Jussi Adler-Olsen – Erbarmen

Jussi Adler-Olsen - ErbarmenEine lange Schlange. Ob es da was umsonst gäbe? Ja, Jussi Adler-Olsen verteile Signaturen. Dieses Szenario bemerkte ich auf der Frankfurter Buchmesse 2012, konnte dann aber die Popularität des Dänen nach dem Rezipieren seines Erstlings „Das Alphabethaus“ nur partiell verstehen. Grund genug ihm eine weitere Chance zu geben. „Erbarmen“ heißt sein Durchbruch, der ihn zum bestverkauften dänischen Krimiautoren mitverantwortlich machte. Eine Adaption wird in diesem Jahr auf den Kinoleinwänden zu sehen sein.

Eigentlich hat der verbitterte Carl Mørck überhaupt keinen Bock mehr auf seinen Job bei der Mordkommission. Bei einem Tatort wurde er fast selbst zur Leiche, entkam gerade so ohne große physische Verletzungen – anders als seine beiden Kollegen. Der eine überlebte das Attentat nicht, der andere seitdem querschnittsgelähmt, ein Wrack. Ständig übellaunig, gereizt sowie „unleidlich, faul, mürrisch, nörgelig“ versetzt ihn sein Chef Marcus Jacobsen in das Sonderdezernat Q.

Klingt nach einer Beförderung, ist sie aber nicht. Denn der Kriminalpolizei wurden reformbedingt neue Gelder auf dem Silbertablett serviert und Mørck, alles andere als ein Teamplayer, soll aussortiert werden, wird nicht nur symbolisch in den Keller geschickt, wo er seine Zelte und sein Büro aufschlagen muss. Zur Hand bekommt er noch den potentiellen Kaffekocher mit Migrationshintergrund, Dauerkopierer und Putzfrau Assad. Mørck soll aus seiner Trägheit erwachen, die Kollegen in Ruhe lassen und die Mordaufklärungsrate verbessern – ein Versuch der Resozialisierung.

So sitzt Carl Mørck, der von seiner Künstlerfrau, die sich partout nicht scheiden lassen will, getrennt, aber samt Stiefsohn und einem Dauerstudenten (verantwortlich für den Haushalt), lebt, unten seine Zeit ab und prokrastiniert nach allen Regeln der Kunst. Dösen, rauchen, auf die Uhr schauen. Der lebensfrohe Assad animiert irgendwann den prädestinierten und frustrierten Mørck, mal einige Akten in die Hand zu nehmen.

Gemeinsam rollt das ungleiche Paar einen alten, ungelösten Fall von vorne noch einmal auf. Beide merken nach und nach, dass dieser doch ziemlich verworren ist und die einstigen Ermittlungen von zahlreicher Unachtsamkeit geprägt sind. Es geht um das Verschwinden der schönen Politikerin Merete Lyngaard, die scheinbar bei einer Überfahrt von vor fünf Jahren von der Fähre gefallen sei. Deren sterbliche Hülle jedoch nie gefunden wurde. Sukzessiv spürt Mørck, dass an der Sache was faul ist, wodurch die Puzzlestücke immer mehr zu einem Ganzen werden.

Parallel zur Erzählung kommt auch die von der Erdoberfläche verschwundene Merete Lyngaard zu Wort, respektive schildert ihre Gedanken. Sie ist in einem Käfig eingesperrt, unwissend warum, aber doch schon bald feststellend, dass es keinen Ausweg gibt und es sich um eine Druckkammer handelt:

Als Merete sich nach einigen Tagen an das Licht gewöhnt hatte, hob sie nur langsam und vorsichtig den Blick, aus Angst, von ihrem eigenen Spiegelbild überrumpelt zu werden. Doch nach und nach hatte sie den Blick aufwärts wandern lassen – bis sie schließlich ihrem Angesicht gegenüberstand. Der Anblick hatte ihr tief in der Seele wehgetan. Sie hatte die Augen für einen Moment schließen müssen, so grausam war der Eindruck. Nicht, weil sie wirklich so schlecht aussah, wie sie befürchtet hatte. Nein, nicht deshalb. Ja, das Haar war fettig und verfilzt und die Haut unendlich blass. Aber das war es nicht. Ihr gegenüber stand ein Mensch, der verloren war. Das war es. Ein Mensch, zum Sterben verurteilt. Eine Fremde – vollkommen allein in der Welt. (S. 122)

Früh offenbart Jussi Adler-Olsen die journalistischen Ws (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?) und lässt die Katze aus dem Sack. Die Spannungserzeugung hängt einzig damit zusammen, wie am Ende alles aufgeklärt wird. Dabei pflanzt der Autor seinem Protagonisten Carl Mørck eine gewisse Schlagfertigkeit mit auf den Weg ein, die doch das eine oder andere Mal ein Feixen generiert:

Er runzelte die Stirn und ging einen Schritt auf sie zu. »Wenn du mir das nächste Mal an die Eier gehst, dann punktiere ich deine Silikonbomben und behaupte, das sei passiert, weil du dich der Festnahme widersetzt hast. Wenn du dann in der Zelle in Hillerød an eine ziemlich weiße Wand starrst, wirst du dir wünschen, deine Attacke zurücknehmen zu können. Können wir jetzt weitermachen, oder hast du noch etwas hinzuzufügen meine edleren Teile betreffend?« (S. 247/248)

Freilich ist „Erbarmen“ wirklich gelungen, zum Teil samt Innovationen. Ein Opfer, das steigendem Druck in solch einer Kammer ausgesetzt wird und innerlich zu explodieren droht, begegnete mir bisher noch nicht. Trotzallem lassen sich einige Härchen in der Suppe finden – wie es so oft bei Krimis/Thrillern vorkommt. Zu viele Zeugen, die Carl Mørck befragt, sind homosexuell, und erklären durch ihre Sexualität einiges. Etwas, was mir zu häufig gewählt wurde, meiner Meinung nach eher atypisch ist, oder gibt es in Dänemark tatsächlich so eine hohe Anzahl Gleichgeschichtlicher? Etwas gekünstelt wirkt auf mich auch die Figur Assads, der ja eigentlich ein Niemand ist, trotzdem Adler(Olsen-)augen hat und dabei eine Begabung fürs Ermitteln verinnerlicht. Nur kann so ein Jemand einfach in solche polizeilichen Prozesse eingeweiht werden? Oder ist dieses der Gleichgültigkeit Carl Mørcks geschuldet, seiner Einstellung zu dem ausgeübten Beruf?

Ein Punkt, der mich stark an „Das Alphabethaus“, mit dem über den Schatten springen, erinnert, hat mit dem Bruder Merete Lyngaards zu tun. Dieser Mann, Uffe, leidet seit einem Autounfall an extremen psychischen Nachteilen und kann nicht kommunizieren. Carl Mørck überwältigt diesen dann doch irgendwie mit einem ausgeklüngelten Plan, etwas von sich preiszugeben und auf Hinweise zu deuten. Die Reaktion Uffes erscheint mir kaum realistisch. Ebenso zu einfach konstruiert die Szene, als Mørck Merete Lyngaards altes Mobiltelefon findet und ihre PIN durch sicheres Kombinieren natürlich beim dritten Versuch ganz locker, flockig löst. Na klar! Sollte vielleicht neben der Arbeit ein paar Konten leerfegen!

Dieses Mal weiß Jussi Adler-Olsen zu überzeugen und bestraft mich für voreilige Schlüsse. Somit reiht er sich in die Garde der außergewöhnlichen skandinavischen Autoren ein, die dieses Genre geprägt haben. Obwohl „Erbarmen“ zu Beginn erbarmungslos langsam anläuft, entwickelt es sich hinterher zu einem Pageturner. Adler-Olsen kann also doch was und die Warteschlange der Buchmesse hat nun ihre Berechtigung für mich.

2 thoughts on “Jussi Adler-Olsen – Erbarmen

  1. Ich mag diese Reihe sehr gerne und finde, dass sie mit jedem weiteren Teil besser wird. Vielleicht liegt das daran, dass ich von der Zusammenstellung der unterschiedlichen Charaktere hinsichtlich des Ermittlerteams so begeistert bin, denn das ist bei einer Krimireihe oft schon die halbe Miete und lässt mich über vereinzelte Schwachpunkte hinwegsehen. Sie bleiben nicht eindimensional, sondern entwickeln sich weiter, sodass der Leser Stück für Stück mehr über ihre Geheimnisse und Hintergründe erfährt – auch wenn Adler-Olsen dabei an manchen Punkten etwas übertreibt. 😉

    Das Alphabethaus besitze ich mittlerweile auch, habe es jedoch noch nicht gelesen. Es hat lange gedauert, bis ich mich zum Kauf entschieden habe, da ich von Werken abseits einer erfolgreichen Reihe desselben Autors oftmals enttäuscht war (siehe z.B. Simon Beckett). Die Neugier war letztendlich aber größer.

    • Bin gespannt, die anderen Teile kommen ebenfalls noch vor die Linsen. Dass es sich dabei um Steigerungen handeln soll, treibt meine Motivation auch an. Ebenso bin ich gespannt, was du vom „Alphabethaus“ hältst, befürchte allerdings, dass es dir ähnlich wie bei Simon Beckett ergehen wird 😛

      Neulich bekam ich mit, wie eine Buchhändlerin das „Alphabethaus“ einer Kundin in höchsten Tönen empfohlen hatte. Von wegen, ein ultraspannender Erstling, hin und her. Sie habe es angelesen… Aufgrund des Anlesens entschuldigen sich ihre Aussagen vielleicht, denn unterm Strich ist das Werk eher unsinnig. Nun ja, du hast mich motiviert, ich will dich mit meiner Subjektivität nicht demotivieren – zumal es schon gekauft ist und aufs in „die Hand nehmen“ wartet 😉

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