und der Klappentexterin weg.]

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