Jorge Semprún – Die große Reise

Jorge Semprún - Die große ReiseRund zwei Jahrzehnte, 1963, nach der Deportation (1943) ins KZ Buchenwald erscheint der autobiografische Roman »Die große Reise« des spanischen Schriftstellers Jorge Semprún (1923 – † 2011). Semprún ist Widerstandskämpfer in Frankreich, ein Partisan der Maquis gewesen und wird dafür ins Arbeitslager verbannt. 1941 schließt er sich der kommunistischen Résistance unter dem Decknamen Gerard an. Die Maxime: Der Zwangsarbeit zu entgehen, eine Art Selbstbefreiung, die später zu Konfrontationen mit den Nationalsozialisten ausrudert. In seinem Debüt verarbeitet er die unterschiedlichen Facetten seiner großen, unfreiwilligen »Reise«.

Semprúns Werk ist kaum strukturiert (»Aber diese Geschichte schreibe ich ja, und ich kann machen, was ich will.«), zwar offensichtlich unterteilt in zwei Kapitel (1. die Reise 2. der Beginn der Häftlingszeit/die Ankunft in Buchenwald), inhaltlich pappt der Autor allerdings mehrere Zeitebenen aneinander. Zum einen wäre da der Transport, auf den er sich immer wieder zurückbesinnt, ins geografisch damals unbekannte Ziel. Zusammengepfercht mit 120 anderen Inhaftierten schildert er die Überfahrt. Ohne Essen. Ohne Trinken. Ohne Hygiene. Dafür nach und nach mit Leichen. Zeigt handfest, dass die alleinige Beförderung der Gefangenen schon der erste Teil der Entmenschlichung war, die restlos am Ankunftsort erfolgte. Das Transportwesen als Funktionalität eines KZs quasi – der Mensch wird zum Tier.

Immer wieder verweist er auf den Jungen aus Semur (ebenfalls einem Widerstandskämpfer) mit dem er sich in seinem Abteil unterhält, diskutiert und Freundschaft schließt. Diese Person stellt etwas Fiktives dar, wie sich am Ende herausstellt, als Gerard in Buchenwald ankommt und den »Jungen« tot im Waggon zurücklässt. Stellvertretend für seine Persönlichkeit, die fortan erlischt.

Alles ist aus, diese Reise ist aus, ich muß meinen Kameraden aus Semur verlassen. Das heißt, er ist es ja, der mich verlassen hat, ich bin jetzt ganz allein. Ich lege seinen Leichnam auf den Boden des Wagens, und es ist, als legte ich mein eigenes vergangenes Leben, alle Erinnerungen, die mich mit der Welt von früher verbinden, für immer ab. (S. 222)

Ebenso nimmt Semprún die Täterrolle ins Visier. Bereits in Frankreich inhaftiert und »zwischengelagert«, nimmt er ein Gespräch mit einem deutschen Soldaten auf. Versucht ihn aus der Reserve zu locken. Ihn auszufragen, warum er diene und sich nicht von den Taten der Nazis distanziere. Am Bewusstsein appelliert und feststellt, dass der Feind auch in Handschellen liegt wie er.

Ich wollte nur zeigen, daß es auf die Frage des deutschen Soldaten in Auxerre: »Warum sind Sie verhaftet?« nur eine einzige Antwort gibt: Ich bin gefangen, weil ich ein freier Mensch bin, weil ich mich gezwungen sah, meine Freiheit zu leben, weil ich diesen Zweck auf mich genommen habe. Und ebenso gibt es nur eine einzige Antwort auf die zweite Frage: »Warum sind Sie hier?«, die ich an jenem Oktobertag dem deutschen Wachtposten gestellt habe und die sich noch als viel schwerwiegender erweist. Er ist hier, weil er nirgends sonst ist, weil er nicht die Notwendigkeit empfunden hat, anderswo zu sein. Weil er nicht frei ist. (S. 45/46)

Aber auch die Erinnerung, respektive die Beseitigung der Erinnerung kommt beim Autor zur Sprache. So trifft er Jahre später nach der Befreiung auf eine Deutsche, Sigrid, die von der Todesmaschinerie nichts wissen und die Schuld nicht auf sich und ihre Landsmänner nehmen möchte. Beseitigung der Vergangenheit, Fokus auf die Gegenwart.

Und vielleicht wird sie deshalb diese Sonderstellung in meinem Bericht einnehmen, weil sie ganz einfach mit aller Kraft ihres Wesens das Vergessen dieser Vergangenheit ist oder zu sein versucht – einer Vergangenheit, die vergessen werden kann, weil sie der Wille zum Vergessen dieser Vergangenheit ist, die nie mehr aus der Welt geschafft werden kann, die Sigrid jedoch von sich weist, die sie aus ihrem Leben und dem Leben aller um sich herum verbannt mit ihren aus jedem lebendigen Augenblick geschöpften Glück, mit ihre schneidenden Gewißheit des Todes, die aus der Vergangenheit hervorsickert wie herbes und kräftigendes Harz. (S. 150)

Tragische Elemente wie die Beschreibungen und Beobachtungen der Gräueltaten lassen dem Rezipienten kalten Schweiß auf der Stirn auftauchen. So erzählt Semprún die Geschichte einiger jüdischer Kinder nach, die gerade ankamen und mit denen die Nazis eine »Treibjagd« veranstalteten. Die dressierten Hunde auf sie gehetzt, schlagen sie mit Knüppeln auf diese Wehrlosen ein. Beseitigen die Knospen des Lebens. Fürchterlich…

Die Kinder liefen, ihre Mützen mit den langen Schirmen tief über die Ohren gezogen, ihre Beine bewegten sich ungeschickt, zugleich ruckweise und langsam wie im Kino, wenn ein alter Stummfilm gezeigt wird, wie in Albträumen, wenn man aus Leibeskräften rennt, ohne einen Schritt voranzukommen, und das Etwas, das einen packen will, packt einen, und man wacht in kalten Schweiß gebadet auf, und dieses Etwas, diese Meute von SS-Hunden, hatte bald die schwächsten unter ihnen niedergerannt, diejenigen, die vielleicht nur acht Jahre alt waren, die bald nicht mehr die Kraft hatten, weiterzurennen, sie wurden zu Boden geschleudert, zermalmt, mit Knüppeln erschlagen, blieben an der Straße ausgestreckt liegen und bildeten mit ihren abgemagerten, ausgerenkten Körpern die Wegmarken der Treibjagd, der Meute, die über sie wegbrauste. Bald blieben nur noch zwei von ihnen übrig, ein großer und ein kleiner, (…), ihre Augen glänzten wie schimmerndes Eis in ihren grauen Gesichtern, und der kleiner begann zurückzubleiben, die SS-Männer brüllten hinter ihnen her, auch die Hunde begannen zu brüllen, der Blutgeruch brachte sie außer sich, aber da hielt der größere der Jungen im Laufen inne und nahm die Hand des kleineren, der schon stolperte, und sie legten zusammen noch ein paar Meter zurück, die linke Hand des Jüngeren in der rechten des Älteren, bis die Knüppel auch sie niederstreckten und sie nebeneinander mit dem Gesicht zu Boden fielen, ihre Hände auf immer vereint. Die SS-Männer sammelten die Hunde, die unzufrieden knurrten, legten den Weg in umgekehrter Richtung noch einmal zurück und jagten jedem der Kinder, die da auf der breiten Straße unter dem leeren Blick der Hitleradler ausgestreckt lagen, eine Kugel durch den Kopf. (S. 169/170)

Neben diesen Themen arbeitet Semprún auch u.a. seine Schul- und akademische Zeit ab, die Wiederkehr nach Frankreich, die Vergangenheitsbewältigung durch Verbergen – die Deportation wird immer ein Teil von ihm bleiben – und die Befreiung. Nachdem die Alliierten das KZ Buchenwald »auflösen«, geht Semprún ins unmittelbar nahe Dorf, auf das er aus dem KZ geblickt hat und welches wiederum auf ihn geschaut hat. Dort klopft er an einer Tür, um einem einmaligen Blick aus dem »Aussichtsturm« aufs Lager zu erhaschen. Er fragt die Bewohnerin, ob sie abends immer auf den Krematoriumsschornstein schaute. Sie begründet es damit: »Meine beiden Söhne sind im Krieg gefallen.«

Sie wirft mir also die Leichen ihrer beiden Söhne zum Fraß vor, zieht sich hinter die toten Körper ihrer im Krieg gefallenen Söhne zurück. Sie versucht mir einzureden, ein Leid wiege das andere auf, alle Toten wögen gleich schwer. Dem Gewicht meiner toten Kameraden, dem Gewicht ihrer Asche stellt sie das Gewicht ihres eigenen Leides entgegen. Aber nicht alle Toten wiegen gleich schwer. Kein Gefallener der deutschen Armee wiegt je so schwer, wie das Gewicht des Rauches eines einzigen meiner toten Kameraden. (S. 158)

Jorge Semprún schreibt gehoben, hochgeistig. Die etwas verzwickte Erzählweise strengt an manchen Stellen zwar etwas an, macht das Werk aber auch zu etwas eindeutig Anspruchsvollem. »Die große Reise« gehört zu der literarisch wertvollsten »Häftlingsliteratur«. Ein fesselnder Bericht, der zur Verarbeitung gedient hat: die ewigen Fesseln irgendwie zu lockern.

[Buchinformationen: Semprún, Jorge (1981); Die große Reise. suhrkamp taschenbuch. Aus dem Französischen von Abelle Christaller. 244 Seiten. ISBN: 978-3-518-37244-9]

[Eine weitere gelungene und aufschlussreiche Rezension findet sich bei aus.gelesen.]

3 thoughts on “Jorge Semprún – Die große Reise

  1. Von Semprún habe ich das Buch Schreiben oder Leben gelesen, es hat mich damals sehr beeindruckt. Ich mochte Semprúns fragmentarisches, mäanderndes, assoziatives Erzählen, das Vor- und Zurückspringen zwischen der Jetztebene und der Vergangenheit. Ein sehr kluger, auch ergreifender Text und ein beeindruckender Mann.

      • Ja, genau. Semprún hat sich lange Zeit nicht imstande gesehen, über seine Erfahrungen zu sprechen, geschweige denn zu schreiben. Er hatte immer das Gefühl, dass, wenn er seine Erinnerungen einmal ans Tageslicht holt, sie ihn blockieren, ihm das Leben unmöglich machen würden. Er sich also unmittelbar nach Kriegsende für das Leben entschieden, nicht für das Schreiben, hat verdrängt und geschwiegen. Erst mit Die große Reise hat er sich zum Reden durchringen können. Genau diesen Kampf mit sich selbst beschreibt er in Leben oder Schreiben, das 1994 erschienen ist.

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